Ausgabe 3-19

Arbeit frisst Leben

Margareta Muer (Köln)

Als eingefleischter Gegnerin des organisierten Verbrechens mit dem Namen Kapitalismus, der offenbar fest entschlossen ist, unsere schöne Erde im Namen des ewigen Wachstums und Profits gänzlich zu verspeisen, ist mir jedes Mittel Recht, diesem Schaden zuzufügen. Das geht. Und das geht sogar gut! 

Etwas, das für jeden echten Anti-Kapitalisten und jede echte Anti-Kapitalistin recht leicht zu tätigen ist, ist der leise und feine Arbeits-Widerstand. Diese überaus friedfertige Form des passiven (!) Widerstands erscheint mir nicht nur als höchst lobenswert, sondern auch als überaus  angenehm für jeden Widerständigen. Tu ein jeder nur noch das unbedingt Nötige, gehe ein jeder überaus pünktlich und vermeide sie und/oder er unbedingt Überstunden! Anstatt in unsinnigen Jobs menschlich zu verelenden, sich dort  aktiv an der eigenen Verwurstung zu beteiligen und den Diebstahl an der eigenen Lebens-Zeit, der Menschenwürde, der Kreativität für unausweichlich, für „alternativlos“ zu halten, sollten wir uns unsere Lebenskraft sparen für das Gute im Leben oder besser – für das gute  Leben. Zeigen wir also dem Arbeitsfetischismus, diesem virulenten Nährboden des Kapitalismus, und seinen Söhnen Geld, Fleiß, Ehrgeiz, Herrschaft, Gehorsam und Karrierismus endlich, was wir in Wahrheit von ihnen halten: NICHTS! Wenig-Tun oder gar Nichts-Tun, Müßiggang oder gar Faulheit, Gelassenheit oder gar Gleichgültigkeit sind wahre Wunderwaffen gegen den Kapitalismus, diesem gierigen Raubtier, das jedem einzelnen von uns Geist, Zeit, Kraft, Kreativität, Gesundheit und das Herz stiehlt und das uns zu willfährigen Konsum-Junkies machen will. 

Hören wir doch einfach auf damit – jeden Tag ein wenig mehr. Hören wir endlich auf, dieses gierige Ungeheuer Kapitalismus jeden Tag ein wenig fetter zu machen! Befreien wir uns aus dem Käfig, mag er auch noch so golden sein! Machen wir endlich kaputt, was uns kaputt macht!

Das Leben darf nicht länger das große Versäumnis sein! Lassen wir also die Beine baumeln, schenken wir uns Zeit und widmen wir uns endlich dem guten Leben! Schenken wir uns mehr Muße, mehr Zufriedenheit, mehr Lust! Schenken wir uns mehr Zeit für die Liebe und die Freundschaften, für die Kinder und die Alten! Mehr Zeit für Faulheit, für das Ausschlafen und für das schöpferische Tun! Nehmen wir uns die Zeit für all die wunderbaren Lebens-Genüsse! 

Worte

Arnold Illhardt (Telgte)

Schreiberherz,

Da quälst du dich und findest uns nicht

Du stammelst und ringst nach Fasson

Uneigene Mittel sind es

Die deine Worte ans Licht befördern

Angestrengt suchst du nach Wendungen

Die abgegriffen in entlegenen Winkeln lagern

Mühst dich um Kreativität

Doch schon verwackelt der Text

Wird wirr, verliert seine Form

Du suchst in der Ferne

Obschon wir doch nah sind

Schweife nicht umher

Sei spontan

Dann findest du uns

Worte

Millionär der Momente

Arnold Illhardt (Telgte)

Sollte ich nicht urplötzlich durch unerwartete Lottogewinne an das große Geld kommen, was von daher schon nicht passieren wird, weil ich nie Lotto spiele, so ist die Wahrscheinlichkeit, in diesem Leben noch zum Krösus zu werden, relativ bescheiden. Ich habe mir einen Beruf ausgesucht, der sich mit Menschen befasst, da ist an monetären Reichtum nicht zu denken. Die Betreuung  von Menschen ist absolut nicht sonderlich lukrativ, ganz anders wie – sagen wir – das Verramschen von Immobilien oder die Herstellung unsinniger Software. Und trotzdem bin ich mehrfacher Millionär: Millionär der Momente! Das Schöne daran ist, man braucht weder ein Bankkonto, noch einen einbruchssicheren Safe, sondern nur ein gut funktionierendes Gedächtnis, sowie einen klaren Blick für die schönen Dinge im Leben. Momentmillionäre benötigen keine schmucklosen Kontoauszüge, mit denen sich der unermessliche Reichtum kontrollieren ließe. Vielmehr ist es ein untrügliches Gefühl, ein gelebtes Leben zu führen, was von den großen Künsten auf Erden zu den schwierigsten gehört.

