Ausgabe 5-19

WAHRHEIT

Texte von Arnold Illhardt (Telgte)

Wahrheit 1

Über Jahre hatte ich nach der Wahrheit gesucht und fand sie unter einem Stapel von Lügen. Ich befreite sie von all dem Staub, sowie der angesetzten Patina, bis sie in ihrer alten Form glänzte. Als ich sie stolz herumzeigen wollte, reagierten die Menschen ungehalten. Sie hatten es sich in ihren Täuschungen bequem gemacht.

Wahrheit 2

Am Anfang fiel es Herrn M. noch schwer. Es war für ihn ein verstörendes Unterfangen, so als würde man über seinen eigenen Schatten springen müssen. M. war sehr christlich erzogen worden und christlich war eine Art allumfassende Zuschreibung für Alles und Jedes. M´s Vater nannte es auch christlich, wenn er seine Kinder aus nichtigen Gründen körperlich züchtigte. In dieser Weise hatte man M. auch unmissverständlich eingetrichtert, nicht lügen zu dürfen. Vielleicht kamen M. allerdings schon damals erste Zweifel, ob etwas, was man sagte oder gar behauptete, immer der Wahrheit entsprechen musste. Und außerdem, was war schon Wahrheit? Gab es eine absolute Wahrheit oder wurde nicht alles so ausgerichtet, dass es mit der inneren Überzeugung und damit dem vereinfachten und möglichst unangestrengten Denken übereinstimmte?

Der erwachsene M. war jemand, der durchaus einen Blick für die Dinge hatte, die um ihn herum passierten. Daher war ihm natürlich nicht entgangen, dass die Wahrheit keine Instanz mehr war, an die man sich zu halten hatte. Zwar wurde dieses Wort arg strapaziert, tauchte in Sonntagsreden und auf Wahlplakaten auf, aber es schien nicht mit einer Verpflichtung verbunden zu sein, sich auch daran zu halten. Eine Partei, die zum Mut zur Wahrheit aufrief, brillierte vor allem darin, mit Unwahrheiten zu glänzen. Der bisher gültige Satz, man müsse zu seinem Wort stehen, war längst in der Allgemeinheit verblichen wie ein altes Foto. Obiger Satz wurde allseits bemüht, aber es war eben auch nur eine Bemühung; eine fruchtlose Anstrengung. Was aber Joachim M. vor allem auffiel – wie gesagt, er war ein guter Beobachter – dass Menschen, die öffentlich und allseits bekannt als Lügner entlarvt wurden, umso mehr Zulauf bekamen. War das paradox oder ein Zeichen der Zeit, die M. schon lange nicht mehr verstand?

Als Herr M. das erste Mal selbst die Unwahrheit sagte, was er eher als eine Art Experiment ansah, schmerzte ihn dieses Verhalten zunächst. Stimmte es doch mit seinen Werten, die er glaubte, verinnerlicht zu haben, in keinster Weise überein. Es fühlte sich an, als sei es nicht er, der dort Unwahrheiten von sich gab. Zunächst waren es eher Kleinigkeiten. Kleine Schummeleien oder Täuschungen. Niemand fand etwas dabei oder bemerkte es. Das animierte Joachim M. immer mehr, von solchen Täuschungen Gebrauch zu machen. Erst zögerlich, dann wurde es mehr und mehr zur Methode.  Er versuchte auszublenden, dass es eigentlich gelogen war, aber auf der anderen Seite war ihm bewusst geworden, dass niemand mehr die Wahrheit hören wollte. Wahrheiten waren unbequem, schmerzten zum Teil und forderten unter Umständen Veränderungen in der Lebensweise. Doch viele sagten sich, dass sie ein Recht auf Bequemlichkeit hätten, da das Leben, in das sie sich selbst manövriert hatten, hart genug sei.

Irgendwann war M. zu einem notorischen Lügner geworden und das Lügen gelang ihm auf immer überzeugende Weise und längst erschreckte ihn sein Verhalten nicht mehr. Manchmal berief er sich auf die Werte des christlichen Abendlandes, ohne zu wissen, was dies wirklich bedeutete. Aber die Menschen um ihn herum glaubten, dass M. auf der sicheren Seite der Wahrheit sei, da ja christlich gleichbedeutend mit richtig sei. Dort wo er früher zweifelte, log er; dort, wo er früher alle Seiten betrachtete, wählte er einfach die passendste und dort, wo er früher nach geforscht hatte, nutzte er nun das Naheliegende. Herr M. hatte sich in eine Welt voller falscher Konstrukte manövriert, doch er stellte fest, sich sehr wohl darin zu fühlen. Er wurde ein erfolgreicher und anerkannter Politiker und auf seinem Wahlplakat prangte ebenfalls das Wort Wahrheit. Und alle glaubten es, da sie sich unsicher waren und das Selbstdenken verlernt hatten!

Wahrheit 3

“Die Wahrheit ist ein Meer von Grashalmen, das sich im Winde wiegt; sie will als Bewegung gefühlt, als Atem eingezogen sein.” Welch´ wundervoller Versuch des von mir sehr geschätzten Schriftstellers Elias Canetti, Wahrheit zu umschreiben. Ich legte das Buch zur Seite und sinnierte darüber, wie häufig meine Gefühle von diesen Grashalmen berührt oder gar angerührt worden waren, bevor Erkenntnis und Erkenntnisobjekt ineinander verschwammen. Es war vor allem das innere Ebenmaß dieser Vorgänge in meinem Kopf und meinem Herzen, das mich vermuten ließ, auf dem Weg zur Wahrheit zu sein. Das Ergebnis meiner Überlegungen fühlte sich harmonisch und stimmig an. Allerdings wollte ich nicht so vermessen sein, meine Wahrheit als absolut zu verkaufen. Mir war durchaus bewusst, dass es viele Wahrheiten gab, die nebeneinander vor sich hin vegetierten oder gar im Wettstreit lagen. Umso mehr machte es mich traurig und wütend zugleich, wenn Zeitgenossen – mächtige, wie sich unterwerfende – darauf beharrten, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Spürten etwa auch sie dieses Gefühl der inneren Harmonie ihrer Erkenntnisse? Hatten sie jemals gespürt, wie die Grashalme an ihrem Verstand kitzelten? Da sah ich, dass ich Canettis Ausführungen nicht zu Ende gelesen hatte. “Ein Fels ist die Wahrheit nur für den, der sie nicht fühlt und atmet; der soll sich den Kopf an ihr blutig schlagen.“ Ich war beruhigt, schien sich somit das Problem selbst zu erledigen.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

In Bezug auf alle Grundfragen im Leben des einzelnen und der Gesellschaft, in Bezug auf alle psychologischen, wirtschaftlichen, politischen und moralischen Probleme hat ein großer Sektor unserer Kultur nur die eine Funktion – das, worum es geht, zu vernebeln.

(Erich Fromm)

FUNDSTÜCK

Nein, früher war der Geschichtsunterricht auch nicht toll, eine platte, ereignisbasierte Chronik der Sieger und Mächtigen. Bürgerliche Verehrung der großen Männer und Taten. Nationale Märchen, Lob des Grauens. Man hatte schon Glück, wenn einen ein linker Lehrer auf Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ hinwies. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass jedes Herrschaftssystem sein selbstlegitimierendes Narrativ überliefert.

Aus: Guillaume Paoli: Die lange Nacht der Metamorphose

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