Ausgabe 12-19

Anarchie (Foto Arnold Illhardt)

anarchy in Telgte

Arnold Illhardt (Telgte)

Anarchie – um es gleich zu Beginn klar zustellen – ist eine Gesellschaftsform mit minimaler Gewaltausübung durch Institutionen und maximaler Selbstverantwortung des Einzelnen. Also kurz: Ordnung ohne Macht, Und damit ist sie, wie ich finde, die Königin unter den gesellschaftlichen Formen – wären nicht auch Königinnen an sich blöd und die Menschen unfähig, ein solches System auf Dauer – sagen wir länger als die Halbwertszeit eines facebook-Eintrags – mitzutragen. Natürlich stellt die Anarchie damit ein derbe Gefahr für die ebenfalls ganz okaye Form der Demokratie dar, die ja in Wirklichkeit eher so eine Art Schummeldemokratie ist (außer man findet Lobbyismus, politische Alleingänge, Hinterzimmerabsprachen, Nichteinbeziehen der Wähler und parteiaffine Beeinflussung der Medien demokratisch). Von rechts bis links, was – wie ich finde – völlig überholte Begriffe sind (ich bin z.B. „oben“), lässt man keinen Moment aus, um z.B. bei eskalierenden Situationen auf Demos oder Widerstandsaktionen von anarchistischen Zuständen zu sprechen. Der Volksmund, befeuert durch Medien und scheinschlaue Politiker, sieht Anarchie vor allem in Verbindung mit gesellschaftlicher Unordnung, Gewaltherrschaft und Gesetzlosigkeit. Guten Morgen, nicht in SoWi aufgepasst.

Nun entdeckte ich in der örtlichen Drogerie (super Begriff) meines Vertrauens das Deodorant anarchy von Axe und dachte, warte Menschheit, ab heute wird alles anders mit dieser entsetzlich langweiligen gesellschaftlichen Ordnung. Ich sprühte mir den Duft unter meine schweißtreibenden Männerarme, wedelte ein bisschen wie eine Windmühle auf Acid und präsentierte mich in lasziver Weise meiner Frau. Ich selbst finde ja, dass AXE immer ein bisschen nach geschmorten Bullenhoden riecht (ich meine natürlich die Körperteile von männlichen geschlechtsreifen und unkastrierten Hausrindern).  Es dauerte nicht lange und mein holdes Eheweib nahm den Geruch von Freiheit, Abenteuer und grenzenlosen Begehrens auf. Es war ein Rausch der Sinne und unser grüner Hinterhof erinnerte alsbald an das Triptychon „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch. Die Westfälischen Nachrichten berichteten über dieses nicht unbemerkt gebliebene Treiben tags darauf mit einer 12teiligen Fotostory und der reißerischen Überschrift „Anarchie an der Ems. Telgte zieht blank!“ Rossmann und DM verzeichneten schon einen Tag später eine reißende Abnahme des Herrendufts anarchy von AXE und Telgte entwickelt sich zum Mekka der sinnlichen Anarchie an den Gestaden des dunklen Flusses: Ein wildes Treiben mit glücklichen Paaren jeglichen Geschlechtes in lustvoller Trunkenheit. Es gab in Telgte Kamasutra-Kurse im Bürgerhaus, die Graswurzelrevolution mit Lokalteil wurde zur Tageszeitung und die Apotheken verteilten Cannabis auf lau. Dann stand der Tag bevor, dass das Rathaus gestürmt werden sollte, um es ab sofort in ein autonomes Kulturzentrum umzuwandeln. Daraus wurde nix. Der Staatsschutz setzte Sondertruppen ein, es wurde von Hubschraubern Hängulin über die Bewohner gesprüht und der Nordrheinwestfälische Innenminister persönlich besuchte die Emsstadt, um in gewohnt einfältiger Weise die Rückkehr der Schmunzeldemokratie in die hingehaltenen Mikrofone zu verkünden. „anarchy“ wurde verboten und Kölnisch Wasser als Zwangsbeduftung eingeführt. Hans Magnus Enzensberger verfasste zeitnah seinen Nachfolgeroman: Der kurze Sommer mit anarchy und an unserem Haus wurde eine Gedenktafel angebracht: Anarchie wäre fast machbar, Herr Nachbar, was aber später auf Geheiß der CDU und der FDP, die ja nur scheinliberal ist, wieder entfernt wurde. Wir denken gern daran zurück und lachen uns dabei eins ins Fäustchen. Denn das Ganze war nur als PR-Gag gedacht, um die Klickzahlen auf unseren fb-account zu erhöhen! Anarchie herrscht bei uns auch ohne Deo!