Zu der Gewissheit, ein mehrfacher Momentmillionär zu sein, kam ich neulich, als ich einen besonderen Ort in der Landschaft passierte, der mit einem wunderschönen Liebesmoment verbunden ist und obschon wettermäßig eine trübe Januarsuppe vor sich hin nebelte, roch ich plötzlich den Duft von Sommer und sonnenbeschienem Wald. Manchmal fahre ich extra einen Umweg, um diesen Moment wieder lebendig werden zu lassen. Echte Momentmillionäre können das! Natürlich gibt es große und kleine Momente, aber ganz anders als im schnöden und obendrein betrügerischen Banksystem sind diese trotzdem von ähnlicher Wertigkeit, jedenfalls im Nachhinein. Da ist der Abend in der beseelten und turbulenten Szenekneipe mit den abgewetzten Tischen in Prag ähnlich erinnerungskostbar wie der Urlaub in dem kleinen Bergdorf auf Korsika. Nun müssen Momente nicht unbedingt mit Reisen verbunden sein, auch wenn jede Reise das Momentkonto gehörig aufbessert. Vor allem ist es nicht notwendig, sich mit umweltbelastenden Fliegern in die Malediven exportieren zu lassen. Wer schon mal auf einem alten Kahn in den Amsterdamer Grachten geschippert ist und sei es nur auf der Stelle, erahnt, welche Gefühlsexplosionen sich da im innermenschlichen Gespürzentrum abspielen. Wie gerne erinnere ich mich an die sich  bis in die Morgenstunden ausdehnenden Kaminabende; wilde Tänze bei lauter Musik mitten in der Nacht, nur weil man diese alte CD wieder ausgegraben hat; ein Spaziergang im Nachbarort, der plötzlich einladender wirkt als bisher geglaubt; eine groteske Fotosession, bei der das Wohnzimmer in ein bizarres Fotostudio umgebaut wurde; ein neuer Wein, am Ufer unseres Flusses verkostet; eine Liebesnacht auf einem sagenumwitterten Berg oder sinnlich-knisternde Erlebnisse im Kastanienwald, an dem ich tagtäglich vorbeifahre. Da wäre das Buch, das ich verschlungen habe, obschon ich dieses Genre normal nie lese; ein Bummel über einen Flohmarkt, auf dem wir einen ansonsten völlig unbrauchbaren, dafür aber ungewöhnlich ausschauenden Gegenstand erwerben; eine Autofahrt durchs Gewitter, während wir dabei Steve Wilson lauschen; ein lasziv wirkender Fummel, den ich für meine Frau auf dem Second-Hand-Markt entdeckt habe und der seitdem besonderen Augenblicken vorbehalten ist; das allmorgendliche Nachkuscheln, bevor wir uns nach einer wie immer viel zu kurzen Nacht aus dem Bett quälen; das philosophische Gespräch beim Café-Besuch; der Blick durch ein beleuchtetes Fenster in einen kunterbunt gestalteten Raum; das Kennenlernen eines Menschen, der sich ebenfalls vom Mainstream verabschiedet hat und neue Wege sucht, vielleicht sogar Millionärskollege ist; meine Enkelin, die mir zärtlich am Bart zuppelt und mich mit ihrem unverschämt süßen Augen anlächelt; der Anblick des Katers, der abends auf dem Schoß schnurrt; das Entdecken einer schon etwas verblassten Widmung in einem Buch aus dem Antiquariat (Für meine bestrickende Tänzerin. Dein Eduard); das auf einem Boot zelebrierte Abendessen und unsere Flucht bei einer Fahrradtour vor westfälischen Killerstechfliegen; der Besuch einer alten Kirche, die nicht durch Prunk, sondern durch eine Atmosphäre der Kontemplation besticht; unsere existentialistischen Bummel über uralte Friedhöfe und die Freude daran, wie das Efeu die alten Grabsteine umgarnt; das (meistens) allfreitagliche Einläuten des Wochenendes in einem Cafe unserer Stadt; die von meiner Frau zuerst durchgeschauten und mit einem „dringend lesen“ vermerkten Zeitungsseiten oder die Worte aus unserer ganz eigenen Liebessprache, die immer noch aus der Zeit des Frischverliebtseins stammen. Wie gesagt, ich bin Millionär, vielfacher Millionär und es wird mir bei Lebzeiten nicht gelingen, alle Momente aufzuzählen, geschweige denn, in Worte zu fassen. Und soll ich was verraten? Sie würden ohne diese Liebe vielleicht nicht existieren und es wären keine Momente, sondern Zeitabschnitte. Marc Aurel sagt, man benötigt nur wenig, um ein glückliches Leben zu führen. Von dem wenigen habe ich unglaublich viel. Dank Dir!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Künstliche Intelligenz wächst proportional zur künstlichen Dummheit.

(Harald Welzer)

FUNDSTÜCK

Nein, früher war der Geschichtsunterricht auch nicht toll, eine platte, ereignisbasierte Chronik der Sieger und Mächtigen. Bürgerliche Verehrung der großen Männer und Taten. Nationale Märchen, Lob des Grauens. Man hatte schon Glück, wenn einen ein linker Lehrer auf Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ hinwies. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass jedes Herrschaftssystem sein selbstlegitimierendes Narrativ überliefert.

Aus: Guillaume Paoli: Die lange Nacht der Metamorphose

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