Ausgabe 6-19

Ein Augenblick von Würde, Mut und Klugheit

Jürgen Buxbaum (Telgte)

Der große, breitschultrige Mann mittleren Alters in seinem billig-bunten Freizeitanzug bewegt sich mit breiten Schritten über den offenen Istanbuler Markt. Er muss sich seinen Weg durch das Gedränge nicht bahnen, die Leute weichen ihm aus.

An seinem Weg ein zweirädriger, hoher Karren voller kleiner grüner Früchte. Dahinter ein schmalbrüstiger, unrasierter Straßenhändler in einem verwaschenen dunklen T-Shirt, die Hose ist nicht zu sehen. Er scheint um die 60 zu sein, wirkt schüchtern, fast etwas verloren wie er dasteht in der Menge ohne seine Früchte anzupreisen.

Der Breitschultrige greift im Vorbeigehen, ohne den Älteren anzusehen, in den Karren und will weiter, die rechte Hand voller Früchte.

Dann diese kleine, überraschende Geste, fast zu übersehen. Der Obsthändler packt das Handgelenk des Vorübergehenden mit schnellem, hartem Griff, zwingt ihn, die Früchte fallen zu lassen. Einen Augenblick später legt er ihm zwei seiner Früchte in die Hand und lässt ihn los.

Der schaut ihn, als er so völlig unerwartet aufgehalten wird, überrascht an, zornig, verärgert. Jetzt blickt er auf die beiden Früchte in seiner Hand, zögert einen Moment und geht dann wortlos weiter.

Coffee to Go – Jetzt auch zum Mitnehmen

Jürgen Buxbaum (Telgte)

Mit wem wollen wir sprechen und als was stellen wir uns dar?

Gewisse Leute hoffen, Ingenium und Niveau auszustrahlen, wenn sie austauschbare Wörter lateinischer oder griechischer Provenienz absondern. Besonders ältere Akademiker sedieren immer noch gern Diskurse, indem sie den normativen Referenzrahmen ihres Narrativs betonen. Bei jüngeren Geistesverwandten prevails dagegen die Sitte, dass ihr Wording mindestens ein, wenn möglich mehrere Wörter in amerikanischem Englisch enthalten sollte. Da wird getriggered, gefeatured, performed, gefeadbacked, gesmashed, geswitched, gecanceled und gecrashed, dass es eine Lust ist. Es erhöht natürlich die Coolness bedeutend, wenn auch der/die andere Deutsche während des Talks gelegentlich ein bewunderndes Wau, pardon Wow, ausrufen kann. (Auch die Werbung weiß, dass es die Verkaufszahlen erhöht, wenn die Message bereichert wird durch englische Wörter, für die es im Zweifel sogar genau die gleichen auf Deutsch gibt.)

Ist es, nüchtern betrachtet, nicht völlig verrückt, dass Menschen mit der gleichen Muttersprache sich untereinander ernsthaft in einer anderen unterhalten? Wozu also das alles? Einfach

Gewohnheit? In den eigenen Kreisen einen besseren Eindruck machen, dazu gehören wollen? Die Leere der eigenen Gedanken hinter Fremdwörtern verbergen? Unbewusste Verehrung amerikanischer Kultur? All diese Aspekte spielen eine Rolle, entschuldigen aber nichts. Bei genauerer Beobachtung steckt mehr dahinter.

Man darf wohl davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland kein oder kein gutes Englisch spricht, von Latein und Griechisch ganz zu schweigen. Wer so redet, grenzt sich also in der Tat von vielen Menschen ab – und das ist auch beabsichtigt, bewusst oder unbewusst. Man erscheint eben wichtiger, klüger – mit anderen Worten: höher stehend – als die, die nicht alles verstehen. Wichtigtuerei ist fast immer mit Händen zu greifen.