Politischer Fußball

Arnold Illhardt (Telgte)

Auch wenn ich Fußball in etwa so spannend finde wie den Hosenlatz von Horst Seehofer, weiß ich natürlich, dass es Schalke04, FC Bayern München, BVB oder FC St. Pauli gibt. Würde ich mich für Fußball interessieren, entschied ich mich vermutlich für eine Mannschaft, wo nur Leute aus dem entsprechenden Ort mitspielen, sonst macht es ja keinen Sinn, eine Mannschaft z.B. Borussia Dortmund zu nennen, sondern z.B. „Eingekaufte Spielervereinigung, die zufällig im Dortmunder Signal Iduna Station kickt“. Nun haben ja alle Mann- oder Damenschaften einen untrüglichen gemeinsamen Nenner: Sie spielen Fußball. Trotzdem gibt es kognitiv minderbemittelte Menschen, die sich die Rübe einschlagen, weil sie die Fans der anderen Mannschaft blöd finden. Glückwunsch – es ist vermutlich eines der Gründe mit, warum man ständig auf anderen Planeten nach Intelligenz sucht. Ach genau, und beim Fußball geht es um Spaß! Komisch eigentlich, dass dort so wenig gelacht wird.

Nun ist das ja mit den vielen Parteien, die es so gibt, in gewisser Weise ähnlich. Nur, dass bei denen der Spaß aufhört. Ihre Gemeinsamkeit sollte sein (mir ist schon klar, dass es das meist nicht ist), Politik zu machen, was ja so viel bedeutet wie, die wichtigen Dinge des Volkes zu regeln. Als neulich Wahlen stattfanden, ging es um mögliche Koalitionen und ich verfolgte gespannt, wie allen Ernstes Überlegungen angestellt wurden a la „wenn wir mit Partei XY zusammengehen, wäre so auch das Thema Umweltschutz abgedeckt.“ Oder: „Mit der Partei YZ werden auch die Belange der Arbeiter berücksichtigt.“ Mir ging, auch wenn ich eher selten Hüte trage, die Schnur selbiger hoch. Jetzt mal ohne Scheiß: Sollte nicht JEDE Partei – einer gewissen humanen Logik folgend – Aspekte in ihrem Programm fett eingetragen haben wie: Gleichheit und Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder, Menschenrechte, Umwelt-, Klima und Tierschutz, Meinungsfreiheit, Arbeiterrechte, Friedenssicherung und was sonst noch so Selbstverständlichkeiten sind? Nein, es ist aber nicht so, es wird am Menschen vorbeiregiert, so als würde Schalke 04 plötzlich in der zweiten Halbzeit Gummitwist springen, anstatt zu pöhlen.

Wie gesagt, beim Fußball geht es ausschließlich um Spaß (auch wenn man nix davon merkt), bei der Parteipolitik geht es um UNS (wovon man ebenfalls nix merkt). Und übrigens nicht um ein höchstmögliches Befriedigen einer Machtelite bzw. der eigenen Profilneurose. Warum also Parteien mit obendrein unsäglicher Parteidisziplin und nicht ein heterogen zusammengesetzter, parteifreier Rat aus Fachleuten, der orientiert an dem größten gemeinsamen Nenner (wie z.B. im Manifest des Konvivialismus zusammengetragen), die Dinge des Volkes nach basisdemokratischer Manier (also Einbezug der Menschen) organisiert, plant und umsetzt? Vielleicht ist das der Grund, warum ich vage Sympathien für den FC St. Pauli hege!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Je weniger Informationen die Menschen in einer Demokratie erhalten, desto gefährdeter ist sie.

© Wolfgang J. Reus

Ausgabe 11-5/19

In dieser Ausgabe von Schreyben & Sehen klebt nur ein kleiner, handschriftlich verfasster Zettel. Schaut der Betrachter durch das Guckloch, ertönt Vogelgezwitscher. Die Aktion bezieht sich auf die allseits akzeptierte Scheintransparenz der Politik. Der überwiegende Teil der politischen Aktivitäten bleibt für die Bürger, für die das politische System gedacht ist, im Verborgenen. Auf diese Weise funktioniert ein Regieren an der Öffentlichkeit vorbei. Interessant, dass dies allgemein bekannt ist!!!

Der Aushang in dem Schaukasten an der Herrenstraße in Telgte wurde immer wieder zum Objekt des Interesses – mit Zustimmung und Kopfschütteln!

Ausgabe 11/19

Politik (Arnold Illhardt)

Doktorspiele!

Irgendwann las ich mal den netten Spruch, den ich allerdings nur noch sinngemäß auf dem Schirm habe: Fiele Manna (beschrieben wird Manna in der Bibel als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“) vom Himmel, benötigte es die Expertise zahlreicher Menschen mit Doktortitel, bis seine Essbarkeit glaubhaft bestätigt werden könne. Unabhängig von meiner fast 40jährigen Tätigkeit in diversen Krankenhäusern habe ich das Gefühl: Es wimmelt nur noch so von Personen mit Doktortiteln. Die jungen Psychologen, kaum der Uni entronnen, können es gar nicht abwarten, ihren Dipl-Psych. um ein Dr. zu erweitern. Es macht ungemein Eindruck und hebt die Körpergröße offenbar um etliche Zentimeter. Mir sind gar Ärzte untergekommen, die gar keinen Doktortitel besaßen, diesen aber fein auf ihrem Namensschildchen präsentierten. Meine Mutter bekam regelmäßig schwitzige Hände, wenn ein menschliches Wesen mit besagtem Titel vor ihr auftauchte. Ein wie auch immer gearteter Doktor kam bei ihr direkt hinter dem Pastor. In einer mir bekannten Stadt zerrissen sich doktorhörige Schwachstromdenker das Maul über einen Internisten ohne Titel, weil er ohne Dr. vor dem Namen nicht viel taugen könne. Ein Bekannter mit entsprechendem Zusatz aus zwei Buchstaben, wollte nicht zu einer Beerdigung kommen, weil sein Name auf der Trauerkarte ohne die Zusatzbuchstaben stand. Bei manchen Menschen wirkt der Doktor wie eine Art orthopädischer Stützstrumpf.

