Ausgabe 2-18

Das Kreuz mit Weihnachten

Arnold Illhardt (Telgte)

Es ist ein echtes Kreuz mit Weihnachten, obschon das Kreuz ja im Grunde erst Karfreitag in Erscheinung tritt: Es war, ist und bleibt ein durch und durch emotionales Fest. Man kann es drehen und wenden wie man will, auf den Kopf stellen und schütteln, ignorieren oder eine noch so große Bannmeile auf Dominosteine, Tannengrün und „Last Christmas“ legen, die rührige und zutiefst gefühlsgeladene Grundstimmung sitzt tief und lässt sich mit keinem Fleckenteufel dieser Welt herausreiben.

Die Grundpfeiler meines Weihnachtskonstrukts liegen in weiter Vergangenheit: Mit Vater Moos im Wald holen, mit Mutter Plätzchen backen, die Heintje-Spezialweihnachtsschallplatte auf Endlosschleife (also immer wieder umdrehen) hören … meine Kindheit strotzt nur so vor himmelhochjauchzender und engelfrohlockender Weihnachtstradition.

Dann trat die Jugendrebellion ins festlich geschmückte Zimmer: Dieser ganze kapitalistische Kommerz konnte mich mal kreuzweise. Ich wollte dieses plastinierte Getue nicht unterstützen und verbat mir großartige Geschenke, was nicht bedeuten sollte, gänzlich darauf zu verzichten. Meine Eltern begannen mir ab sofort Aussteuer zu schenken, wohl ein Wink mit dem Tannenbaum: man bereitete liebevoll mein räumliches Outsourcing vor. Selbstredend verzichtete ich in meiner ersten Behausung auf einen Tannenbaum, dieses Prunkstück bürgerlicher Spießigkeit. Immerhin reichte meine Verbundenheit mit jenem Fest noch für einen Edeltannenzweig in der von Mutter gesponserten Glasvase. