Ausgabe 4-20

Du und ich

von J.B. (Essen)

Du und ich waren mal eins
liefen Hand in Hand am Straßenrand
saßen auf ner Mauer,
schielten in den Himmel und zählten die Sterne. Zählten sie, wie unsere Träume, die wir zusammen wahr werden lassen wollten.

Wollten zusammen ziehen, Kinder kriegen, heiraten, zusammen alt werden, uns foppen wie am ersten Tag, uns streiten, uns anschweigen, aber niemals getrennte Wege gehen.
Am See spazieren, bis die Sonne untergeht. Wollten uns lieben, wollten weg fahren – einfach raus, Hauptsache wir zwei,
in einer Waldhütte vorm Kaminfeuer liegend, nen Film gucken und kochen.
Hatten so viele Pläne, so viele Spinnereien. Kaum umsetzbar, aber in unseren Köpfen doch so greifbar nah.

Du und ich waren mal eins und nun sind wir entzweit. Vielleicht sitz ich irgendwann da auf ner Mauer mit nem Anderen. Und dann zieh ich mit ihm zusammen, bekomme Kinder, heirate ihn, streite mich und foppe ihn, wie am ersten Tag, schweig ihn an, aber bleib auf ewig mit ihm zusamm‘.
Spazier mit ihm am See, bis die Sonne untergeht. Liebe ihn am Kaminfeuer bei Netflix and chill.
Und irgendwann werden wir alt. Haben Enkelkinder und ich werde immer noch von dir erzählen – dir meiner ersten großen Liebe, bei der ich froh war, dass es nicht geklappt hat, weil ich sonst nie den Wahren gefunden hätte.

Mein weißer Wolf

von Arnold Illhardt (Telgte)

Manchmal gibt es Tage, da kommt mir meine psychische Verfassung vor wie ein leckgeschlagener Kohleofenabzug: es qualmt in mir, stinkt und über meine Laune zieht sich ein schwarz-klebriger Rußfilm. Mal habe ich zu viele „Schlachtzeilen“ über die AfD gelesen, mal ist es der neuste Scheiß von Donald Trump oder Jens Spahn und mal ist es einfach Montag. Als ich mal wieder zu Miesbert Brummelkötter mutierte und in den Morgenkaffee stierte, lächelte mich meine über alles geliebte Ehefrau an und erzählte mir eine Geschichte. Es sei einmal ein kleiner Indianerjunge gewesen, der fragte seinen – natürlich – weisen Großvater, warum er – der Junge – an manchen Tagen so schlechte und an anderen Tagen so gute Laune habe. Der alte Herr zog vermutlich an seiner langen Pfeife und sagte: Weil zwei Wölfe in dir wohnen: ein weißer für die gute Laune und ein grauer für die schlechte. Und diese würden gegeneinander kämpfen, um die jeweilige Laune auszumachen. Der Junge dachte kurz nach und fragte nach einiger Zeit, währenddessen der greise Indianer vor sich hin paffte und Rauchwolken in den Himmel blies, was denn ausschlaggebend für den Gewinn der Kämpfe sei. Nun, sagte der Großvater, es gewinnt der Wolf, den du fütterst.

Welch´ eine schöne Geschichte, dachte ich bei mir und bedankte mich. Ich glaube, ich hatte sogar ein Tränchen im Auge. Doch dann dachte ich über die amerikanischen Idioten nach, die die Indianer vertrieben und getötet hatten. Und überhaupt fiel mir ein, wie bescheuert all die Nicht-Indianer sind. Und ich steigerte mich mehr und mehr in meine alte These hinein, dass sowie 60% der Menschen (immerhin; neulich waren es noch 70%) Arschgeigen seien. Ich meine, wie krank muss man sein, wenn man Systeme unterstützt oder wählt, die einem selbst schaden. Mir fielen all die Kapitalismusspeichellecker, Klimawandelleugner und Rechtspatriotiden ein: Vermutlich lebte allein ihretwegen irgendwann kein einziger Wolf mehr. Und überhaupt…da hörte ich einen Schuss. Als ich erschrocken vors Haus lief, lag er da – tot. Mein weißer Wolf. Ich hatte es wohl übertrieben. Ehefrau an und erzählte mir eine Geschichte. Es sei einmal ein kleiner Indianerjunge gewesen, der fragte seinen – natürlich – weisen Großvater, warum er – der Junge – an manchen Tagen so schlechte und an anderen Tagen so gute Laune habe. Der alte Herr zog vermutlich an seiner langen Pfeife und sagte: Weil zwei Wölfe in dir wohnen: ein weißer für die gute Laune und ein grauer für die schlechte. Und diese würden gegeneinander kämpfen, um die jeweilige Laune auszumachen. Der Junge dachte kurz nach und fragte nach einiger Zeit, währenddessen der greise Indianer vor sich hin paffte und Rauchwolken in den Himmel blies, was denn ausschlaggebend für den Gewinn der Kämpfe sei. Nun, sagte der Großvater, es gewinnt der Wolf, den du fütterst.

