Ausgabe 2-19

Wenn das Hirn beige wird

Von Arnold Illhardt (Telgte)

Als kleiner Junge hatte ich in mein Abendgebet den Passus „lieber Gott, lass mich lange leben“ eingebaut. Offenbar war damals schon meine Lebenslust sehr ausgeprägt. An dieses Stoßgebet musste ich zurückdenken, als ich nun in einer dieser Illustrierten mit hohem „Treppenlifter-Reklame-Anteil“ die 33 besten Tipps für ein langes Leben entdeckte. Nicht rauchen, viel bewegen, gesund ernähren, Alkohol meiden und Spaß haben sind schon mal 5 von diesen Grundregeln für den Methusalemfaktor. Man wäre selbst kaum drauf gekommen!

Spaß haben? Im Alter? Während meiner früheren Tätigkeit als Krankenpfleger machte ich die ersten umfassenden Erfahrungen mit den menschlichen Grauköpfen. Von den vielen hundert Versuchspersonen meiner unfreiwilligen Altersforschung fielen nur ein paar Handvoll aus dem Rahmen einer riesigen Kohorte  verbiesterter und verholzter Zeitgenossen. Das macht man nicht, das tut man nicht, das gehört sich nicht und das gibt’s doch nicht sind bis heute bei vielen die mantraartig runtergebeteten und selbst auferlegten Verhaltensregeln. Man hat das Gefühl, die alten Herr- und Damenschaften sind in einem undurchdringbaren Kokon des So-und-nicht-anders-Sein gefangen. Und weil sie sich ständig einem Verfall der Werte und einem Wegbrechen von Traditionen hilflos ausgesetzt sehen, weil früher alles besser war und überhaupt die zunehmende Verlangsamung der inneren und äußeren Beweglichkeit Verhaltens- und Denkveränderungen erheblich erschweren, ziehen sich die Mundwinkel immer weiter nach unten, wird die Kleidung auf ein geschlechtsneutrales Beige runtergetrimmt und die innewohnende Grimmigkeit verbal bis zum Abwinken ausgelebt. Man mokiert sich über schlecht geputzte Fenster der jungen Familie gegenüber, regt sich über Parksünder auf als seien es Schwerstverbrecher und denunziert Nachbarn beim Ordnungsamt. Überhaupt ist das Ordnungsamt eine Art jüngstes Gericht vieler Beige-Bürger, denn über all den Falten und Runzeln schwebt die in Stein gemeißelte Obermaxime: Ordnung muss sein! Wie sagte Dieter Hildebrandt, angesichts einer solchen entklugten Schunkelbürgergruppe: „Und die dürfen auch noch wählen!“ 

Nun bin ich in meinen Überlegungen und wüsten Aussagen zwei Denkfehlern aufgesessen. Erstens dachte ich, die beschriebene Engstirnigkeit verbunden mit Traditionsfetischismus und Ordnungsvernarrtheit sei ein Phänomen der Kriegs- und frühen Nachkriegsgeneration und das Übel hätte spätestens dann ein Ende, wenn die Woodstock-Veteranen nebst Alt-68ern die Rente einreichen würden. Denkste Puppe, selbst viele von denjenigen, die damals lauthals mit oder ohne „Mao Tse-tung“ nach Revolution gerufen haben, dümpeln heute im Brackwasser konservativer Spießbürgerlichkeit und latschen als Teil einer gigantischen beigen Wanderdüne durch Stadt und Land. Und der zweite Fehler: Die verknorrzte Lebenshaltung und starre Denkweise ist kein alleiniges Ü60-Problem und funktioniert auch ohne graue Haare. Viele Jungspunte haben sich schon jetzt in eine Art mentalen Altersvorruhestand mit fortschreitender Denkinsuffizienz  begeben. Nur kurz, so mit 17, begehrten sie auf, mimten den ungehorsamen Rebell, um dann sukzessive mit ergrautem Hirn in einen prämortalen Dämmerzustand zu verfallen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, die Hirnergrauung setzt immer früher ein. Erschreckend, oder?

Neulich erwischte ich mich dabei, über einen Falschparker zu mäkeln, der auf meinem Gehweg stand. Ist das ein erstes Menetekel an der Friedhofsmauer?

