Ausgabe 5-20

Alle Texte Arnold Illhardt (Telgte)

Corona und Frieden

Gestern sah ich eine Reportage, in dem ein Mann – ich sag jetzt mal nicht, aus welcher Gegend der Welt er kam – ins Mikrofon sprach, dass es jetzt darauf ankäme, zusammenhalten. Es käme nicht auf die Religion, die Hautfarbe oder das Herkunftsland an. Großartig … mein Reden ewig und drei Tage. Ich fände es daher einzigartig, nach dem Ende dieser Pandemie (schließlich bedeutet „Pan“ das ganze Volk!!!) alle Waffen, ja auch die verdammten Privatknarren, zu verschrotten und daraus Brücken, Fonduebestecke oder etwas anderes Sinnvolles zu bauen. Weg mit dem Scheiß! Eine Waffe in der Hand eines Menschen zeigt die ganze Idiotie dieser Spezies.

Ok, es ist pure Träumerei. Während wir uns die Wunden lecken, haben die USA in einer geheimen Mission ihre in der Eifel gelagerten US-Atomwaffen modernisiert und unsere Kriegsministerin AKK will bis Ostern über die Anschaffung neuer, atomwaffenfähiger Kampfflugzeuge im Wert von 7 Milliarden Euro entscheiden. Putzig, da geben wir momentan Alles, um Leben zu retten, um dann Wochen später andere Leben wieder zu zerstören. Herr oder Frau, schmeiß Hirn vom Himmel! Man sollte in Zeiten wie diesen solche Entwicklungen nicht aus dem Blick verlieren.

Systemrelevant

Manche meinten, Koslowski habe sich erst mit seinem völlig unerwarteten Eintritt ins Rentenalter so verändert. Als Abteilungsleiter einer Gartenschlauchfirma, wo er als unerbittlich, aber fair (jedenfalls den männlichen Untergebenen gegenüber) gegolten habe, sei er noch völlig unauffällig gewesen. Aber als Pensionist sei er von einem Tag auf den anderen in ein tiefes Loch gefallen, habe wochenlang nicht mit seiner Frau Käthe gesprochen und nur äußerst desinteressiert seine Lieblingssendung „Raten statt Wissen“ angeschaut, bis er eines Tages seine Erfüllung gefunden habe: Falschparker! Koslowski hatte sich wohnlich mit Fernglas, Notizblock und Kamera am Küchenfenster im 1. Stock eingerichtet. Parkten Autofahrer falsch oder nicht in dem dafür vorgesehen Areal, schrieb er die Kennzeichen auf und fotografierte beim Eintreffen die Übeltäter. Später rief er bei der Polizei an, um die Kriminellen, wie er sie nannte, anzuzeigen. Käthe Koslowski fand, dass ihr Horst seitdem zufriedener und ausgeglichener wirkte.

Doch dann kam der Frühling 2020 und eine schwere Pandemie legte die Welt flach. Nicht nur die Welt, sondern auch den Autoverkehr. Und so wurde jeden Tag die Zahl der Parksünder kleiner, bis sie schließlich völlig verebbte und nicht die kleinste Unregelmäßigkeit festzustellen war. Koslowski, der sogar am Fenster mit Mundschutz und Gummihandschuhen über die Parksituation seiner Kleinstadt wachte, nannte es Parkrezession. Er beherrschte natürlich auch die Krisenfachsprache. Und wieder drohte der ansonsten rüstige Rentner, in eine tiefe Unlaune der Niedergestimmtheit zu verfallen. Stundenlang starrte er mit getrübten Blick aus dem Küchenfenster; nicht einmal die Alles zukackenden Tauben des Nachbarn, den er schon unzählige Male zur Ordnung gerufen hatte, konnten sein Gemüt aufheitern. Bis seine Gemahlin eine zündende Idee hatte. Sie nähte ihm eine rote Armbinde, stickte dort die Kürzel SR ein und bastelte aus den alten Pappen der im Kleiderschrank verstauten Stützstrumpfverpackungen eine Art Megaphon. Koslowski blühte geradezu auf. Er hatte nun das Küchenfenster in der 1. Etage weit geöffnet und rief z.B. „2 Meter Abstand halten“ oder „Sie gehören nicht zur Familie“ auf die Straße. Das Flittchen nebenan, das heimlich Männerbesuch empfing und die Frau, die ihre im Sterben liegende Mutter drei Häuser gegenüber besuchte, zeigte er an, was dem kooperierenden Ordnungsamt satte 2x 250Euro einbrachte. Ach übrigens: SR bedeutet systemrelevant!

