Ausgabe 6 – 20

Neulich beim Höhlenvolk

Vermutlich wäre mir die Höhle gar nicht aufgefallen, wenn an diesem Tag nicht besonders gleißendes Sonnenlicht das Innere geflutet hätte. Neugierig betrat ich das muffig, schlecht gelüftet riechende Innere, ein Raum von gigantischer Größe, in dem unzählige Menschen vor Bildschirmen hockten, auf kleine Handydisplays starrten, Computerspiele für Frühdebile spielten oder sich mit Geräten unterhielten, die sie mit Alexa ansprachen. Warum mir grade Platon einfiel und nicht –sagen wir – Tabaluga, liegt wohl auf der Hand. Nur anders als bei Platon handelte es sich hier nicht um Gefangene, sondern um freiwillig eingehöhlte Wesen, die jegliche Realität ausgeblendet hatten und stattdessen digitalen Schattenbildern frönten. Mir schlug eine massive Form menschlicher Abgewandtheit und Gleichgültigkeit entgegen; überflüssig zu erwähnen, dass man von mir keinerlei Notiz nahm. „Hey“, rief ich, „was macht ihr da?“ Einige zischelten „Ruhe“, irgendwer brüllte barsch „Halt´s Maul!“, danach wandte man sich wieder seinen Realitätssurrogaten zu. „Geht’s noch“, wurde ich deutlicher, „seht ihr denn gar nicht, dass da draußen grade die Erde von die Wand gefahren wird? Dass die komplette Politik von rechtsradikalen Kräften unterwandert wird? Dass …“ Weiter kam ich nicht, da streckte mich ein Fausthieb nieder. Über mir stand ein blass wirkender Protestwähler: „Wenn du Greta spielen willst, geh nach Schweden!“ und trat mir noch einmal in die Magengegend.

Ich schleppte mich nach draußen und dachte für einen Moment, wie dämlich ich bin. Hatte ich doch vergessen, dass die Wirklichkeit keine Sau interessiert.

Bloß kein Tempolimit!

Ich bin völlig gegen Tempolimit! Bloß nicht! Wo sollen die ganzen chronisch untervögelten und triebgesteuerten Menschen nur hin mit ihrem Hormonstau? Bei jedem, der mich auf aggressive Weise überholt, denke ich immer: Verdammt, musst du ein beschissenes Liebesleben haben! Und dann ist da immer auch etwas Mitleid!

Mein Hund Brutus

Ich besitze einen großen schwarzen Hund. Er schaut nicht sonderlich freundlich aus; eher gefährlich, geradezu aggressiv, weswegen ich schon mal überlegt habe, ihn Brutus zu nennen. Es ist natürlich kein richtiger Vierbeiner, für den man in einem Automaten schwarze Tüten für seine Hinterlassenschaften ziehen kann, um seine Haufen plastiniert in die Rabatten zu werfen (ein Grund mit, warum man ständig nach künstlicher Intelligenz forscht!), sondern Brutus ist ein innerer Hund. Er ist nicht der berühmte Schweinehund, sondern eine besondere Gattung. Er knurrt, fletscht die Zähne und schnappt zu, wenn er auf bescheuerte Menschen trifft. All die Armleuchter, die gleichgültig, oberflächlich, desinteressiert, profilneurotisch, machtbesessen und egoistisch durchs Leben laufen. Und da er auch ab und zu nach mir selbst schnappt, empfinde ich ihn als soziales Korrektiv. Brutus meldet brav, wenn ich selbst bescheuert werde. Die Tendenzen schlummern ja in jedem. Trotzdem ist es nicht leicht, mit ihm zu leben. Einigermaßen pflegeleicht und geradezu schmusig wird er, wenn Death- oder Black Metal läuft oder ich auf einer Anti-„Aheffdä“-Demo bin. Manchmal führe ich Brutus aus in den Wald. Er muss ja auch mal Gassi. Dort ist er wie ausgewechselt; ich übrigens auch. All die Bäume haben so etwas Versöhnliches; die meisten halte ich für intelligenter als die menschliche Spezies. Das Wood Wide Net ist wesentlich sozialer als unser WWW. Hass kennen Bäume nicht und Ausgrenzung auch nicht. Man merkt das auch an den Menschen, denen ich im Wald begegne: Sie lächeln, grüßen und wirken so … ja, urmenschlich, als würde der Wald sie reorganisieren. Jedenfalls für eine Weile. Und Brutus knurrt nicht einmal, wenn wir Waldgängern begegnen. Er schnuppert lieber an den Bäumen und dann beginne ich, den schwarzen Zottel fast schon etwas sympathisch zu finden. Manchmal denke ich, ich sollte aufs Land ziehen, vielleicht sogar in den Wald. Brutus wäre zufrieden und mir ginge es auch besser. Aber vielleicht hänge ich bei Edeka auch einen Zettel ans schwarze Brett; Großer schwarzer Hund – entwurmt und kastriert – in liebevolle Hände zu geben. Interessenten bei mir melden.