Einmalig

Arnold Illhardt (Telgte)

Ach Mensch

Ich vergaß, wie farbenfroh und fantastisch die Natur sein kann

Es war schon so selbstverständlich geworden

So dass es sich meinem Bewusstsein entzog

Ich übersah den romantischen Schein des Mondes

Schien er doch fast jede Nacht

Ich beachtete nicht mein Gesicht im Spiegel

War es doch so alltäglich geworden

Doch dann lernte ich, mit deinen Augen zu sehen

Alles gewann an Bedeutung

Und wurde

Einmalig.

Die grüne Verlockung

Brigitta Brand (Nümbrecht)

Der heutige Freitag war nicht ganz frei von, sagen wir mal: Unebenheiten.

Eine Bekannte aus der Nachbarschaft war verstorben und ich war von der Familie heute zum Trauergottesdienst und anschließendem Kaffee (inklusive herrlicher Brötchen und heißer Kartoffelsuppe, die bei allen in der frösteligen Atmosphäre in diesen Tagen sehr willkommen war) eingeladen worden.                                     

Sorgfältig teilte ich mir zeitlich den Morgen vor dem Kirchgang ein. Vom üblichen Tun will ich keine Geschichten erzählen, aber was genau dabei herauskam – durch ein winziges entgegengesetztes übliches Handeln an diesem Tag, das mir – nennen wir es mal zur Verhängpeinlichung wurde – muss oder will ich nun doch zum Besten geben.……würde ich es jetzt schon erwähnen, was ich anders machte ( oder besser vergaß) als sonst, würde man blitzschnell den Kern der Geschichte durchblicken und die Lacher kämen einfach viel zu früh!!

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Stiefeletten – das musste an Trauerfarbe genug sein. Dazu ein sanft schwingendes Tunika-Oberteil in quietschgrün dazwischen herauslugend . Die Künstlerin konnte es sich nicht verkneifen, nicht bescheiden und schlicht in schwarz zur Trauerfeier zu gehen. Denn, wer diese Frau gekannt hat, die uns da schon mal vorausgegangen war, der hat verstanden, dass sich gar niemand oder und vor allem keinesfalls irgendjemand ins schwarze Loch der unendlichen Trauer  begeben  sollte –dazu war die Lebensfreude der Dame noch mächtig klingend im Ohr zurückgeblieben. Für mich ein Beispiel an gelebtem Glauben an das Weiterleben.

In Telgte ist die Kirche groß, sehr groß und ich mag es nicht, wenn die Leute sich ins hintere Eckchen verziehen – egal ob aus grober Bescheidenheit oder versteckter Neugierde, wer denn alles im Kirchenschiff Passagier sein würde heute.

Ich setze mich grundsätzlich, wenn ich schon mal da bin, gerne in die 5. Reihe. So in etwa. Auch war ich recht früh da, so dass ich sowieso kaum oder nicht mitbekam, wer und vor allem wie viele Leute hinter mir Platz genommen hatten. Ist ja auch schnurz.

Ich befand mich, währenddessen wir auf den Beginn der Messe warteten, in dem Gefühl des leichten Traurigseins.

Im Geist wie eine Feder leicht sein wollend. Unter „leicht“ verstehe ich, dass ich einfach den Tod nicht als Ende allen Seins erachte, sondern dass das Theater auf dieser Erde einfach vorerst nur als Episode wieder mal ein Ende hat. Aber traurig war ich doch, dass die lustige Nachbarin nun einfach nicht mehr da ist.

Das versteht sich wohl.                                                                                             

Den Blick auf den schlichten Sarg vor dem Altar gerichtet, mich an ihre kleine, quirlige Gestalt und an ihre laute Lache erinnernd, tippte mich plötzlich die hinter mir kniende Dame auf die Schulter. „ Sie haben noch ihre Lockenwickler im Haar!“

Ich sage euch: die sind hellgrün! 

Passten gut zum Beerdigungsoutfit einer Künstlerin, woll?

Hätte sagen sollen: „ Ja, ich bin Künstlerin, das SOLL SO!“

Aber nein, mit weit aufgerissenen Augen und der rechten Hand ins Haar grapschend, eine irre Peinlichkeitshitze in mir aufsteigend, erblickte ich – oder suchte ich den Blick derjenigen , die sich wohl schon einige Zeit vielleicht köstlich amüsiert hatten. Vielleicht, um eine Antwort zu erhalten, wie: „ Ja, ist schon gut – ist menschlich. Aber peeeeeeeiiiiinlich, ne??????!!!!!