Für Menschen und Organisationen, die andere mit politischen Botschaften erreichen wollen, ist es sehr nützlich, sich klar zu machen, wen sie mit ihrer Redeweise erreichen und wen sie ausschließen. Besonders dann, wenn sie vorgeben, die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertreten zu wollen und gerade die der Abgehängten und Benachteiligten. Schlimmer als die Tatsache, dass die Leute einen nicht verstehen, ist der Eindruck, dass sie von oben herab angesprochen werden. Wer es nötig hat sich aufzublasen und sprachlich als gespreizter Pfau daherkommt, schafft Distanz. Vertrauen jedoch braucht Nähe, und Distanz war immer schon eine Voraussetzung für Herrschaft.

Wir müssen uns unsere Sprache zurückerobern, eine Sprache der Freiheit, nicht die Herrschaftssprache der Bürokraten, eine Sprache, die konkret ist und kreativ, die ohne Worthülsen auskommt, ohne Abkürzungen für Spezialisten und ohne beschönigende und verlogene Begriffe wie „Arbeitnehmerfreisetzung“, „Entsorgungspark“ und „Populismus“. Es geht nicht um miefige Deutschtümelei. Fremde Sprachen zu sprechen ist wunderbar, denn sie erlauben uns, in andere Kulturen einzutauchen. Mit den eigenen Leuten jedoch eine Sprache zu sprechen, die ihre Würde respektiert und die sie verstehen, ist etwas anderes als Deutschtümelei. Die Art wie wir sprechen verändert und offenbart unser Denken und von beidem hängt unser Handeln ab. Nicht-Denken schließlich macht es auch nicht besser.

Kontakt? j_buxbaum@hotmail.com

Das Träumen lernen

Arnold Illhardt (Telgte)

Als kleiner Junge hatte ich einen Traum: Ich wollte mit einem Mercedes 600 nach Afrika reisen und dort als Missionar tätig sein. Gleichzeitig konnte ich mir aber auch vorstellen, wie Daktari im Busch zu leben. Später änderten sich die Visionen: Ich wollte Rockstar oder Schriftsteller werden und in einer alten Mühle wohnen. Zudem hatte ich die Idee, einen Freistaat wie in Christiania (Dänemark) zu gründen und dort in einer Gesellschaft ohne Autorität, Macht, Gewalt und Konsum zu leben. Die Träume gehen mir eigentlich nie aus und ich habe mit den Jahren gelernt, dass es nicht zwingend erforderlich ist, sie auch umzusetzen. Das Träumen an sich rettet einen oftmals aus der häufig dumpfen Realität. Dazu fällt mir eine Lebensweisheit ein, dass wer nicht mehr träumt, aufgehört hat zu leben. Ich würde sogar sagen: Wer nicht mehr träumt, wird auf Dauer krank! Meinen größten Traum konnte ich mir glücklicherweise direkt verwirklichen und ihn seit vielen Jahre tagtäglich leben: Eine ganz besondere Form von Liebe.

Manchmal stelle ich Jugendlichen die Frage: Hast du einen Lebenstraum? Meistens werden Träume mit materiellen Wünschen verwechselt und die jungen Leute erzählen mir von einem Laptop mit gigantischer Kapazität oder aber, wie neulich ein älteres  Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte, als einen Dodge zu fahren. Und sonst? Beruf. Familie. Ein Haus. Keine Verrücktheiten, keine Spinnereien oder Visionen einer friedlichen Gesellschaft.

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy (Autorin des Buches “Der Gott der kleinen Dinge”) wurde vor Jahren über Kapitalismus, Verführung und Glück der Askese interviewt. Dabei sagte sie den Satz: „Wir wissen nicht mehr, was unsere Träume sind und was wir unter Glück verstehen.“ Manchmal denke ich, wir sollen es auch gar nicht wissen, da uns die Träume vorgegeben werden. Es ist eine der wichtigen Aufgaben der Zukunft, den Jungen nicht nur lesen und schreiben beizubringen, sondern auch, wie wichtig Träume sind und was gelebtes Leben bedeutet. Ich plädiere für mindestens zwei Doppelstunden pro Woche.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?

~Herbert Renz-Polster~

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