Männer auf dem Kopf

von Arnold Illhardt (Telgte)

Einen Vorteil haben auf dem Kopf liegende Autos: Sie sehen alle gleich blöd aus und erinnern etwas an die Unbeholfenheit eines verunglückten Maikäfers, dessen Beine gen Himmel strampeln. So verkehrt rum in der Landschaft drapiert wirkt der fette SUV genauso bescheiden, wie der Ford Fiesta oder ein Bentley Continental. Jedenfalls war der Vorfall abzusehen. Hinter mir hatte sich einer dieser feisten Tuningkisten an meine Stoßstange geklettet. Ich dachte mir nichts Schlimmes. Vermutlich will er Deine Wagennummer lesen oder interessiert sich für einen meiner Aufkleber am Heck, überlegte ich und drehte etwas mehr Bass in meine Feierabend-Nach-Haus-Fahrmusik. Ich hatte mir mit den Jahren angewöhnt, die Visagen von Dränglern zu ignorieren und beim Blick in den Rückspiegel lediglich auf die Autofarbe zu achten. Anthrazit mit roten Streifen: Wie öde. Ich habe bis heute nicht kapiert, warum man auf ein Auto Streifen kleben muss; es gibt doch so schöne Blumenmuster! Doch dann überholte diese blecherne Penisprothese, aus dem Augenwinkel sah ich einen dieser motorisierten Aggrotypen mit Oberlippenbart und dann schoss der …. (ich kenne mich mit Autos nicht aus) an mir vorbei, um kurz darauf hinter der Kurve, die wie üblich rasant, aber talentfrei geschnitten wurde, das Autozeitliche mit einem ungeschickten Schlenker und anschließendem Überschlagmanöver in den Graben zu segnen. Nicht mal fahren, kann er, dachte ich so bei mir, aber dann regte sich ein wenig mein großes Herz als bekennender Gutmensch. Ich hielt in einiger Entfernung zu dem verunstalteten Fahrzeug an. Eines der Räder drehte noch, während das andere bereits die Form eines entlüfteten SPD-Luftballons eingenommen hatte.

Mein geübter Blick, schließlich schaute ich auf ein jahrzehntelanges früheres Leben als Krankenpfleger zurück, zeigte: a) der Kerl lebte noch, b) es sah nicht nach großartigen Verletzungen aus (Airbag sei Dank) und c) er hing mit dem Kopf nach unten. Spontan dachte ich an eine Fledermaus. Doch dann erblickte ich etwas, was die Sachlage und damit auch mein Mitleid urplötzlich auf eine andere Bahn lenkte. Direkt über dem doppelrohrigen Auspuff, der Assoziationen an rauchende Colts wachrief, klebte ein Aufkleber: Fuck You, Greta. Ich rief den Krankenwagen, nebst Polizei. Da ich selbst nichts tun konnte, um dem Freizeit-Vettel behilflich zu sein (die Türen klemmten), versuchte ich wenigstens seine Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu zog ich aus meiner Jackentasche einen Aufkleber mit der Aufschrift „Mach mit beim Klimastreik – Fridays For Future“ und pappte ihn in Leserichtung an die regennasse Windschutzscheibe. Dann zündete ich eine meiner Schokoladenzigaretten an und paffte ein paar Rauchwolken in den Novemberhimmel. Er sollte wenigstens für eine Weile das Quasi-Gefühl haben, unter echten Männern zu sein.

Tageszeitung

Von Arnold Illhardt (Telgte)

Zeilen verschwimmen zu Buchstabengewimmel

Bilder verblassen, pastellieren zum Grau

Inhalt verlässt Text, pulsiert dann im Raum

Lässt erstarren, innerlich zittern,

ist es noch wirklich oder doch eher Traum?

Tag für Tag desaströses Gemenschel

Das Ohr blutig am Pulse der Zeit.

Informationen schreddern Gedanken

Gefühle entzünden, ohnmächtige Wut.

Schreie durch Druckerschwärze

Wohin mit den Sinnen, wohin mit der Glut?

Warum schweigen so viele?

Gefühle verblassen, Gedanken stehn still!

Und morgen auf´s neue

Nachrichtenoverkill.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Bevor unsere weißen Brüder kamen, um ZIVILISIERTE Menschen aus uns zu machen, hatten wir keine Gefängnisse. Aus diesem Grund hatten wir auch keine Verbrecher. Wir hatten weder Schlösser noch Schlüssel, und deshalb gab es bei uns auch keine Diebe. Wenn jemand so arm war, dass er kein Pferd besaß, kein Zelt oder keine Decke, so bekam er all dies von uns geschenkt.

                        (Archie Fire Lame Deer, Medizinmann)

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