Ausgabe 7-19

Friedhofsleben

Arnold Illhardt (Telgte)

Ich mag Friedhöfe und so gehört es mittlerweile zum obligatorischen Urlaubs- und Ausflugsprogramm, den jeweiligen Friedhof der Stadt, in der wir uns befinden, aufzusuchen. Zum besseren Verständnis: mich piesackt weder der düstere Thanatos, noch entfacht der Anblick von efeuumwobenen Grabsteinen ein existentialistisches Freudenfeuer in mir. Die Hintergründe sind eher pragmatischer Natur: es ist still, diejenigen, die man besucht, quatschen nicht dazwischen und bisher wird man mit Werbung, Musikbeschallung und anderen neuzeitlichen Animositäten auf Friedhöfen verschont. Ein Quell der Ruhe also und so wandeln meine Frau und ich durch die Gräberreihen, halten dann und wann inne und schweigen, ganz benommen von der für einen Moment lebendigen Wahrhaftigkeit menschlicher Seiensbegrenzung.

Was mich beim letzten Besuch des Friedhofs meiner Stadt allerdings zunächst irritiert, dann mehr und mehr erschrecken lässt, ist die zunehmende Zahl der Toten, deren Geburtsjahr sich um mein eigenes rankt. Und der ein oder andere Name ist dabei, an den ich mich noch aus Jugendzeiten erinnere. Todesursache: Herzinfarkt, Krebs, Autounfall oder aufgehängt. Es ist alles dabei. Mir fallen abgelutschte Weisheiten wie „carpe diem“ oder „es gibt ein Leben vor dem Tod“ ein, wohlwissend um das Haltbarkeitsdatum, was die Umsetzbarkeit dieser Durchhalteparolen anbetrifft. Meist verpuffen sie, wenn man müde von dem Lebensinhalt Arbeit auf dem Freizeitbiotop Sofa einnickt. Und wie meine Blicke über die bronzenen Laternen, Inschriften,  Euonymusbüsche und Gräber der Frischverblichenen streifen, fällt mir ein, dass es viel zu früh zum Ableben wäre, ereilte mich das gleiche Schicksal. Es gibt noch so viel zu leben: so muss ich noch unzählige Bücher lesen, Länder und Städte besuchen, sowie mit unserem Wohnmobil komplett um Europa reisen, ich möchte Romane schreiben und mein Gitarrenspiel auffrischen, ich möchte mit meiner Frau die Betten, Wälder und Wiesen unserer Welt durchlieben, ich möchte für eine humanere Gesellschaft kämpfen und erleben, dass sich Parteien erübrigen, ich möchte Verrücktheiten ausprobieren, dazu beitragen, dass Telgte zum zweiten Worpswede wird, die Leute zum Denken bringen, ich möchte mit meiner Enkelin auf Rockkonzerten feiern und ihr den Sinn des Lebens nahe bringen, ich möchte, du liebe Güte, ich hab noch so viel vor. Und Tag für Tag lass ich mich von den dunklen Mächten, die mit ihrer nicht enden wollenden Gier und Lustfeindlichkeit alle Lebendigkeit aufsaugen, davon abhalten.

In einem Berliner Hinterhof fand ich auf einem Blechschild einen Spruch von Bazon Brock: Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Ne, nicht der Tod gehört abgeschafft, sondern das ungelebt

Wahlplakate

Arnold Illhardt (Telgte)

Einsam und fast schon leicht verschämt hängt an jenem Morgen das erste Wahlplakat an einem Laternenmast. Ich denke, es war ein Wahlplakat; es unterscheidet sich nicht sonderlich von Ankündigungen zu Antiquitätentagen oder Ausstellungen für Hundeaccessoires. Mit Wahlplakaten ist es wie mit dem Rasenmähen: Fängt einer an, klingt wenig später die ganze Nachbarschaft nach Nürburgring. Und wirklich: schon am nächsten Tag prangt das nächste Plakat in beachtlicher Höhe – wohl ein Symbol für Bürgernähe – an einem Pfosten. Irgendwann gesellen sich immer mehr hinzu und dann ist es ein ganzes Plakatemeer. Schön bunt, schön schrill und schön inhaltslos und nichtssagend. Und wenn man schon nicht viel zu sagen hat, außer dass man für irgendwas wie Freiheit oder Ordnung oder beides einstehen wird, wählt manche Partei wenigstens einen oder eine ihrer mehr oder weniger berühmten Parteimitglieder und lässt die gesichtslosen Visagen, die alle irgendwie geklont wirken,  in die Landschaft glotzen.

Meine Schwiegermutter fand heraus, dass die Zähne der Kandidatin einer Sektion mit Liberal im Namen sicherlich künstlich seien; das sind die großen Themen des bundesrepublikanischen Politiktheaters.  Vielleicht hätte man besser die Schuhe oder Hemden zeigen sollen, nicht jedes Gesicht eignet sich für eine Großaufnahme. Richtig, aufs Aussehen kommt es eigentlich nicht so an. Aber andererseits, die Menge der Charismatiker unter den Politikern lässt sich gut an fünf Fingern abzählen, obschon mir gerade niemand einfällt. Von mir aus könnte die große Parteivorsitzende auch Akne oder der Herr Minister eine entsetzliche Nasenbehaarung haben, würde er doch in seinem Reden und noch vielmehr in seinem Tun mit politischer Aussage- und Handlungskraft brillieren. Und vor allem: Dass er auch Demokratie meint, wenn er davon faselt.

Doch alles, was da an Masten und Pfosten schief oder grade baumelt, ist zumeist der dummschwätzende Bodensatz der Parteiendemokratie. Ich hatte die Ehre, mit dem ein oder anderen Minister unterschiedlichen Geschlechts    und Parteizugehörigkeit Kaffee zu trinken oder gar Mittag zu essen, aber ich weiß nicht, wie ich es umschreiben soll: es fühlte sich irgendwie leer an. Es ist wohl ein ähnliches Gefühl wie beim Beischlaf mit einer Prostituierten: Zum Schluss bleibt der schale Beigeschmack, sie meinte nicht mich, sondern mein Portemonnaie.

In Sichtweite prangt ein Riesenwahlplakat von einer dieser austauschbaren Parteien mit dem Slogan: Wir wollen Wohlstand. Ich kann mir nicht helfen, aber mir dünkt sie – die Elite – meint damit ausschließlich ihren eigenen. 

Ich freue mich auf die Zeit, wo die Politpappen wieder verschwunden sind und ich nicht schon morgens mit bedeutungsloser Wortakrobatik konfrontiert werde. Dann wird es nach einiger Zeit wieder ganz still und alles ist wie sonst: Die Politik dreht sich um sich selbst. Und manchmal klatscht neben mir etwas feucht auf: Kleine Tröpfchen Demokratie.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Demokratie bedeutet heute in Wirklichkeit eine Wahloligarchie ökonomischer und politischer Eliten, bei der zentrale Bereiche der Gesellschaft, insbesondere die Wirtschaft, grundsätzlich jeder demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht entzogen sind; damit liegen zugleich weite Teile der gesellschaftlichen Organisation unseres eigenen Lebens außerhalbe der demokratischen Sphäre. Und Freiheit bedeutet heute vor allem die Freiheit der ökonomisch Mächtigen.

~Rainer Mausfeld ~

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s