Ausgabe 14-19

Ordnung muss sein (Foto Arnold Illhardt)

Menschliche Abgründe

Man muss vorbereitet sein. Es gibt Vorkommnisse im Leben, für die gibt es keinen Plan, keine Bedienungsanleitung, ja nicht einmal so etwas wie eine innere Landkarte. Sicherlich, man könnte ahnen, dass man irgendwann mit derartigen Erlebnissen, konfrontiert wird, doch möglicherweise hat man den Gedanken daran erfolgreich verdrängt, wenn nicht gar in den Bereich des Unmöglichen verschoben. Vielleicht hat man sogar schon mal von einem „Nie-im-Leben“ oder „Nicht-mit-mir“ gesprochen. Manche Dinge gehören nun einmal in den Bereich des nie in Erwägungziehens. Des Gar nicht erst In-Frage-Kommens. Allerdings implizieren diese Aussagen ein Beschäftigen mit einer Sache, um für die Eventualität gewappnet zu sein. Viel schlimmer hingegen ist das plötzliche Eintreten des Unerwarteten. Das mit einem Mal in-der-Welt sein. Umso größer ist der Schock, die allumfassende Präsenz der Widerlichkeit. Man hat es sich nicht in dieser verstörenden Intensität vorgestellt, man hat es nicht in dieser die Wahrnehmung malträtierten Form imaginiert und man spürt auf eindringliche Weise den intensiven Wunsch des Ungeschehenmachens. Doch, wie mein Vater in seiner beeindruckenden Alltagsweisheit immer sagte: „Irgendwann ist immer das erste Mal.“ Und dann schaut man in die Abgründe menschlicher Machenschaften – vielleicht sogar bei 32 Grad im Schatten. So, wie bei mir und dem Besuch auf einem Dixi-Klo.

Menschliche Größe

Es gab und gibt nur eine Handvoll, mir persönlich bekannte und somit real existierende Menschen in meinen fast sechs Lebensjahrzehnten, die mir auf ihre ganz eigene Weise imponiert haben. Ich mache mir nichts aus Äußerlichkeiten, Titel, Reichtum oder Berühmtheit, wohl aber faszinieren mich Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Mut, ziviler Ungehorsam oder Gradlinigkeit. Und manchmal – dann und wann – schleicht sich bei mir ein gewisser bitterer Beigeschmack ein, selbst nicht zu den mir imponierenden Gestalten zu gehören. Vor ein paar Jahren entdeckte ich in der Nähe eines Münchner Friedhofs den alten Spontispruch: „Die Schönheit des Lebens liegt in der eigenen Ununterworfenheit!“, der seitdem zu einer Art Lebensparole für mich geworden ist. (Da gern übersehen: Man beachte die Vorsilbe UN!) Aber mit der Ununterworfenheit ist es wie mit den klugen Sprüchen auf manchen Teebeuteletiketten: Sie lesen sich nett, führen aber zu nix. Herrje, wie oft habe ich mich selbst dabei erwischt, meinen Idealen untreu geworden zu sein. Einzuknicken, weil ich berufliche Ressentiments, sozialmediale Shitstorms oder rechtliche Auswirkungen fürchtete. Neulich unterhielt ich mich mit einem Bekannten über emotionale Belastungen am Arbeitsplatz durch asoziales Kollegentum. Wir waren uns einig, dass die Hauptbelastung oftmals darin liegt, geschwiegen zu haben, anstatt sich mit aller Vehemenz und ohne Rücksicht auf Anfeindungen aufzulehnen.

