Ausgabe 4-20

Deep Talk

Ich hatte mich mit dem Mädchen (16) sehr intensiv unterhalten. Beim Rausgehen meinte sie lächelnd, dass sie lange nicht mehr einen solchen „DEEP TALK“ geführt habe. Da wusste ich, dass es auch ein gutes Gespräch war!

 Krawatten und Kartoffelsäcke

Meine Erfahrungen mit Krawatten sind eher rudimentär: ein fürchterliches Exemplar mit Gummizug zum Schlussball des ebenso fürchterlichen Tanzkursus und ein schwarzes Gebinde zur Hochzeit, das ich mir von der Verkäuferin des gleichfarbigen Anzuges habe aufschwatzen lassen. Wobei ich zu meiner Ehrenrettung erwähnen muss, dass ich auf eine klassische Verknotung beim Liebesfest verzichtet habe. Das waren meine krawattierten Ausfälle.

Bereits im zarten Alter von 17 Jahren legte ich eine Art Gelübde ab, künftig auf derlei Halsgekröse zu verzichten. Mir erschien dieses Accessoire hochgradig einengend, spießig, konservativ und überflüssig. Später wählte ich deshalb eigens den Beruf des Psychologen, da hier eher schwarze Rollkragenpullover mit Hornbrille angesagt waren, was der Profession stets einen existenzialistischen Anstrich gab. Seelenklempner sind da einfach – Achtung Wortspiel – ungebundener. Manche Menschen tragen in einer Art Hierarchieverliebtheit ohne Probleme notfalls auch schon mal zwei Langbinder übereinander – wenn’s dem Aufstieg dient. Und Bankangestellte sind verdammt zum Arbeiten in Krawatten, da sonst der Bürger, blöd wie er ist, kein gutes Gefühl bei der Geldanlage hätte. Eindruck schinden ist die halbe Miete. Ein Gast auf einer Party erzählte mir mal, dass er seine zündende Geschäftsidee erst dann zu Geld machen konnte, als er mit Anzug und Schlips die Geschäftswelt überzeugte

Ich frage mich, warum Krawatten frei käuflich und nicht in einem Sanitätshaus erhältlich sind, denn irgendwie erinnern sie mich eher an eine Art Geschlechts- und Autoritätsprothese, als an ein Kleidungsfummel. Bedenkt man, dass der pfeilmäßig geformte Stofflappen haargenau aufs männliche Gemächte zeigt, liegt der Verdacht zudem nah, der Träger besagter Halsverlängerung lebe in der Sorge, seinem besten Stück könne möglicherweise nicht genügend Aufmerksamkeit beigemessen werden. Kein Wunder, wenn bei so viel Zugebundenheit auch schon mal woanders der Blutfluss nachlässt.

Was die Optik anbetrifft, so sehen die meisten Männer mit dieser Kehlkopfquetsche wie oben abgeschnürte Kartoffelsäcke aus. Nun war ja Stilvielfalt nie so das Metier des männlichen Geschlechts. Begibt man sich auf eine Ansammlung männlicher Würdenträger, sagen wir auf einen Kongress oder einer Messe, so erinnert mich der Overkill an grauen oder schwarzen Anzügen mit obligatorischer Krawatte – wahlweise gestreift oder gepunktet –immer an Science-Fiction-Filme, in denen geklonte, identisch aussehende Wesen aus der Unterwelt ans Tageslicht dringen. Überaus mutige Zeitgenossen sind sich nicht zu schade, den stofflichen Geschlechtsverstärker in – schüttel – zartrosa, oder gar mit Hundemotiven vor sich her zu tragen. Übrigens habe ich zum Anlass meiner lebensalterbedingten Nullung das Gelübde erneut abgelegt. Schließlich weiß ich, wo bei mir die Männlichkeit zu finden ist: Innen!

