Ausgabe 1 – 20

Schweiz (Foto Arnold Illhardt)

Alle Texte von Arnold Illhardt (Telgte)

Schweiz

Schweiz. Was für ein Land! Kaum ist man eingefahren, ist man schon wieder raus. Nur dass sich die ganze Prozedur aufgrund des ständigen Auf und Ab fürchterlich hinzieht. Und weil das Land so klein ist, muss vermutlich alles übermäßig groß sein: Die Berge, die Autos, die Alphörner und Bankkonten. Und hat schon jemand mal darüber nachgedacht, warum es dort so viele Tunnel gibt? Weil die Schweizer geizig sind und uns Durchreisenden die Aussicht auf die Spielzeugeisenbahnlandschaft nicht gönnen. Und überhaupt: All die Berge! Das sind doch alles nur Attrappen! Ich habe es mit eigenen Augen, also mehr aus dem Augenwinkel heraus, gesehen, wie sie einen Berg aufgeschüttet haben. Es würde mich nicht wundern, wenn auch der Rest künstlich wäre. Deshalb gibt es ja auch all die vielen Seen – nix als Baggerseen, aus denen der Sand für die Berge gewonnen wurde. Oh und Uhh sagen wir beim Anblick der ganzen Wasserfälle! Auf die Idee, dass es sich dabei um nichts Anderes als Abwasserentsorgung handelt, ist wohl außer mir noch niemand gekommen. Wie sollen die denn da oben in den Bergen ne vernünftige Kanalisation unter die Erde bringen? Haben die Schweizer überhaupt irgendwas Produktives und Eigenes hervorgebracht außer Käse mit Löchern, komplizierte Klappmesser und dreieckiger Schokolade? Nirgendwo sonst sieht man all diese sündhaft teuren Schniedelwutzkarren rumgurken, die sich immer so anhören, als hätten die schon bei der Produktion den Auspuff vergessen.

Schweiz, eigentlich ein schönes Land, wenn ich mich nicht so über die knapp 40 Euro Maut für einmal Durch und Zurück geärgert hätte.

Wenn Erwin Rammstein hört

Oberwesel! Allein dieser Name! So wie Mücke-Atzenhain oder Rammelsbach. Für uns ist es an diesem Abend das Einfallstor in den Süden … Erste Zwischenstation. Unter kritischer Beobachtung der herumlungernden Wohnmobilbesitzer steuere ich unser Kastenmobil in den letzten freien Stellplatz. Zweite Reihe zum Rhein … immerhin. Im Spiegel sehe ich das alte Paar in trauter Camperzweisamkeit vor ihrem Hymer sitzen. Er mit blass-kariertem Hemd über Dreiviertelcaprihose für Männer, sie im Multifunktionshaushaltskleid. Beide biertrinkend. Man kann sich die Nachbarn beim Campen nicht aussuchen, denke ich, ist ja auch nur für eine Nacht. Sie erinnern mich an Onkel Erwin und Tante Käthe von den gezackten Schwarz-Weiß-Fotos in meinem Fotoalbum. Ich lasse mich nach gelungenem Einparkmanöver möglichst lässig aus dem Wagen gleiten, werfe meine rückenlangen Haare noch einmal hippiresk nach hinten, damit man hier gleich weiß, wo die Locke hängt und grüße mit einem lockeren Spruch. So ungefähr: N´Abend, die Nachbarn. Oder so. Die beiden lächeln mich an und er grüßt zurück: „Ja, guck, Wackener.“ Unser Wacken-Zeichen am Heck nebst Pommesgabel (Zeige- und Ringfinger gereckt zum Gruß der Metalheads) sind nicht zu übersehen. Erwin hebt sein Bierglas und erzählt, dass er zwar noch nie auf Wacken war, sich wohl aber regelmäßig im Fernsehen die Reportagen anschaut. „Wissen sie, meine Lieblingsband ist Rammstein!“ Und Käthe fügt nach: „Und wenn ihn die Nachbarn nerven, hört er Rammstein ganz laut!“ Ihr selbst gefallen aber eher Peter Kraus, Elvis und so. Ich glaub´s nicht, die beiden sind, wie sich im nachfolgenden Gespräch über Hippies, Rockmusik, Woodstock und selbst ausgebaute Bullis herausstellt, kurz vor achtzig.

