Ausgabe 8-19

alle Texte von Arnold Illhardt

Kraftort Telgte

Wir befanden uns in einem dieser spirituellen Räucherstäbchen-, Totenkopf- und Silberkettchenläden in Glastonbury (England), unter Eingeweihten auch als Avalon bekannt. Die amulettbehängte Verkäuferin mit dem Aussehen einer orientalischen Priesterin strahlt uns mit einem alltagsentrückten Lächeln an, als wir ihr erzählten, dass wir am Morgen den Glastonbury Tor bestiegen haben. Auf diesem beturmten Hügel, so die Artussage, soll sich das Tor zu Avolon, dem Land der Feen, befinden und damit gilt dieser Platz als Kraftort. „Und“, fragte sie und fasste sich theatralisch an ihr üppig bebustes Herz, „hat es bei euch boom, boom, boom gemacht?“ Natürlich fragte sie das in Englisch, wo sich boom, boom, boom übrigens genauso anhört wie im Deutschen und es ist kein Zufall, dass man an Peter Gabriel´s Salisbury Hill erinnert wird (My heart going boom, boom, boom…Gabriel war allerdings auf einem anderen Hügel). Wir müssen wohl wie hypnotisierte Eichhörnchen geschaut haben. Ok, es war ganz nett oben auf den Glastonbury Tor und vermutlich haben wir dort wie richtige Münsterländer unser mitgebrachtes Bütterchen gemümmelt und metaphysisch rumgeknutscht, aber boom, boom, boom hat´s nicht gemacht. Jedenfalls nicht avolonmäßig. Sichtbare Enttäuschung bei dem patschulisierten Rauschgoldengel.

Wie ich auf Glastonbury komme? Telgte wurde aktuell von der stadteigenen Beauftragten für Spiritualität und Geistlichkeit ebenfalls als Kraftort auserkoren. Mir war das unabhängig von den drei oder vier existierenden Muckibuden in der Emsstadt schon lange klar. Wer wie wir am Fluss wohnt, merkt spätestens nach der ersten nächtens am Wasser geleerten geleerten Flasche Nero d´Avola, dass hier übernatürliche Kräfte freigesetzt werden. Aktuell plant man jede Menge Events, um den Kraftort Telgte für jedermann spürbar zu machen. Nur habe ich die Sorge, dass ich wieder kein boom, boom, boom mitkriege und man mich als abgestumpftes, haariges Männerwesen tituliert. Daher überlege ich, ob ich nicht wenigstens mitmache, wenn im Dümmert bei Mondschein rituelle Fruchtbarkeitstänze zelebriert werden. Aber vielleicht muss ich auch einfach meine Musik im Wohnzimmer leiser drehen. Vielleicht … ganz leise …boom … geht da doch was!

Telgte und der Klimanotstand

Telgte hat den Klimanotstand ausgerufen. Und das ist gut so! Nun überschlagen sich natürlich die lokalen Hobbyklimawissenschaftler und Klimaskeptiker mit sinnfreien Kommentaren und Tiraden, sowie Zitaten aus Veröffentlichungen verschwurbelter Anologmeinungsträger. Vor allem die Damen und Herren orange-schwarzer und blau-brauner Provenienz, denen vermutlich alles Schützenswerte am Arsch vorbeigeht, liegen ganz vorn im Rennen: Nicht der Mensch ist verantwortlich für Klimaveränderungen, so ihr verbales Ausdünsten, sondern die Natur selbst. Meist sind ihre kognitionsakrobatischen Aussagen mit Erleuchtungsrückständen a la „grüne Panikmache“ und „Meinungsdiktatur“ verbunden.

Nun gehen wir mal davon aus, die schwarz-braunen Nörgelpötte hätten Recht und das Klima würde sich sowieso mit Eisbergschmelzen, Hitzeperioden und selbstinduzierten Waldrodungen bemerkbar machen: Hieße das, es sollte uns scheißegal sein, wie wir mit dem Rest umgehen? Sollte es Null Rolle spielen, wie viele Abgase wir in den Äther pusten, wie wir unsere Meere verschmutzen oder wie wir Raubbau an der Erde treiben? Das wäre ALLES völlig egal??

Ein wenn auch ansonsten grottendämlicher Medizinprofessor sagte mal in meiner Anwesenheit, ein kluger Fuchs scheißt selten in den eigenen Bau. Ich glaube, es gibt kaum einen dämlicheren Fuchs als den Menschen – bei dem bleibt es nämlich nicht beim Scheißen!