Wie rechtes Denken entsteht

Der alte Herr am Tisch bei einer Feierlichkeit war sehr interessiert an meinem Denken über Dieses, Jenes und Sonstiges. Ein wirklich nettes Gespräch … bis wir auf Mautgebühren zu sprechen kamen. Ich muss gestehen: Es ist nicht grade eine Thema, das mir sonderlich unter den Nägeln brennt. Deshalb blieb ich recht allgemein … wischiwaschi… während sich mein Gesprächspartner in die Thematik hineinsteigerte und der Austausch eine bemerkenswerte Wende nahm. Er fände es eine riesige Sauerei, dass die Holländer umsonst in Deutschland rumkutschieren könnten, während wir in den Niederlanden Mautgebühren bezahlten müssten. Es dauerte eine Weile bis diese Aussage mein Realisierungszentrum passiert hatte, dann konterte ich, dass man in Holland weit und breit nicht einen Cent bezahlen müsste. Und zur Untermauerung meiner These führte ich an, dass ich seit ich denken kann im Nachbarland unterwegs sei. Doch er beharrte auf seiner Meinung, wirkte sogar etwas knatschig wegen meiner Gegenrede. Ich dachte mir, bevor er mir gleich aufs Auge drücken möchte, dass die CDU „die“ deutsche Klimapartei sei, lenke ich die Unterhaltung in eine andere Richtung. Der Vorfall beschäftigte mich allerdings noch eine ganze Weile.

Kaum eine Woche später stand ich an dem offenen Bücherregal an der Bushaltestelle um die Ecke. Ab und zu schaue ich beim Vorbeikommen nach dem Rechten und sortiere die Bücher neu, die manche Zeitgenossen nach kurzem Durchstöbern hinterlassen wie unser Kater seinen Fressplatz. (Die Ordnung nach dem Sortieren hält meist ungefähr 1,4 Stunden) Hinter mir saß eine alte Dame mit diesem Wasserleichenblau im Haar – so der Typ gutsituierte Witwe – und sprach mich an: „Sagen sie: Da ist aber nur Trivialliteratur drin, nicht wahr?“ Ich verneinte, unterließ es aber ihr zu sagen, dass ich dort neulich „der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus gefunden und eingesackt habe. Vermutlich las sie eher hochgeistige Literatur wie Rosamunde Pilcher in Leinenbindung. Dann legte sie nach: „Eine tolle Einrichtung, so ein Regal. So etwas gibt es in ganz Münster nicht.“ Das stimme nicht, erwiderte ich ihr und verwies zum Beispiel auf die beiden Regale im Kreuz- und Kuhviertel. Sie beharrte auf ihrer Meinung und unterstrich ihr Statement mit der Begründung, schon immer in Münster zu wohnen. Zum Glück hielt darauf ihr Bus und sie verschwand – gen Münster.

Auf dem Heimweg verfolgte mich auch diese Geschichte. Und als ich zuhause die Tür aufschloss, dachte ich bei mir: So etwa funktioniert rechtsnationalistische Politik.

Das Leben ist schön

Letzte Tage war ich in dem Film „but beautiful“. Als ich anschließend das Kino verließ und in den kalten Herbstabend trat, verweilte ich einen Moment und dachte bei mir: Jeder Regentropfen ist schön, Bäume sind sozialer als Menschen, Passion ist wichtiger als ein Titel oder ein Diplom und man sollte höchstmöglich auf Staatliches verzichten, wenn man ein gelebtes Leben führen möchte. Eigentlich nichts Neues, nur das mit dem Regen muss ich noch lernen!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich an der Seitentür unseres Hauses an der Herrenstraße 18 in Telgte die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten/Fundstücken, die wir für überdenkbar halten.

Ich glaube, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht in erster Linie eine Sache der Intelligenz, sondern des Charakters ist. (Erich Fromm)

Ausgabe 2-20

Mensch, zünftig (Foto Arnold Illhardt)

Alle Texte von Arnold Illhardt (Telgte)

Tempolimit – Duales System

Um an das Ziel unseres diesjährigen Urlaubs zu gelangen, mussten wir gleich vier Länder durchfahren: Deutschland (logisch), Frankreich (umleitungstechnisch), die Schweiz (ging nicht anders) und Italien (zwangsläufig). Was die drei Nachbarn von Deutschland unterscheidet, mal abgesehen von längerem Brot, mehr Löchern im Käse oder schieferen Glockentürmen, ist die Geschwindigkeit auf den Autobahnen. Während man in Deutschland knüppeln kann, bis die Schwarte kracht, die Hirnnerven aus den Augen treten und die Hormone Pogo tanzen, existiert in F, I und CH eine Tempobegrenzung von 120 bzw. 130km/h. Und was soll ich sagen?! Es ist ein Traum, dort Auto zu fahren. Man gleitet mit besagter Höchstgeschwindigkeit über den Highway, sieht im Rückspiegel einen Porsche Cayenne herangleiten (normal gleiten die ja nicht, sondern preschen!), kann in Ruhe sein Überholmanöver vollenden und sogar später erkennen, dass der Cayennefahrer einen üblen Kaffeeflecken auf seinem rosa Businesshemd hat. Alles ist irgendwie entspannter, weniger hektisch und vor allem weniger aggressiv: Kein Drängeln, kein Hupen – auch nicht mit Licht, keine Stinkefinger, keine in Lenkrädern festgebissenen Zähne, keine Vollbremsungen, keine Nötigung, kaum bis keine Idioten. Nun höre ich natürlich schon die Selbsthilfeorganisation für pathologische Heizer, den ADAC, mit Schnappatmung Veto einlegen: Deutschland ist ein freies Land, hier darf jeder ohne Rücksicht auf Verluste so schnell wie es ihm oder ihr beliebt über die Autobahnen brettern; schlimm genug, dass es in Ortschaften 50er-Begrenzungen gibt. Wir leben in einem Land der Verbote … und überhaupt die Grünen … Leben in Deutschland ist ein einziger Verzicht… man darf ja hier überhaupt nichts mehr… Ab und zu habe ich das Gefühl, alle Deutschen sind so eine Art Schicksalsgemeinschaft von eingepferchten und freiheitsberaubten hominiden Masthähnchen.