Als wir am nächsten Morgen in aller Frühe den Platz verlassen, steht Erwin schon mit Brötchentüte an der Einfahrt. Mit der freien Hand zeigt er die Pommesgabel und wünscht uns gute Fahrt nach Elba. Ich sehe ihn im Rückspiegel noch lange so stehen. Man kann sich heutzutage nicht einmal mehr auf Klischees verlassen.

Reißverschluss des Lebens

Ich fuhr so vor mich hin auf der Mutter aller Schleichwege … Autobahn A1. Wir und unser Wohnmobil waren im Fluss, was, wenn man meinem inneren Guru Glauben schenkt, auch allgemein im Leben nicht schaden kann. Und so thronte ich hoch oben über den in der Sonne glitzernden Dächern der Blechlawine, vermutlich dröhnte „Born to be wild“ (was ich gar nicht mag!) auf Dauerschleife aus den Boxen und ich war mit mir und der Welt halbwegs im Reinen. Da bahnte sich der nächste Stillstand an. Nicht, dass mich das verwundert hätte, denn die komplette A1 scheint sich in einem dauerhaften Stand-By-Modus zu befinden, aber gefühlt lag die letzte Stehparty erst 10 Minuten zurück. Also runterschalten, Fenster runterkurbeln (Frischluft) und abwarten. Stillstand auf der Autobahn hat ja immer unterschiedliche Gründe: Unfall, hohes Verkehrsaufkommen, Baustelle, mit 2,4 km/h schnellerem Tempo überholende Lastwagen oder dusselige Autofahrer, die das Rechtsrüberfahren vergessen haben. Stellt sich später die Lösung des Stillstands heraus, was in der Regel aber im Unklaren bleibt, kann man entweder fluchen, trauern oder sich dem Schicksal ergeben und die Thermoskanne mit dem Kaffee rausholen.

In diesem Fall war es eine Baustelle und der Grund für das mehr als zähflüssige Dahinkriechen das berühmt-gefürchtete Reißverschlussverfahren. Für alle Nachkriegsführerscheinmacher – Reißverschlussverfahren bedeutet: Man fährt bis an die Engstelle heran!! und ordnet sich dann!! wechselseitig!! eben wie bei einem Reißverschluss, ein. Klingt einfach, funktioniert aber so gut wie nie, was vielleicht daran liegt, dass die Leute heute nur noch Klettverschlüsse kennen. Reißverschlussverfahren ist sozusagen ein soziologisches Phänomen, da hier diverse kognitive, emotionale, persönlichkeitspsychologische wie -pathologische und verhaltensmäßige Faktoren zusammenkommen und bei so manch einem KFZler schlichtweg zur Überforderung führt. Da sind die Narzissten, oftmals Fahrer von Großkarossen für Elefantenjagden, die nicht einsehen, auf das Hereingelassenwerden zu warten und sich in gewohntem Hier-Komm-Ich-Modus dort reinquetschen, wo es ihnen behagt –möglichst weit hinter der Engstelle. Dann gibt es die Ängstlichen, die schon 500m vorher die Seite wechseln, um nur nicht in irgendeiner Form den Anschluss zu verpassen. Zu nennen sind auch die Döspaddel, die mit ihrem Handy beschäftigt sind und noch gar nicht bemerkt haben, dass soeben eine Handlung von ihnen gefordert wird. Im Fluss ist da letztendlich gar nichts mehr. Vielleicht liegt in diesem Beispiel die Begründung, warum es in Deutschland so viele Gesetze, Vorschriften, Schilder, Verbote, Behörden und reglementierende Instanzen gibt: Weil wir zu blöd für ein lockeres, rücksichtsvolles und reflektiertes Miteinander sind!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Telgter Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

„Was frisst die Geldmaschine? Sie frisst Jugend, Spontanität, Leben, Schönheit und vor allem Kreativität. Sie frisst Qualität und scheißt Quantität. “

William S. Burroughs