Und dann tauchte Greta aus dem Nichts auf. Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg, die kleine, große schwedische Klimaaktivistin. Ich kenne sie zwar nicht persönlich, aber mein Respekt und meine Anerkennung vor ihrer konsequenten Haltung und Unbeugsamkeit sind enorm. Natürlich sind mir all die Hetzkommentare im weltweiten Netz der menschlichen Ausdünstungen nicht verborgen geblieben. Kommentare von kleinkarierten Nichtsnutzen, klimafeindlichen Hohlpfosten, neoliberalen (was für ein verlogenes Wort) WELT-Lesern und rechtsradikalen Quarkhirnen. Das ganze Leben in einer Untätigkeitsdauerschleife, klimatechnisch noch auf Neanderthalniveau und engagiert wie eine in der Wüste schmorende Nacktschnecke, aber sich über auflehnende Jugendliche belustigen. Das öffentlich ausgetragene Amüsement über die Größe, das Alter, das Fernbleiben von der Schule, das Autismus-Syndrom oder die manchmal noch nicht ausgereiften Ansichten des Mädels aus Stockholm zeigt das komplette soziale Kompetenzamöbentum dieser Kritikasten und Nörgelpötte. Neulich erreichten mich ein paar dieser blöden, farbig aufgepeppten Internet- und Handysprüche von mir bekannten Personen, in denen Greta verunglimpft wird oder ein Telgter Gurkenbürger gar androhte, er wisse nicht, was er der Göre bei einer Begegnung antun würde. Das sind Personen, die sich sonst im Leben vor allem durch anales Paragliding auszeichnen und Müll-Runterbringen ohne Kleckern für eine drastisch umgesetzte Umweltschutzmaßnahme halten. Ich finde, Greta macht mir als Mensch mit Faltenwurf Mut, dass a) ein Teil der Nachkommenschaft auf gutem Kurs ist und b) ich mal wieder mehr Tacheles reden und tun sollte. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste!

Menschliche Inkompetenz

Neben meinem Leseplatz steht eine Holzkiste, die ich aus einem aufgelösten Schularchiv rekrutiert habe. Darin lagern unzählige Artikel, kopierte Texte, Zeitungsausrisse, sowie jede Menge Ungelesenes. Man weiß ja nie, wofür man all diese Berichte, Beschreibungen und Beobachtungen gesellschaftlicher und politischer Kakophonien noch gebrauchen kann. Machen wir uns nix vor: Unsere Erde und das Zusammenleben darauf befindet sich aufgrund seiner mehr als dämlichen Bewohner auf dem Abstiegstabellenplatz: Kriege, Rechtsradikalismus, Umweltzerstörung, Klimakatastrophen, Public Hating, um nur ein paar der menschlichen Schwarmbescheuertheiten zu nennen. Wenn man schon selbst die Welt nicht retten kann, dann hilft es möglicherweise, ihren Zustand in einer Holzkiste zu archivieren. So eine Art Ersatzhandlung. Und damit all das Desaster politisch gut verwaltet wird, vertraut man die Geschicke per Wahl einem Politkombinat an, von dem man im Grunde im Vorhinein weiß, dass sie vor allem regieren, statt zu reagieren. Neulich las ich einen dieser passenden Sinnsprüche zur rechten Zeit: ”ICH HABE DAS MIT DEN MENSCHEN WIRKLICH VERSUCHT. ICH MÖCHTE JETZT BITTE AUF MEINEN WAHREN HEIMATPLANETEN.“ Ganz mein Denken!

Gestern habe ich meine Holzkiste nahezu totalentrümpelt. Ein paar Kilo totes Holz! Ich denke, es gibt Entwarnung. Unsere Regierung und hier zuvorderst AKK, bei der mir – warum auch immer – das alte Graffiti „AUCH FÜR DU – CDU“ einfällt, haben die wichtigen und dringend notwendigen Dinge zur gesellschaftlichen und ökologischen Kehrtwende durch schwerwiegende Entscheidungen in die Hand genommen: Soldaten dürfen jetzt für lau Zug fahren. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Beim Betreten des Arbeitsplatzes legen wir unsere Autonomie ab und unterwerfen uns einer Diktatur der Hierarchien. Wir akzeptieren in der Arbeitswelt ein Ausmaß an Unterordnung, das uns in beinahe jeder anderen Lebenssituation abstoßend erscheinen würde.

Christian Baron (im Freitag)