Ausgabe 11/19

Doktorspiele!

Irgendwann las ich mal den netten Spruch, den ich allerdings nur noch sinngemäß auf dem Schirm habe: Fiele Manna (beschrieben wird Manna in der Bibel als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“) vom Himmel, benötigte es die Expertise zahlreicher Menschen mit Doktortitel, bis seine Essbarkeit glaubhaft bestätigt werden könne. Unabhängig von meiner fast 40jährigen Tätigkeit in diversen Krankenhäusern habe ich das Gefühl: Es wimmelt nur noch so von Personen mit Doktortiteln. Die jungen Psychologen, kaum der Uni entronnen, können es gar nicht abwarten, ihren Dipl-Psych. um ein Dr. zu erweitern. Es macht ungemein Eindruck und hebt die Körpergröße offenbar um etliche Zentimeter. Mir sind gar Ärzte untergekommen, die gar keinen Doktortitel besaßen, diesen aber fein auf ihrem Namensschildchen präsentierten. Meine Mutter bekam regelmäßig schwitzige Hände, wenn ein menschliches Wesen mit besagtem Titel vor ihr auftauchte. Ein wie auch immer gearteter Doktor kam bei ihr direkt hinter dem Pastor. In einer mir bekannten Stadt zerrissen sich doktorhörige Schwachstromdenker das Maul über einen Internisten ohne Titel, weil er ohne Dr. vor dem Namen nicht viel taugen könne. Ein Bekannter mit entsprechendem Zusatz aus zwei Buchstaben, wollte nicht zu einer Beerdigung kommen, weil sein Name auf der Trauerkarte ohne die Zusatzbuchstaben stand. Bei manchen Menschen wirkt der Doktor wie eine Art orthopädischer Stützstrumpf.

Als ich vor Jahren ein paar psychologische Doktorarbeiten im klinischen Bereich betreute, fragte mich –Doktortitellosen – die Professorin, ob ich nicht aufgrund meiner großen Erfahrung und spezialisierten Ausrichtung in Deutschland den Doktor gleich mit ablegen wolle. Ich verneinte, da ich auf eine Verdokterung keinen Wert legen würde, mir ein Dr. davor vermutlich eher unangenehm wäre und sich ja die Art meiner Tätigkeit durch den Zusatz nicht ändern würde. Ich glaube, sie war etwas eingeschnappt. Nun gibt es aber in den letzten Jahren ein Phänomen, das mich ratlos macht. Bei einem Vortrag auf einem Bundeskongress für Jugendmedizin wurde ich mit Prof. Dr. soundso vorgestellt. Meine Versuche, den Titel loszuwerden, blieben ergebnislos. Der Professor wurde mir sogar per Namensschild ans Revers gepappt. Und im Berufsalltag passiert es ständig, dass mir die Doktorwürde im Anschreiben eines Briefes und sogar vom hiesigen Schreibdienst verliehen wird. Nun meine Überlegung: Sollte man vielleicht ein neue Form von Doktor einführen? Wie wäre es mit Dr. vw Arnold Illhardt? Vw steht übrigens für verdienterweise … damit wäre alles ordnungsgemäß!

