Ausgabe 1-18

Menschen im Zoo

(Arnold Illhardt – Telgte)

Neulich las ich in der Presse, dass man darüber nachdenkt, die Haltung von Delfinen in deutschen Zoos zu verbieten. Zu reizarm sei die Umgebung und natürlich gäbe es viel zu wenig Auslauf, was vermutlich bei Meerestieren „Ausschwimm“ heißt. Obschon ich ja ein strikter Gegner von Einengung, Begrenzung, Gefangenschaft und anderen verordneten Vergitterungen des Lebens bin, scheint es, was die Haltung von Tieren in Zoos anbetrifft, bei mir so eine Art blinden Fleck zu geben. Auch ich stehe angewidert, aber gleichzeitig gebannt vor der zum Glück daumendicken Scheibe, hinter der die Tigerpyton vollgefressen schlummert, auch ich amüsiere mich über die Affen und ihre zum Teil frappierende Ähnlichkeit mit einigen mir bekannten Zeitgenossen und auch ich finde die Erdmännchen und ihre grenzenlose Neugierde possierlich und belustigend. Delfine im Pool habe ich bisher nicht gesehen, dafür aber auf der ein oder anderen Schiffstour im Mittelmeer, wenn plötzlich der größte Teil der für Naturreize empfänglichen Menschen (den meisten reicht es, so etwas schon im Fernsehen erlebt zu haben) an die Reling strömt, um die Tiere majestätisch ihre Bahnen ziehen zu sehen.

Was löst das bei uns Menschen aus? Freiheitsdrang? Eine Besinnung auf das Natürliche? Die Mystik des Unerklärlichen, des Geheimnisvollen? Oder ist es nur eine Art medienbedingte Verflipperung? Es mag aber auch sein, dass sich der gemeine Homo Sapiens plötzlich bewusst wird, was für ein erbärmliches Licht er oder sie unter den Lebewesen ist.

Nun bin ich in mich gegangen, habe über die Problematik „Delfine im Zoo“ nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Man sollte sie tatsächlich in die Freiheit entlassen. Und zwar aus folgendem Grund. Delfine, glaubt man den Ausführungen in der Fachliteratur, sind soziale Wesen, die im Großen und Ganzen recht genügsam sind und ihre Beutetiere lediglich zum Verzehr fangen. Damit grenzen sie sich ja schon meilenweit von der menschlichen Spezies ab, die sich allein in diesem Punkt entwicklungstechnisch weit unterhalb des gemeinen Delfins befindet. Es gibt z.B. Jugendliche, die per youtube das leibhaftige Zerquetschen eines Hundewelpen posten; Islam-Oberlumpen, die Journalisten die Kehle aufschneiden; AfD-Dumpfbacken aus der Nachbarstadt, die es gut finden, wenn Leute wieder nach einem Führer rufen oder Hooligans, die just for fun Menschen verhauen, nur weil sie entweder zur falschen Zeit am falschen Platz waren oder Fan einer anderen Fußballmann-schaft sind. Die sogenannte Krönung der Schöpfung entwickelt Kriegswaffen, mit denen man ganze Landstriche nebst Bewohnern auslöschen kann, vergewaltigt oder verstümmelt die eigenen Artgenossen, spekuliert mit Nahrungsmitteln, während diejenigen, die eh schon nichts zu essen haben, elendig verhungern, handeln mit korrupten Mitteln, nur um sich monetär zu bereichern oder erniedrigen in Herrenmenschmanier vermeintlich niedrig stehende Angehörige gewisser Volksgruppen. Auf solche Ideen würde ein Delfin vermutlich nie in seinem ganzen Säugetierleben kommen!

Wenn also das Delfinarium keine Flipperartgenossen mehr beherbergt, könnte man dort doch z.B. Nazis, Hooligans, gewaltbereite Salafisten, Kriegstreiber, menschenverachtende Kapitalisten oder korrupte Politiker zur Schau stellen, damit unsere Kinder schon früh lernen, wo es hinführt, wenn man kriminelle Persönlichkeitsstörungen nicht behandelt oder zu lange die Schule schwänzt. Dabei ging es allerdings nicht um Erhaltungszuchtprogramme, sondern um die Bildung einer gesunden Persönlichkeit anhand negativer Beispiele und die Erforschung verkorkster Kreaturen.