Ich musste schnell die Hand vor den Mund halten – ist wohl eine instinktive Handlung, die ich an mir beobachtete und dann musste ich ziemlich lautleise lachgrinsen.

Nach 51 Jahren habe ich jedoch gelernt zu sagen: Ist eben so passiert!

Wahrscheinlich hat sich der umhertreibende Geist Renates ebenso köstlich amüsiert wie…alle anderen. 

Wer es nicht getan hat, isses selber schuld!

Aber peinlich ist es doch………

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Man glaubt in diesem Land nicht einmal mehr, was man sieht. Man glaubt, was man will.

(Esther Vilar)

Ausgabe 1 – 19

Der Unterschied

Arnold Illhardt (Telgte)

Was anfangs als Gerücht die Runde machte, wurde mit den Tagen zur Gewissheit: Der Chef jener Firma in Telgte, die noch vor kurzer Zeit als aufstrebendes Gewerbe in der Lokalpresse gefeiert wurde, war verschwunden. Sozusagen über Nacht. Niemand wusste, wohin er abgetaucht war. Vielleicht sei er verschuldet gewesen und vor dem Fiskus geflohen, mutmaßten die einen. Andere munkelten etwas von Überdruss und sogar die Variante eines tödlichen Unfalls kursierte an den Werkbänken der Arbeiter und in den Büros der Verwaltungsangestellten. Sämtliche Nachforschungen, auch die polizeilichen und des eingesetzten Staatsschutzes, blieben ergebnislos.

In der Firma selbst ließ man sich von dem Fehlen des Chefs nicht beirren, alles ging irgendwie seinen normalen Gang. Die Angestellten arbeiteten stoisch weiter, wenn auch mit einem unwohlen Gefühl im Bauch. Da es keinen Vertreter gab, auch keinen verwandtschaftlichen Ersatz, der diese Position hätte besetzen können, waren die Mitarbeiter auf sich gestellt. Wozu einen Chef, murten die einen, die den Boss ob seiner autoritären Art eh nie sonderlich ausstehen konnten. Ohne Chef geht’s nicht, befürchteten die anderen und einige schwiegen in der Hoffnung, irgendwas würde schon passieren, um die Sache zu klären und ihre Stellen zu retten. Der Betriebsrat rief eine Vollversammlung ein und man entschloss sich alle zwei Wochen gemeinsam zu beratschlagen, wie man weiter vorgehen wolle. Die Stimme eines jeden zählte dabei gleichberechtigt. Der Betrieb florierte, auch das Fernsehen berichtete über die Firma ohne Chef. Ein Teil der Einkünfte wurden ab sofort auf alle gleichmäßig verteilt und mit dem Rest die Maschinen gewartet und neue Anschaffungen getätigt. Man könnte sogar einen neuen Großkunden anwerben und die längst fällige Montagehalle ausbauen. Hin und wieder versuchte der ein oder andere, sich in eine Chefposition zu drängen, doch es dauerte nie lange, bis man ihn in seine Schranken verwies.

Irgendwann brachte ein großes Boulevardblatt in breiten  Lettern die Überschrift “Anarchie in Telgte”. Einige Lokalpolitiker mit engen Verbindungen zur Wirtschaft sprachen sich schon seit einiger Zeit missbilligend und abwertend über die Firma aus, brachten gar falsche Informationen in den Umlauf. Die Stimmung kippte alsbald und eines Morgens war das Werktor geschlossen, sogar Polizisten waren vor Ort. Schluss mit Sodom und Gomorrha, hieß es am nächsten Tag in der Ortspresse. An jenem Morgen stand auch ich vor dem verschlossenen Tor. Ich schnippte meine ausgerauchte Zigarette weg und sagte laut, dass es jeder hören konnte: Diese Schweine, es wäre doch alles möglich gewesen. Berger neben mir, ein sonst eher schweigsamer Mensch, schaute mich an und sagte in die Stille hinein: Ja, es wäre alles möglich gewesen. Aber das ist Politik: es geht nicht darum, was möglich ist, sondern was von denen, die die Macht haben, als möglich erwünscht ist. Das ist der Unterschied.