In der Plastikschredderei

Es war zu einer frühen Abendstunde auf dem Rückweg von der Arbeit, als ich mit meinem Wagen auf den Discounter-Parkplatz fuhr. Ich hatte den Zeitpunkt vorsorglich so gelegt, um möglichst wenig Menschen zu begegnen. Obschon ich weder die Fahrzeuge, geschweige denn die Kennzeichen meiner Freunde und Bekannten kenne, schaute ich mich dennoch um, ob irgendwo vertraute Fahrzeuge zu sehen waren. Die Luft war rein. Dann öffnete ich den Kofferraum und holte dort drei große, gefüllte Stoffbeutel – wohl gemerkt: Stoffbeutel!! – heraus. Ein letzter Blick über den Platz, dann betrat ich mit den Taschen den Eingangsbereich des örtlichen Getränkemarktes. Es waren kaum Kunden im Laden, die Kasse war unbesetzt und der Angestellte von der Pfandrückgabe wuselte beim Krombacher Bier (wer trinkt die Nestle-Brühe eigentlich noch?) herum. Ich nutzte die Chance, ungesehen den Plastikflaschenschredderer zu nutzen. Jetzt bloß nicht durch herunterfallende Flaschen auf mich aufmerksam machen; der Vorgang musste nahezu unbemerkt stattfinden. Nach und nach schob ich die Schwabbelplastikflaschen – bitte mit dem Flaschenboden zuerst – in das dafür vorgesehene Loch. Verdammt, ich war zu schnell, manche Behälter wurden postwendend zurückgeschickt. Meine Ungeduld überforderte die blöde Maschine. Und bei jeder Pulle dieses entsetzliche Schreddergeräusch. Krrrrkkkk. Plastikflaschenmassaker, dachte ich. Die ehemaligen Wasserbehältnisse waren für eine dienstliche Veranstaltung angeschafft worden und ich – wasserflaschennutzender Umweltfreak – war für die Pfandeinlösung vorgesehen. Hätte man dort nicht eine gewissenlosere Person auserwählen können? Meine Güte, diese Einwegflaschen waren nur für den Moment geschaffen, danach wurden die geschredderten Überreste in die Welt geschickt, weg von hier. Gab es überhaupt eine Verwendung, nachdem das Material entwertet worden war? Was davon, was soeben mit ohrenbetäubendem Lärm in die ewigen Müllgründe zerhexelt wurde, würde eines Tages im Meer für eine weitere Plastinierung sorgen? Ich drückte auf den grünen Knopf und ließ mir den Pfandbon ausdrucken. Geschafft! Hinter mir stand so ein Naturhasser mit zwei gelben Säcken voller Plastikflaschen. Ihm stand das „ist halt normal“ auf der Stirn geschrieben. Arschloch, dachte ich für einen Moment, aber – hey – ich hatte meine Unschuld verloren. Verdammte Gleichgültigkeit.

Der politische Blick fürs Wesentliche

Neben meinem Leseplatz steht eine Holzkiste, die ich aus einem aufgelösten Schularchiv rekrutiert habe. Darin lagern unzählige Artikel, kopierte Texte, Zeitungsausrisse, sowie jede Menge Ungelesenes. Man weiß ja nie, wofür man all diese Berichte, Beschreibungen und Beobachtungen gesellschaftlicher und politischer Kakophonien noch gebrauchen kann. Machen wir uns nix vor: Unsere Erde und das Zusammenleben darauf befindet sich aufgrund seiner mehr als dämlichen Bewohner auf dem Abstiegstabellenplatz: Kriege, Rechtsradikalismus, Umweltzerstörung, Klimakatastrophen, Public Hating, um nur ein paar der menschlichen Schwarmbescheuertheiten zu nennen. Wenn man schon selbst die Welt nicht retten kann, dann hilfts möglicherweise, ihren Zustand in einer Holzkiste zu archivieren. So eine Art Ersatzhandlung. Und damit all das Desaster politisch gut verwaltet wird, vertraut man die Geschicke per Wahl einem Politkombinat an, von dem man im Grunde im Vorhinein weiß, dass sie vor allem regieren, statt zu reagieren. Neulich las ich einen dieser passenden Sinnsprüche zur rechten Zeit: ”ICH HABE DAS MIT DEN MENSCHEN WIRKLICH VERSUCHT. ICH MÖCHTE JETZT BITTE AUF MEINEN WAHREN HEIMATPLANETEN.“ Ganz mein Denken!

Gestern habe ich den Inhalt meiner Holzkiste nahezu entrümpelt. Ein paar Kilo totes Holz! Ich denke, es gibt Entwarnung. Unsere Regierung und hier zuvorderst AKK, bei der mir – warum auch immer – das alte Graffiti „AUCH FÜR DU – CDU“ einfällt, haben die wichtigen und dringend notwendigen Dinge zur gesellschaftlichen und ökologischen Kehrtwende durch schwerwiegende Entscheidungen in die Hand genommen: Soldaten dürfen jetzt für lau Zug fahren. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt.

Alle Texte von Arnold Illhardt

.DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Die Lust am Untergang befriedigt ganz tiefe menschliche Sehnsüchte. Es ist so befreiend, wenn alles den Bach runtergeht.

(Ariadne von Schirach)11-19

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