Ausgabe 9-19

Zwei Arten von Flüchtlingen

Jürgen Buxbaum (Telgte)

Abgesehen von denen, die vor Verfolgung und Unterdrückung fliehen, gibt es zwei Arten von Flüchtlingen. Beide sind auf verschiedene Weise „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Die einen sind viele, die anderen wenige. Die einen möchten gern kommen, die anderen gern bleiben. Die einen fliehen vor aller Augen, die anderen versteckt und heimlich. Die einen haben nichts und hoffen auf eine bessere Zukunft. Die anderen haben viel und dennoch nicht genug. Die einen bezahlen kriminelle Schleuser, die anderen ehrenwerte Anwälte und Politiker. Wenn sie Fuß gefasst haben, tragen die einen zum Wohlstand ihrer neuen Gesellschaft bei. Die anderen profitieren vom Wohlstand ihrer Gesellschaft und bestehlen sie. Die einen sind Fremde und nicht gern gesehen. Die anderen sind wohlbekannt und geachtet. Für die einen gibt es Gesetze, die ihnen das Leben sauer machen. Für die anderen solche, die ihre Flucht ermöglichen und erleichtern. Die einen können auf der Flucht ums Leben kommen. Die anderen können am vergoldeten Schnitzel ersticken oder im Champagner ertrinken. Die einen fürchten sich vor dem Hass von Einheimischen. Bei den anderen drücken Einheimische oft ein Auge zu. Die einen bringen das Einzige mit, das sie haben, Willen und Mut etwas aufzubauen. Die anderen bringen das Wichtigste weg, das sie haben, Geld. Die einen sind arm, weil die anderen reich sind. Sie kennen einander nicht, aber sie haben miteinander zu tun. Die einen nennt man Armutsflüchtlinge oder Arbeitsmigranten, die anderen nennt man Steuerflüchtlinge.

Würde man den Steuerflüchtlingen ihre Fluchtlöcher stopfen, denen, die ihren Reichtum durch der Hände Arbeit anderer erworben haben, Firmen und Konzerne, Film- und  Fußballstars, reiche Erben, Aktienbesitzer, Immobilienhaie und ihre Diener, fehlte es wohl nicht an Mitteln, um den Armutsflüchtlingen einen Start in ein neues Leben zu ermöglichen – oder besser: Würde der Reichtum der einen den Menschen der armen Länder gehören, brauchten die anderen vielleicht gar nicht zu fliehen.

P.s. Steuerhinterzieher und -vermeider betrügen uns um etwa 1000 Milliarden Euro – jedes Jahr und allein in der EU! Das ist das Fünffache des EU-Haushaltes.

J_buxbaum@hotmail.com

19.06.2019

Flauschige Gleichgültigkeit

Arnold Illhardt (Telgte)

Ich hab´s noch genau vor Augen, obschon die Werbung mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Eine klassische Hausfrau mit Schürze und Dauerwelle steht vor ihrem Berg mit Wäsche. Eine Stimme aus dem Off: „Jetzt meldet sich dein Gewissen.“ Die Hausfrau tritt aus sich heraus und führt eine Konversation mit ihrem Gewissen. „Die Bademäntel sind nicht weich genug!“ „Aber“, wirft die Hausfrau verzweifelt ein, „ich wasche doch immer sorgfältig!“ „Genügt nicht! Du musst Lenor nehmen!“ Und da die Menschen stets ihrem Gewissen folgen (kleiner Scherz), kommt ab sofort Lenor in den letzten Waschgang und alle, sogar der Ehemann, sind zufrieden und fühlen sich in ihren Klamotten so kuschelig. Hausfrau zufrieden, Procter & Gamble auch.

Doch warum ist die Wäsche so weich und lässt sich ab sofort besser bügeln, so dass das Bügeleisen nur so über Vatis T-Shirts schliddert? Weil den Weichspülern kationische Tenside zugesetzt werden, die teilweise aus tierischen Fetten, also aus Schlachtabfällen hergestellt werden. Also aus Schweinenasen, Hühnerherzen, Rinderlungen und endlich finden auch die Millionen geschredderten Küken ein neues Zuhause. Dass der so gebildete Fettfilm die Waschmaschinen schädigt, Duftstoffe und Lösemittel allergische Reaktionen hervorrufen können, manche Zusatzstoffe sogar zur Zeugungsunfähigkeit führen und der Einsatz von Weichspülern bei der nächsten Wäsche einen entsprechend erhöhten Waschmittelverbrauch notwendig macht – geschenkt. Und Tiere – jedenfalls einige – sind eh nur Nutzmaterial!

Das SWR- Fernsehen konfrontierte Menschen auf der Straße mit der Frage, ob sie Weichspüler benutzen. Viele bejahten und waren betroffen, als sie hörten, welchen Unfug sie sich antun und was als Bestandteil in Kuschelweich im früher lebendigen Zustand so kreuchte und fleuchte. Nur eine junge Frau, und ihre Stimme erinnert so ein bisschen an Frank Zappa´s „Wet T-Shirt Night“, flötete in die Kamera, sie benutze weiter Weichspüler, weil sie weiche Wäsche toll fände. Kicher! Und in diesem Moment hatte ich so etwas wie eine Eingebung. Mir wurde nämlich endlich klar, wie es sein kann, dass Menschen Trump, Orbán oder Gauweiler wählen. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Gleichgültigkeit!

Lösung: Gelebtes Leben

Arnold Illhardt (Telgte)

Neulich schickte mir jemand eines dieser schlecht gemachten Videos mit alltagsphilosophischem Hintergrund zu. Es ging dabei um eine Geschichte und eine abschließende Frage, die sinngemäß in etwa so lautete: Du fährst mit deinem Auto durch ein total schlimmes Unwetter und kommst an einer einsamen Bushaltestelle vorbei. Dort stehen eine hübsche junge Frau = Traumfrau (wohl nur eine Aufgabe für Heteromänner! Und ob die hübsche Frau auch nett ist, schien keine Rolle zu spielen), ein alter Freund und eine sehr gebrechliche alte Dame. Du kannst nur eine Person in deinem Auto mitnehmen. Nimmst du die hübsche Frau mit, wird das eine Liebesbeziehung fürs Leben. Der alte Freund, der dir irgendwann mal das Leben gerettet hat, hat bei dir noch was gut. Und die alte Dame muss dringend ins Krankenhaus, weil sie sonst nicht überleben würde. Wen also, so die Frage, nimmst du in deinem Auto mit? Die zum Schluss eingeblendete Lösung lautete: Gib deinem Freund die Schlüssel fürs Auto und lass ihn die alte Dame ins Krankenhaus bringen. Dann warte mit der hübschen Frau zusammen auf den Bus … Aha!

Die Geschichte hinkt natürlich an ziemlich vielen Stellen, aber ich kam dann doch zu einer anderen Lösung. Die Traumfrau fürs Leben habe ich schon und meine wirklichen Freunde sind so gestrickt, dass sie der alten Dame ins Auto helfen würden, damit ich sie in die Klinik bringen kann. Das war einer der Momente, wo mir klar wurde, was für ein gelebtes Leben ich führe. Der Rest wäre Klagen auf hohem Niveau.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

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