Ausgabe 1 – 19

Der Unterschied

Arnold Illhardt (Telgte)

Was anfangs als Gerücht die Runde machte, wurde mit den Tagen zur Gewissheit: Der Chef jener Firma in Telgte, die noch vor kurzer Zeit als aufstrebendes Gewerbe in der Lokalpresse gefeiert wurde, war verschwunden. Sozusagen über Nacht. Niemand wusste, wohin er abgetaucht war. Vielleicht sei er verschuldet gewesen und vor dem Fiskus geflohen, mutmaßten die einen. Andere munkelten etwas von Überdruss und sogar die Variante eines tödlichen Unfalls kursierte an den Werkbänken der Arbeiter und in den Büros der Verwaltungsangestellten. Sämtliche Nachforschungen, auch die polizeilichen und des eingesetzten Staatsschutzes, blieben ergebnislos.

In der Firma selbst ließ man sich von dem Fehlen des Chefs nicht beirren, alles ging irgendwie seinen normalen Gang. Die Angestellten arbeiteten stoisch weiter, wenn auch mit einem unwohlen Gefühl im Bauch. Da es keinen Vertreter gab, auch keinen verwandtschaftlichen Ersatz, der diese Position hätte besetzen können, waren die Mitarbeiter auf sich gestellt. Wozu einen Chef, murten die einen, die den Boss ob seiner autoritären Art eh nie sonderlich ausstehen konnten. Ohne Chef geht’s nicht, befürchteten die anderen und einige schwiegen in der Hoffnung, irgendwas würde schon passieren, um die Sache zu klären und ihre Stellen zu retten. Der Betriebsrat rief eine Vollversammlung ein und man entschloss sich alle zwei Wochen gemeinsam zu beratschlagen, wie man weiter vorgehen wolle. Die Stimme eines jeden zählte dabei gleichberechtigt. Der Betrieb florierte, auch das Fernsehen berichtete über die Firma ohne Chef. Ein Teil der Einkünfte wurden ab sofort auf alle gleichmäßig verteilt und mit dem Rest die Maschinen gewartet und neue Anschaffungen getätigt. Man könnte sogar einen neuen Großkunden anwerben und die längst fällige Montagehalle ausbauen. Hin und wieder versuchte der ein oder andere, sich in eine Chefposition zu drängen, doch es dauerte nie lange, bis man ihn in seine Schranken verwies.

Irgendwann brachte ein großes Boulevardblatt in breiten  Lettern die Überschrift “Anarchie in Telgte”. Einige Lokalpolitiker mit engen Verbindungen zur Wirtschaft sprachen sich schon seit einiger Zeit missbilligend und abwertend über die Firma aus, brachten gar falsche Informationen in den Umlauf. Die Stimmung kippte alsbald und eines Morgens war das Werktor geschlossen, sogar Polizisten waren vor Ort. Schluss mit Sodom und Gomorrha, hieß es am nächsten Tag in der Ortspresse. An jenem Morgen stand auch ich vor dem verschlossenen Tor. Ich schnippte meine ausgerauchte Zigarette weg und sagte laut, dass es jeder hören konnte: Diese Schweine, es wäre doch alles möglich gewesen. Berger neben mir, ein sonst eher schweigsamer Mensch, schaute mich an und sagte in die Stille hinein: Ja, es wäre alles möglich gewesen. Aber das ist Politik: es geht nicht darum, was möglich ist, sondern was von denen, die die Macht haben, als möglich erwünscht ist. Das ist der Unterschied.

Die Norm

Arnold Illhardt (Telgte)

Auf dem Speiseplan

Steht wie immer laffe Normativität

Lieblos dekoriert

Einfallslos garniert

Längst ist sie dir zuwider

Das geschmacklos gewürzte Gericht

Längst fehlt es ihm an Frische

Längst hat es deine Gesundheit ruiniert

Doch du verschlingst es

Mit Kritik, versteht sich.

Doch so änderst du nichts

Spuck es aus!