Wenn man so mit 120 oder 130 tiefenentspannt vor sich hinfährt, huscht einem natürlich der ein oder andere Gedanke durch das gelöste Hirn. Ich habe da ja schon länger meine Vision von einem dualen Autobahnsystem. System A: Straßen mit 130er Höchstgeschwindigkeit, nett aufgemacht, u.a. mit idyllischen Rastplätzen, Fitnesszonen und Restaurants, in denen mehr als nur Sättigungspampe angeboten wird. System B: Die Kampfzone für zwei- und vierrädrige Todesschwadrone, die nur mit einer roten Plakette und ab einer Tiefstgeschwindigkeit von 180km/H befahrbar ist. Die Gemetzel-Area ist natürlich – ähnlich wie die Blechkisten nebst Fahrern selbst – tiefergelegt, also in einem Art Tunnelsystem untergebracht und riecht intensiv nach einer Mischung aus Zitrus, Moschus und Männerschweiß; Geschwindigkeitsfetischisten lieben den Duft von Abgasen, Duftbäumen am Innenspiegel und tropfendem Benzin. Hier können dann alle Analogrennfahrer, testosteron- und östrogengesteuerten Potenzbolzen, Prahlhänse, Heizertussis, Besitzer von Pimmelersatzkarossen, Aggros, Postpubertäre, persönlichkeitsgestörte Platzhirsche und Tuningtypen mit Baseballkäppi, die immer so aussehen, als wären sie einem Fahndungsbild für Massenmörder entsprungen, zeigen, was sowohl unter der Autohaube, als auch unter der eigenen steckt. Und nachts kommt dann der Abschleppdienst, die Müllabfuhr, das Beerdigungsinstitut nebst Krankenwagen und bringt die Strecke wieder auf Vordermann. The Show must go on. Sicher, ein bisschen Verlust ist immer.

Oktoberpest

Du Güte, was mir diese rechtsdrehenden Untoten auf die Nerven gehen mit ihrem scheindemokratischen Vergaulanden und faschistischen Rumgehöcke. Hauptsache es riecht miefig nach Moder im gesellschaftlichen Siechtumskeller. Ständig und überall sehen die Nationalpatridioten Gefahren für das deutsche Volk, ständig ist die Rede von Um- und Vervolkung, ständig wird von einer den Bach-runtergehenden-Volksidentität geschwafelt und ständig über das Fremdsein im eigenen Land geklagt. Man lebt dauerhaft in der Angst, dass der Optiker eines Tages Gözlükçü und der Dessousladen …ääähm…shit, gibt’s nach einer Muslimisierung des Abendlandes überhaupt noch Dessous?