Porno & Klopapier

Das letzte Mal hatte ich dieses peinliche Gefühl mit 17. Unter Errötung aller mir zur Verfügung stehenden Ohren schlich ich mich in den Zeitungsladen am Ende der Stadt, vergewisserte mich, ob sonst niemand im Raum war, räusperte mich, um eine klare Ansage machen zu können und bat die Verkäuferin (Mist, an diesem Tag war natürlich die junge da!!) um die Herausgabe einer Penthouse. Die, so erfahrene Freunde, sei schärfer als der Playboy und billiger als eingeschweißte Pornomagazine. Ja Gott, wie sollte man sonst im katholisierten Münsterland, wo schon der Gedanke ans Onanieren Rückgratverkrümmungen hervorrief, an Anschauungsmaterial kommen?? Die Aktion ist gut gegangen, peinlich war es dennoch.

Heute 43 Jahre später musste ich an diese Aktion denken, als ich mit hochgezogenem Mantelkragen den Laden in Warendorf betrat. In meiner schier grenzenlosen Imaginationsgabe hatte ich mir schon im Vorfeld ausgemalt, wie die Kassiererinnen, gelangweilt von der grassierenden Krisenödnis, an der Kasse rumlungerten und ausgerechnet auf mich warteten. Da kommt wieder so einer, würden sie tuscheln. Ich hatte mir extra einen Superbiomarkt ausgesucht, das schien mir unverfänglicher als – sagen wir – Aldi, wo ich eh nie einkaufe. Sicherlich würde man mein zielstrebiges Einkaufsverhalten per Videokamera verfolgen und sich dabei heimlich scheckig lachen. Ha, dachte ich, den Gefallen tue ich euch nicht. Und so schaute ich zunächst beim Weinregal vorbei … och so´n Fläschchen Rioja kann nicht schaden, wechselte in den Teebereich, um mich mit Lakritztee, meiner momentanen Lieblingssorte, einzudecken und bummelte dann, als wäre es der pure Einkaufszufall in Richtung Toilettenpapierregal. Aber was soll ich sagen: Alles weg! Bioladen! Toilettenpapier! Nix mehr da! Verrückte Zeit! Nein, ich bin kein Hamsterer, sondern einfach ein normaler Bürger, der mal ne neue 8er-Packung Toilettenpapier braucht, die aber bereits von irgendwelchen asozialen Motherfuckern weggekauft wurde. Im Bioladen! Diese verdammte Brut! Ich sehe mich schon morgens bei Sonnenaufgang unten an den Ufern der Ems bei der rituellen Waschung. Ich sag´s nicht gerne, aber das ist doch Scheiße!

Brustwarzenskandal

Ich gestehe: Ich bin ein leidenschaftlicher Auf-dem-Klo-Leser. Holy Shit, was habe ich schon schlimme Momente erlebt, in denen ich aus lauter Not die Zusammensetzung des Toilettenreinigers auf der Rückseite studiert und über Natriumhydrogensulfat sinniert habe. Man nimmt, was man kriegt: die Apothekenrundschau, einen abgegriffenen Gedichtband von Gottfried Benn oder irgendeinen amerikanischen Undergroud-Comic. Meine Theorie ist ja, dass, wenn es unten Platz gibt, oben wieder was reinpasst. In modernen Zeiten wie diesen ist natürlich das Handy an die Stelle von Zeitungen und Bücher gerückt und beim großen Geschäft bietet sich wunderbar die Presseschau an oder man liest auf Wikipedia nach, was ein fakultatives Heterochromatin ist. Übrigens bekomme ich immer bei zu viel Trump-, Erdogan- oder Gaulandmeldungen persistierende Reizdarmsyndrome. Kürzlich fand ich den netten Witz: „Ich habe vergessen, mein Handy mit aufs Klo zu nehmen: Der Boden hat insgesamt 96 Fliesen.“

Bei meiner morgendlichen Recherche stieß ich gestern auf die digitale Nachricht irgendeiner Gurkenzeitung, dass die Moderatorin eines Null- und Nietenfernsehsenders auf Twitter blankgezogen und sich nur im Badehöschen mit verschränkten Händen über den Brüsten gezeigt hätte. Vermutlich wäre ich über diese Info hinweggeflogen, was interessiert mich der Badeslip einer Drittklassemoderatorin, wäre da nicht der Zusatz: „Und dann entdeckte ein Fan etwas Verstecktes“. Blöd, wie man morgens manchmal ist, fiel ich auf diesen journalistischen Lockvogeltrick rein, und las kurz darauf die Auflösung des Rätsels: In einem fast schon präorgasmatischen Zustand hatte der Fan, natürlich männlichen Geschlechts, den Ansatz einer Brustwarze entdeckt, die natürlich eigentlich verborgen bleiben sollte. Seine mit Schnappatmung vorgebrachte Entdeckung wurde alsbald aber relativiert, da es sich bei dem Brustwarzenhofbraun auch um den Schatten eines Fingers handeln könne. Ich ließ mein Handy sinken und starrte eine Weile auf die vor mir liegende Hautcreme meiner Frau. Könnte es nicht vielleicht sein, dass solche Meldungen von der USA gesteuert sind, so wie früher von den Russen? Zur Ablenkung vom Weltgeschehen?

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Um zu erfahren, wer über euch herrscht, braucht ihr nur herausfinden, wen ihr nicht kritisieren dürft.

(Voltaire)