Bitte um Respekt und Feingefühl

Die Telgter Kapelle  – (kein) Ort der Stille!

Marion Illhardt (Telgte)

Es ist für mich eine schöne Regelmäßigkeit geworden, in der Woche ein- oder zweimal unsere Kapelle hier in Telgte aufzusuchen. Nicht nur um zu beten, sondern auch um die Atmosphäre, die Ruhe und die Stille zu genießen, eine Meditation im heiligen Raum. Die Gnadenkapelle ist ein besonderer Ort und es wird ihr Wundertätiges zugeschrieben. An vielen Tagen saß ich hier mit Kummer im Herzen und großen Sorgen. Oft hatte ich das Gefühl, dass vieles doch wieder gut oder besser geworden ist, weil ich hier an diesem Ort meinen Kummer weitergegeben habe. Viele mögen sagen, na ja, das ist Einbildung, es lag bestimmt nicht am Gebet! Man möge mir meinen Glauben daran lassen.

Ich war schon in vielen Kirchen und Kapellen, in Domen und Kathedralen. Im Süden, in der Mitte und im Norden. An vielen Portalen sah ich ein Schild:

Dies ist ein Ort der Stille und des Gebetes.
Bitte respektieren Sie, dass Menschen hier
im Gebet versunken sind. Bitte achten Sie
auf Ihre Kleidung. Schalten Sie Ihr Handy aus!

Früher dachte ich, muss man ein Schild aufstellen? Ist das nicht selbstverständlich?
Seit ich hier wohne und die Kapelle aufsuche, weiß ich, dem ist nicht so! Leider! Ich habe hier schon vieles erlebt: völlig verschwitzte Menschen mit Bike-Schuhen, die beim Gehen auf dem Boden klackern, klingelnde Handys, die in den Tiefen der Rucksäcke nicht gefunden wurden, laut quatschende Frauen und spielende Kinder, die meinen, sie könnten die Bänke verrücken!

Wenn die jährliche Krippenausstellung zu Ende geht, kommt eine entspannte Zeit. An manchen Tagen habe ich die Kapelle sogar für kurze Zeit ganz für mich allein. Eine himmlische Ruhe umgibt mich dann.

Aber jetzt ist wieder die Zeit, in der Busladungen mit neugierigen fotoknipsenden Menschen unser Telgte bevölkern und zur Dreifaltigkeit streben. Sie stehen sodann vor den Schaukästen mit den Dankesgaben und schätzen und beurteilen die ins Auge gefassten Objekte, während verzweifelte, inbrünstig betende Menschen um Hilfe flehen. Ganz oft verspüre ich manchmal den Drang aufzustehen und den Besuchern zu sagen, sie möchten doch bitte ruhig sein oder die Kapelle verlassen. Aber an diesem Ort?! Kann ich da wirklich so egoistisch sein? Es ist ein Platz der Toleranz und des Verständnisses. Und deshalb sage ich nichts!

ABER:

BITTE LIEBE BESUCHER, RESPEKTIEREN SIE DIESEN ORT UND ZEIGEN SIE FEINGEFÜHL!

FUNDSTÜCK

Die Nacht ist aber auch ein Schatten, der uns befreit – von den Regeln des Tages, den Blicken der anderen, den Gesetzen der Realität. Die Nacht kennt keine Verpflichtungen; alles scheint möglich, ob wir schlafen oder wach sind. Im Universum der Träume können wir fliegen oder unter Wasser atmen, wir können die Toten wiedersehen und uns in Menschen verlieben, die nie gelebt haben.

Sven Stillich und Claudia Wüstenhagen ZEIT Wissen Nr. 2/2015

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Rechtspopulisten sind politische Schmarotzer, die sich an den Sorgen und den schlechter werdenden Lebensbedingungen der Menschen laben. Sie geben den Schwächsten die Schuld an den Missständen der Gesellschaft, anstatt Wege aufzuzeigen, wie man echte Kontrolle über unser Leben von den Eliten, die nur an sich selbst denken, zurückverlangt.

(nach Jeremy Corbin

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