Nun bin ich ja ein großer Anhänger der offenen und bunten Gesellschaft, freue mich ständig über neue kulturelle Einschläge im musikalischen Schwermetallbereich und bin Verfechter des Mottos: Liebe Menschen aus anderen Ländern, lasst uns bitte mit den Deutschen nicht allein, aber lasst mich mit all euren Religionen in Ruhe. Doch dann plötzlich gab es von heute und morgen einen kulturellen Einbruch im ansonsten beschaulichen Telgte, wo der einzige Gestank nicht von den Braunen, sondern von der baustellenbedingten Absenkung des Flussspiegels der Ems herrührt. War ich blind für Veränderungen geworden? War ich linksgrünversiffter Gutmensch gar einer gesellschaftlichen Entwicklung aufgesessen, die sich außerhalb meiner Wahrnehmung abspielte? Es waren erst einzelne Auffälligkeiten im Stadtbild, dann sah man immer häufiger Menschen mit eigentümlichen Gewandungen, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Man hatte sich an die Kopftücher, Kaftane oder Jogginghosen gewöhnt, aber der Aufzug der zumeist alkoholisiert vorbei verlustierenden Männer und Frauen waren keineswegs westlich orientiert: Zu kurze Hosen, eingequetschte Brüste und Wollsocken, bei denen man schon beim Anschauen die Kratzwut bekam. Sie alle eilten auf ein Zelt zu – eine getarnte Moschee, dachte ich kurz bei mir – doch dann hörte ich Klänge von grausamer und an Körperverletzung grenzender Art, ein Wumtata und Tätärä, dazu Gesänge in einer Sprache – ich dachte zunächst an einen syrischen Unterdialekt – die mir den Schmalz in den Ohren zum Sieden brachten. Der Wind trug mir Liedfetzen wie „I bin a Steirabua“ oder „Über’s Loaterl, da steig i net aufi“ zu. Dann erst sah ich das Plakat mit der Einladung zum Oktoberfest und ich dachte: Na super, eine Unkultur in einer deutschen Gegend, wo schon der Umzug der Karnevalisten wie ein Leichenbegängnis aussieht. Münsterland – Quo vadis?!

Nun bin ich ja ein großer Anhänger der offenen und bunten Gesellschaft, freue mich ständig über neue kulturelle Einschläge im musikalischen Schwermetallbereich und bin Verfechter des Mottos: Liebe Menschen aus anderen Ländern, lasst uns bitte mit den Deutschen nicht allein, aber lasst mich mit euren Religionen in Ruhe. Doch dann plötzlich gab es von heute und morgen einen kulturellen Einbruch im ansonsten beschaulichen Telgte, wo der einzige Gestank nicht von den Braunen, sondern von der baustellenbedingten Absenkung des Flussspiegels der Ems herrührt. War ich blind für Veränderungen geworden? War ich linksgrünversiffter Gutmensch gar einer gesellschaftlichen Entwicklung aufgesessen, die sich außerhalb meiner Wahrnehmung abspielte? Es waren erst einzelne Auffälligkeiten im Stadtbild, dann sah man immer häufiger Menschen mit eigentümlichen Gewandungen, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Man hatte sich an die Kopftücher, Kaftane oder Jogginghosen gewöhnt, aber der Aufzug der zumeist alkoholisiert vorbei verlustierenden Männer und Frauen waren keineswegs westlich orientiert: Zu kurze Hosen, eingequetschte Brüste und Wollsocken, bei denen man schon beim Anschauen die Kratzwut bekam. Sie alle eilten auf ein Zelt zu – eine getarnte Moschee, dachte ich kurz bei mir – doch dann hörte ich Klänge von grausamer und an Körperverletzung grenzender Art, ein Wumtata und Tätärä, dazu Gesänge in einer Sprache – ich dachte zunächst an einen syrischen Unterdialekt – die mir den Schmalz in den Ohren zum Sieden brachten. Der Wind trug mir Liedfetzen wie „I bin a Steirabua“ oder „Über’s Loaterl, da steig i net aufi“ zu. Dann erst sah ich das Plakat mit der Einladung zum Oktoberfest und ich dachte: Na super: erst Marienprozession, dann Ramadan und jetzt Oktoberfest. Eine Unkultur in einer deutschen Gegend, wo schon der Umzug der Karnevalisten wie ein Leichenbegängnis aussieht. Münsterland – Quo vadis?!

Idiotie

Trump ist ein Idiot. Und viele Menschen lieben Idiotie – schaut man sich ihre Fernsehprogramme an. Warum wundert man sich dann, wenn sie Idioten als Führer wählen?

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

„Das Mitgefühl, das wir für andere, vom Krieg und einer mörderischen Politik betroffene Menschen aufbringen, beiseite zu rücken und stattdessen darüber nachzudenken, wie unsere Privilegien und ihr Leiden überhaupt auf der gleichen Landkarte Platz finden und wie diese Privilegien – auf eine Weise, die wir uns vielleicht lieber gar nicht vorstellen mögen – mit ihren Leiden verbunden sind, insofern etwa, als der Wohlstand der einen die Armut der anderen zur Voraussetzung hat – das ist eine Aufgabe, zu deren Bewältigung schmerzliche, aufwühlende Bilder allenfalls die Initialzündung geben können.“

(Susan Sontag)