Ausgabe 13-19

Handymanie (Foto Arnold Illhardt)
Handymanie (Foto Arnold Illhardt)

Asphalt-Cowboy

Es war einer dieser heißen Tage. Die Sonne schickte erbarmungslos ihre goldene Glut auf die verdorrten Baumkronen, in der Luft tummelten sich die Brennhaare der Eichen-Prozessionsspinner und die Menschheit kratzte sich aufgrund einer durch das Thaumetopoein ausgelöste Raupendermatitis blutig. Ich schlenderte vor mich hin, philosophierte unter dem sengenden Zentralgestirn über den verwahrlosten Zustand der Gesellschaft, als es plötzlich mehrfach laut hupte. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Hupen lauter geworden sind, weil vor allem die männlichen Verkehrsteilnehmer – wie auch sonst im Leben – gerne mit sinnentleertem Lärm auf sich aufmerksam machen, wenn schon sonst nichts Aufsehenerregendes von ihnen ausgeht. Ich war wohl für den in Schnappatmung befindlichen BMW-Fahrer zu lahmarschig über den Zebrastreifen gebummelt, hatte dabei ihm und seiner Blechschatulle zu wenig Beachtung geschenkt und obendrein seine kostbare und von Testosteron infiltrierte Zeit durch mein Trödeltum geraubt. Es war vielleicht nicht unbedingt mein Tag, daher beeilte ich mich nicht, sondern drehte mich zur Seite und ging auf das sich beinah aufbäumende Fahrzeug zu. Ich schaute in die blutunterlaufenen Augen eines Dreißignochwas mit Gelfrisur und missratenem Tattoo auf dem Unterarm. Vermutlich würde er gleich aus seiner weißen Karre mit blauen Rallystreifen springen, aber ich hatte alle Western mit John Wayne geschaut und damit diesen angsteinflößenden Cowboy-Blick drauf. Er schrie mich an, ich solle gefälligst meinen Arsch über die Straße bewegen und machen, dass ich davon komme.

Auch noch schlechtes Elternhaus, dachte. Wenn ich eines nicht mag, sind das solche kleinen Rotzerchen mit Pudding im Hirn und dummen Sprüchen. Wie AfD ist das denn. Ich zog eine filterlose Schokoladenzigarette aus meiner Hemdtasche, steckte sie in meinen Mundwinkel und fauchte ihm mit schweigeresker Nuschelstimme entgegen: „Gringo“, sagte ich (das hatte ich ebenfalls in einem Western gehört, „deine Zeit ist gezählt“. Seine Augen leuchteten jetzt auf wie eine ausgelöste Geschwindigkeitskamera und seine angeschwollenen Halsgefäße erinnerten an die Kehloszillation einer fetten Teichkröte. Ich pustete ihm meinen Schokoladenzigarettenrauch ins Gesicht und raunzte mit einem eindrucksvollen Timbre in der Stimme. „Ich habe total die Schnauze voll von euch Verkehrsfaschisten und Asphaltterroristen. Mir reicht´s! Es kann nicht sein, dass ihr euch einbildet, zu jeder Zeit, in jedem Moment, mit euren verwanzten und stinkenden Karren im Vorrecht zu sein. Ihr verpestet die Luft, verstopft die Straßen, macht einen Höllenlärm und führt euch auf wie kastrierte Platzhirsche! Die Straße, Baby, ist für alle gleichermaßen da! Merk dir das!“ Er musste kurz schlucken, nervös ließ sein rechter Fuß das Gas hochjagen, der Motor heulte auf, er begann die Sicherheitsgurte zu lösen, entkuppelte und es bahnte sich eine möglicherweise unschöne Konfrontation an. Aber ich hatte nicht nur Western gesehen, sondern auch amerikanische Krimis und so erstickte ich sein Aussteigmanöver im Keim, indem ich seine in lausigen Bermudas steckenden Beine mit der Fahrertür malträtierte. Er nannte mich schmerzverzerrt einen Bastard und schrie, er würde mich umbringen. Ich drückte ihm meine Schokoladenzigarette, die inzwischen aufgeweicht aus meinem Mundwinkel baumelte, aufs Auge, holte aus meiner Hosentasche eine täuschend echt aussehende Spielzeug-Smith-Wesson und schoss ihm in beide Reifen, was aufgrund des Lärms auch die inzwischen hupenden und blökenden Fahrer hinter ihm zur Ruhe brachte. Er starrte mich an, als hätte ich ihm soeben einen unsittlichen Antrag gemacht und kämpfte mit einer sich entfachenden Hyperventilation. Haste la vista, murmelte ich, pustete in die qualmende Ballermannöffnung und setzte meinen Spaziergang fort. Wie schon gesagt, es war nicht unbedingt mein Tag.