AfD – Ein Sommermärchen

Nachdem die AfD den noch rechteren Flügel ihrer Partei gestutzt hatte, um die Verirrten wieder in die Urpartei einzuverleiben, brach die weltweite C-Krise aus. Bisher ist nicht erforscht, ob ein Zusammenhang zwischen beiden Prozessen besteht. Verschwörungsverschwörer sehen schließlich überall Zusammenhänge, sogar zwischen der Klopapierhamsterung und der Zunahme der Storchenpopulation – gemeint sind natürlich die Langschnäbel ohne Adelstitel. Doch als der Frühling explodierte und begann, die Menschen wuschig zu machen und selbst der letzte Vollhorst sich seiner domestizierten Gefühlswallung bewusst wurde, nahm die Krise von Heute auf Übermorgen ein Ende. Die Kanzlerin trat vor das Reichstagsgebäude und verkündete Blumen um sich streuend: „Hiermit erkläre ich die Pandemie für beendet. Gehet hin und freuet euch des Lebens.“ Das taten dann die Menschen auch; man sah reigentanzende Gruppen in deutschen Fußballstadien, die einkaufsdeprivierten Menschen fluteten die Läden und kauften sich die Portemonnaies wund, Männer hörten auf, ihre Frauen zu schlagen und heizten stattdessen wieder mit ihren tiefergelegten Rambomobilen über die verkehrsberuhigten Straßen und sogar im beschaulichen Telgte sah man im Pappelwald endlich wieder die allfreitaglich stattfindende Nacktgymnastikgruppe, was ja doppelt gemoppelt ist, weil ja gym (von gymnos) schon nackt bedeutet.

Nur ein übriggebliebene Schar von Menschen konnte sich in die allgemeine überschießende Lebensfreude nicht einreihen: Die Politnixe der AfD. Sie waren plötzlich so etwas von unwichtig geworden, dass niemand sie mehr richtig wahrnahm, so wie ein von der Müllabfuhr vergessener gelber Sack, der noch Wochen später zerknautscht sein Dasein im nahgelegenen Gebüsch fristet. Außer dass als verbuchter Teilerfolg temporär die Grenzen geschlossen waren, gab es nichts mehr, was man rassistisch, nationalistisch oder sonst-wie-hetzerisch zu Gewinn machen konnte. Überall herrschte Solidarität, Toleranz und Großherzigkeit. Bei den Übertragungen des Bundestages wirkten die Rechtsfaschisten, falls ein Kameramann sie überhaupt noch filmte, wie ein mit Vogelschiss übersäter Haufen Trübnasen. Frau von und zu Storch (die mit dem Adelstitel) schaute zwar immer schon verdrießlich wie eine drei Tage nicht gefütterte Bordeauxdogge, aber nun fiel sie in der Selbsthilfegruppe der Miesepeter nicht mehr sonderlich auf. Und dies war der Moment, der später in die Geschichte als Kniefall von Berlin eingehen sollte. Der olle Gauland kniete nämlich vor der Kanzlerin hernieder und bat um Vergebung für all die Schmach der letzten Jahre, wo mancher AfD-Stramme gar mit am Galgen baumelnder Angie durch Dresden latschte oder man sie im Landtag als „Stasi- und Schnüffelkanzlerin“ beschimpfte. Das seien Entgleisungen, Verwirrungen und Mausausrutscher gewesen, entschuldigte Gauland das fiese Verhalten. Kanzlerin Merkel nahm den Kniefall an und die AfD, zwar eigentlich ein großer Feind jeglicher Inklusion, inkludierte zurück in die CDU, also dorthin, wo der größte Teil früher mal seine Heimat hatte. Zurück in den fruchtbaren Schoß der Mutterpartei. Die Bäume waren wieder grün, Paderborn erlebte ein Revival mit 80% CDU-Anteil, Bushido brachte eine Rap-Version von „Heile, heile Gänschen heraus“ und im Fernsehen wurde „Am laufenden Band“ wiederbelebt. Deutschland, ein Sommermärchen.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Der Kapitalismus hat die Angewohnheit, Geld nach ganz oben zu schmeißen. Insofern muss man es von dort nehmen. © lse Bosch

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