Menschen und Idioten

 „Einmal die Drei!“ Die etwas stämmige Frau hinter der Kasse schenkt mir wie bei jedem Besuch ihr Ganzkörperlächeln. „Na, Feierabend“, strahlt sie mich an, „ist aber wieder mal spät geworden.“ Ich nicke ihr zu und mache eine scherzhafte Bemerkung. „Vielleicht noch was Süßes für unterwegs?“ Sie kennt meine Schwäche für Bountys. „Ne“, sage ich und verweise auf mein sichtbares Gewichtsproblem. „Dann machen sie sich mal einen schönen Abend“, ruft sie mir beim Rausgehen zu. Immer wieder mal werde ich an den Ausspruch einer guten Bekannten erinnert, 50 Prozent der Menschen seien Idioten. Sie drückte es drastischer aus. Ich widersprach ihr nicht. In einem Roman von Sven Regener, den ich neulich las, wurde die Zahl gar auf 70 aufgestockt. Meistens reicht eine längere Autofahrt, ein Frühstück in einem Hotel oder eine Stunde auf facebook, um die Hypothese zu verifizieren. Zum Glück gibt’s die Tankstelle in Alverskirchen, um die Zuversicht zu retten.

Die Spießigkeit des Metalheads

In der Musikzeitschrift „Rolling Stone“ (Springer-Verlag!!!) las ich den Bericht, dass Teens, die in den 80ern Metal von Bands wie Slayer, Megadeath oder Iron Maidon hörten, heute glückliche Spießer sind. Die Betonung liegt auf der Vergangenheitsform „hörten“, denn offenbar scheinen viele sogenannte Metalheads mit dem Eintritt ins 30. Lebensjahr und der damit einhergehenden Lebensverödung diese musikalische Vorliebe komplett abzulegen. Verräter! Nun mache ich mir Sorgen, da ich in jungen Jahren eher Jazzrock, Funk, Rock/Bluesrock und Independentmucke gehört habe und erst in den letzten 10 Jahren, also im Vorunruhestand, meine Leidenschaft für die Extrembereiche der Rockmusik = Death-/Black-Metal & Co entdeckt habe. Ich stehe ja beim Duschen auch nicht nur unter fünf Strahlen. Tritt bei mir die glückliche Spießigkeit jetzt erst im hohen Rentenalter ein oder werde ich mit 80 – Death-Metal sei Dank – einfach nur glücklich, aber unspießig sein? Nachdenklich machte mich allerdings das Ende des Artikels: „Nicht selten bleiben Metal-Fans … ein Leben lang der Musik ihrer Jugend verbunden. Und trotzdem gehen sie auf Kreuzfahrten, leben vegan und unterstützen Demos gegen die fahrlässige Klima-Politik. Glückliche Spießer eben.“ What the fuck ist an veganem Leben und Anti-Klima-Demos spießig? Vermutlich war der Springer-Schreiberling wieder so ein SUVistischer Kadaver-Esser mit Metallica-T-Shirt. Ach herrlich, diese Klischees!

…ich in jungen Jahren eher Jazzrock, Funk, Rock/Bluesrock und Independentmucke gehört habe und erst in den letzten 10 Jahren, also im Vorunruhestand, meine Leidenschaft für die Extrembereiche der Rockmusik = Death-/Black-Metal & Co entdeckt habe. Ich stehe ja beim Duschen auch nicht nur unter fünf Strahlen. Tritt bei mir die glückliche Spießigkeit jetzt erst im hohen Rentenalter ein oder werde ich mit 80 – Death-Metal sei Dank – einfach nur glücklich, aber unspießig sein? Nachdenklich machte mich allerdings das Ende des Artikels: „Nicht selten bleiben Metal-Fans … ein Leben lang der Musik ihrer Jugend verbunden. Und trotzdem gehen sie auf Kreuzfahrten, leben vegan und unterstützen Demos gegen die fahrlässige Klima-Politik. Glückliche Spießer eben.“ What the fuck ist an veganem Leben und Anti-Klima-Demos spießig? Vermutlich war der Springer-Schreiberling wieder so ein SUVistischer Kadaver-Esser mit Metallica-T-Shirt. Ach herrlich, diese Klischees!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?

~Herbert Renz-Polster~

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