Handymanie

Es war in Israel, vermutlich in Jerusalem, und schon Jahrzehnte her, als ich zum ersten Mal in einem ungewöhnlichen Ausmaß mit diesem Phänomen Bekanntschaft machte. In der Stadt liefen alle möglichen Menschen ohne erkennbare Anzeichen von Mutation oder Nervenkrankheiten mit der Hand am Ohr, laut vor sich hin brabbelnd (vermutlich arabisch sprechend) und wild gestikulierend durch die Gegend. Ein recht gewöhnungsbedürftiger Anblick, denn bisher kannte man überbordende Selbstgespräche eher von Personen mit multiplen Persönlichkeitsstörungen. Erst nach und nach tröpfelte es in mein Bewusstsein, dass es sich hier um Menschen mit Handys handelte und dies den Anfang einer echten Seuche darstellen würde. Damals waren Handys noch nicht selbstverständlich und man amüsierte sich über den dämlich Witz, das Wort Handy käme aus dem Schwäbischen und leite sich von dem Ausspruch: Ja, hen di koi Schnur?“ ab. Das Phänomen schwappte natürlich auch nach Deutschland über und schon bald konnte man sich nicht mehr retten vor all den öffentlichen Plapperern mit den Elektrokommunikationsklötzen am Ohr. Ohne es zu wollen, wurde man Zeuge von Auseinandersetzungen, Kundengesprächen, Beziehungsgemetzeln, desorientierten Männern beim Einkaufen („Schatz, wo liegt denn jetzt der Parmesankäse?“) und eskalierenden Schlagabtauschen aufgrund von Verständigungs- oder Hörproblemen. Als bei einer Documenta in Kassel eine Dame in einer langen Warteschlange die Zeit nutzte, um per Handy all ihren Weltschmerz inklusive aktueller Körperleiden laut und vernehmlich für die genervten Umherstehenden zu verkünden, fielen ein Bekannter und ich uns in die Arme und weinten ebenfalls laut und vernehmlich über all diesen nun öffentlich gewordenen Trübsinn mit Ausrufen a la „Ach Gott, ist das traurig!“, was später a) Szenenapplaus gab und b) dazu führte, dass die Dame die Schlange empört verließ. Die Handymanie nahm immer größere Ausmaße an. Bei mir gegenüber existiert eine kleine Brücke, auf der sich Menschen offenbar ungestört fühlen und Sätze wie „Jessi, diese scheiß Bitch“, „ich hau dem echt ein paar auf die Fresse“ oder „Typ, hab ich gesagt, ich bin voll abefuckt von dir“ brüllen. Offenbar ist bei einigen noch nicht angekommen, dass sich der Stand der Technik seit den 50ern verändert hat und man heute nicht mehr in den Hörer schreien muss. Nein, auch nicht bei Überseegesprächen! Warum kann man nicht wie bei den Rauchern schallgedämpfte Telefonierecken einrichten, wo man sich interaktiv-sprachlich die Kante geben kann? In letzter Zeit beobachte ich in meiner Umgebung immer wieder auf ihr Handy starrende Untote, die in zombieresker Weise Pokémons suchen oder jagen, hinter jedem Zaun „Schillernde Quapsel“ wähnen und dabei – falls sie überhaupt miteinander reden – dies in Fachchinesisch tun. Habe kürzlich noch zwei überfahren – beinah! Neulich, vor unserem Küchenfenster, lagen zwei Teenager auf der Straße, malträtierten fast heulend ihr smartes Phone und schrien Begriffe wie „verficktes Update“ und „Kack Software“ in die feierabendlichen Häuserschluchten. Gut, wenigstens kommen die kleinen Racker so an die frische Luft. Und dann noch meine Lieblingsgeschichte. Eine Reisende in einem Intercity war genervt von den ganzen lauten Telefonaten der krawattierten Jungmanager und in Kostüme gezwängten Betriebswirtinnen. Kurzerhand nahm sie all die Soundschnipsel auf und spielte sie mit größter Lautstärke ab, als sich die Wichtigtuer zu ihrem telefonierfreien Mittagsnickerchen bequem gemacht hatten. So geht Rache!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Das tragische Paradox des Abgleitens in den Autoritarismus über Wahlen besteht darin, dass die Mörder der Demokratie deren eigene Institutionen benutzen, um sie zu töten – schrittwiese, fast unmerklich und ganz legal.

(Selvitsky, Ziblatt)