Als ich vor Jahren ein paar psychologische Doktorarbeiten im klinischen Bereich betreute, fragte mich –Doktortitellosen – die Professorin, ob ich nicht aufgrund meiner großen Erfahrung und spezialisierten Ausrichtung in Deutschland den Doktor gleich mit ablegen wolle. Ich verneinte, da ich auf eine Verdokterung keinen Wert legen würde, mir ein Dr. davor vermutlich eher unangenehm wäre und sich ja die Art meiner Tätigkeit durch den Zusatz nicht ändern würde. Ich glaube, sie war etwas eingeschnappt. Nun gibt es aber in den letzten Jahren ein Phänomen, das mich ratlos macht. Bei einem Vortrag auf einem Bundeskongress für Jugendmedizin wurde ich mit Prof. Dr. soundso vorgestellt. Meine Versuche, den Titel loszuwerden, blieben ergebnislos. Der Professor wurde mir sogar per Namensschild ans Revers gepappt. Und im Berufsalltag passiert es ständig, dass mir die Doktorwürde im Anschreiben eines Briefes und sogar vom hiesigen Schreibdienst verliehen wird. Nun meine Überlegung: Sollte man vielleicht ein neue Form von Doktor einführen? Wie wäre es mit Dr. vw Arnold Illhardt? Vw steht übrigens für verdienterweise … damit wäre alles ordnungsgemäß!

In der Plastikschredderei

Es war zu einer frühen Abendstunde auf dem Rückweg von der Arbeit, als ich mit meinem Wagen auf den Discounter-Parkplatz fuhr. Ich hatte den Zeitpunkt vorsorglich so gelegt, um möglichst wenig Menschen zu begegnen. Obschon ich weder die Fahrzeuge, geschweige denn die Kennzeichen meiner Freunde und Bekannten kenne, schaute ich mich dennoch um, ob irgendwo vertraute Fahrzeuge zu sehen waren. Die Luft war rein. Dann öffnete ich den Kofferraum und holte dort drei große, gefüllte Stoffbeutel – wohl gemerkt: Stoffbeutel!! – heraus. Ein letzter Blick über den Platz, dann betrat ich mit den Taschen den Eingangsbereich des örtlichen Getränkemarktes. Es waren kaum Kunden im Laden, die Kasse war unbesetzt und der Angestellte von der Pfandrückgabe wuselte beim Krombacher Bier (wer trinkt die Nestle-Brühe eigentlich noch?) herum. Ich nutzte die Chance, ungesehen den Plastikflaschenschredderer zu nutzen. Jetzt bloß nicht durch herunterfallende Flaschen auf mich aufmerksam machen; der Vorgang musste nahezu unbemerkt stattfinden. Nach und nach schob ich die Schwabbelplastikflaschen – bitte mit dem Flaschenboden zuerst – in das dafür vorgesehene Loch. Verdammt, ich war zu schnell, manche Behälter wurden postwendend zurückgeschickt. Meine Ungeduld überforderte die blöde Maschine. Und bei jeder Pulle dieses entsetzliche Schreddergeräusch. Krrrrkkkk. Plastikflaschenmassaker, dachte ich. Die ehemaligen Wasserbehältnisse waren für eine dienstliche Veranstaltung angeschafft worden und ich – wasserflaschennutzender Umweltfreak – war für die Pfandeinlösung vorgesehen. Hätte man dort nicht eine gewissenlosere Person auserwählen können? Meine Güte, diese Einwegflaschen waren nur für den Moment geschaffen, danach wurden die geschredderten Überreste in die Welt geschickt, weg von hier. Gab es überhaupt eine Verwendung, nachdem das Material entwertet worden war? Was davon, was soeben mit ohrenbetäubendem Lärm in die ewigen Müllgründe zerhexelt wurde, würde eines Tages im Meer für eine weitere Plastinierung sorgen? Ich drückte auf den grünen Knopf und ließ mir den Pfandbon ausdrucken. Geschafft! Hinter mir stand so ein Naturhasser mit zwei gelben Säcken voller Plastikflaschen. Ihm stand das „ist halt normal“ auf der Stirn geschrieben. Arschloch, dachte ich für einen Moment, aber – hey – ich hatte meine Unschuld verloren. Verdammte Gleichgültigkeit.

Alle Texte von Arnold Illhardt

.DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Die Lust am Untergang befriedigt ganz tiefe menschliche Sehnsüchte. Es ist so befreiend, wenn alles den Bach runtergeht.

(Ariadne von Schirach)