Und jetzt komme mir bitte keiner und sage, das sei unmenschlich!

Zahn der Zeit

(Brigitta Brand – Nümbrecht)

Am späten Nachmittag macht sich Algonda nach dem Büchereibesuch ziemlich übelgelaunt auf den Weg zu ihrem Zahnarzt. Etwas Gutes beim Zahnarzt ist allerdings die Aussicht vom Wartezimmer auf den Marktplatz. „Da merkt keiner, dass ich ihn beobachten kann“, ermuntert sie sich, trottet das Treppenhaus hinauf, grinst im Vorbeigehen den heiter wirkenden Menschen auf den Bildern zu und meldet sich in der Praxis an.

„Na, hast du auch deine Wartelektüre mitgebracht?“ Man kennt Algonda schon und sie hat den Eindruck, ein wenig zu genau, denn dann fangen die Menschen leicht an, sich lustig zu machen.„Ja, natürlich, ich brauche das eben, da kann ich mich vom Folter-…ääh, Zahnarztstuhl ablenken…“, meint sie grinsend und verschwindet flugs im Wartezimmer. Aber anstatt den Blick auf den Marktplatz unter sich zu werfen, wird sie von einer merkwürdigen Neuerung in der eher unscheinba-ren Ecke hinter der Eingangstür abgelenkt.

„Zähne aller Art“ steht auf einer gläsernen Vitrine zu lesen, die vom Boden an bis nahezu an die Decke reicht. Algonda ist verblüfft über die schier endlos wirkende Ansammlung von Zähnen, die ordentlich nebeneinander hingelegt, jeden durch einen Zettel mit Erklärung versehen, auf den interessierten Betrachter zu warten scheinen.

„Zahn eines 89jährigen Greises – ohne Karies. Eigentum der Praxis “, liest sie.

„Ausgefallener Zahn eines Elefantenbabys, zwei Monate alt. Zoo, Münster.“

„Zahn einer siebenjährigen Schülerin. Gefunden im Seidenbeutel einer Zahnfee aus dem Münsterland“. Sie lacht leise.

„Zahn eines Marders, gefunden in der Nähe eines Autokabels, 1974“.

„Ausnehmend schlechter Backenzahn eines Pferdes. Eines von vielen Exemplaren eines Sammlers aus Warendorf.“

„Zahn des Bischofs von Münster. Um 1789. Leihgabe des „Religio“, Telgte.“

„Zahn der Zeit’. Fundort unbekannt.“

„Zahn eines Mammuts. Gefunden bei Ausgrabungen im Grevener Reckenfeld, um 1934.“

„(Wahrscheinlich) Zahnreste eines alten Vampirs.“„Zahn eines jungen Vampirs.“

Die Liste der Zahnfunde kommt Algonda zunehmend fantastisch vor. Sie steht unschlüssig vor der Vitrine, und weiß nicht, ob sie sich wünschen soll, bald dran zu kommen, um sich dem Zahnuntersuchungsschicksal zu unterwerfen und zu riskieren, dass auch bald ihr Stück mit der Auf-schrift „außergewöhnlich störrischer Milchzahn einer Elfjährigen“ für die Öffentlichkeit zu sehen sein würde. Oder ob sie sich noch länger dem Vergnügen hingeben sollte, den merkwürdigen Fundstücken Aufmerksamkeit zu schenken. Ein wenig fühlt sie sich unsicher, ob der Chef der Zahn-arztpraxis seine Patienten narrt, oder ob die ganze Sache echt ist.

Zahn der Zeit’ was mag das sein? Sie beschließt, den Zahnarzt persönlich zu fragen, wenn sie drankommt, zieht ihr Buch aus dem Rucksack und liest an der Stelle weiter, wo sie gestern Abend aufgehört hatte.

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