Die Norm

Arnold Illhardt (Telgte)

Auf dem Speiseplan

Steht wie immer laffe Normativität

Lieblos dekoriert

Einfallslos garniert

Längst ist sie dir zuwider

Das geschmacklos gewürzte Gericht

Längst fehlt es ihm an Frische

Längst hat es deine Gesundheit ruiniert

Doch du verschlingst es

Mit Kritik, versteht sich.

Doch so änderst du nichts

Spuck es aus!

Bitte um Respekt und Feingefühl

Die Telgter Kapelle  – (kein) Ort der Stille!

Marion Illhardt (Telgte)

Es ist für mich eine schöne Regelmäßigkeit geworden, in der Woche ein- oder zweimal unsere Kapelle hier in Telgte aufzusuchen. Nicht nur um zu beten, sondern auch um die Atmosphäre, die Ruhe und die Stille zu genießen, eine Meditation im heiligen Raum. Die Gnadenkapelle ist ein besonderer Ort und es wird ihr Wundertätiges zugeschrieben. An vielen Tagen saß ich hier mit Kummer im Herzen und großen Sorgen. Oft hatte ich das Gefühl, dass vieles doch wieder gut oder besser geworden ist, weil ich hier an diesem Ort meinen Kummer weitergegeben habe. Viele mögen sagen, na ja, das ist Einbildung, es lag bestimmt nicht am Gebet! Man möge mir meinen Glauben daran lassen.

Ich war schon in vielen Kirchen und Kapellen, in Domen und Kathedralen. Im Süden, in der Mitte und im Norden. An vielen Portalen sah ich ein Schild:

Dies ist ein Ort der Stille und des Gebetes.
Bitte respektieren Sie, dass Menschen hier
im Gebet versunken sind. Bitte achten Sie
auf Ihre Kleidung. Schalten Sie Ihr Handy aus!

Früher dachte ich, muss man ein Schild aufstellen? Ist das nicht selbstverständlich?
Seit ich hier wohne und die Kapelle aufsuche, weiß ich, dem ist nicht so! Leider! Ich habe hier schon vieles erlebt: völlig verschwitzte Menschen mit Bike-Schuhen, die beim Gehen auf dem Boden klackern, klingelnde Handys, die in den Tiefen der Rucksäcke nicht gefunden wurden, laut quatschende Frauen und spielende Kinder, die meinen, sie könnten die Bänke verrücken!

Wenn die jährliche Krippenausstellung zu Ende geht, kommt eine entspannte Zeit. An manchen Tagen habe ich die Kapelle sogar für kurze Zeit ganz für mich allein. Eine himmlische Ruhe umgibt mich dann.

Aber jetzt ist wieder die Zeit, in der Busladungen mit neugierigen fotoknipsenden Menschen unser Telgte bevölkern und zur Dreifaltigkeit streben. Sie stehen sodann vor den Schaukästen mit den Dankesgaben und schätzen und beurteilen die ins Auge gefassten Objekte, während verzweifelte, inbrünstig betende Menschen um Hilfe flehen. Ganz oft verspüre ich manchmal den Drang aufzustehen und den Besuchern zu sagen, sie möchten doch bitte ruhig sein oder die Kapelle verlassen. Aber an diesem Ort?! Kann ich da wirklich so egoistisch sein? Es ist ein Platz der Toleranz und des Verständnisses. Und deshalb sage ich nichts!

ABER:

BITTE LIEBE BESUCHER, RESPEKTIEREN SIE DIESEN ORT UND ZEIGEN SIE FEINGEFÜHL!

FUNDSTÜCK

Die Nacht ist aber auch ein Schatten, der uns befreit – von den Regeln des Tages, den Blicken der anderen, den Gesetzen der Realität. Die Nacht kennt keine Verpflichtungen; alles scheint möglich, ob wir schlafen oder wach sind. Im Universum der Träume können wir fliegen oder unter Wasser atmen, wir können die Toten wiedersehen und uns in Menschen verlieben, die nie gelebt haben.

Sven Stillich und Claudia Wüstenhagen ZEIT Wissen Nr. 2/2015

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Rechtspopulisten sind politische Schmarotzer, die sich an den Sorgen und den schlechter werdenden Lebensbedingungen der Menschen laben. Sie geben den Schwächsten die Schuld an den Missständen der Gesellschaft, anstatt Wege aufzuzeigen, wie man echte Kontrolle über unser Leben von den Eliten, die nur an sich selbst denken, zurückverlangt.

(nach Jeremy Corbin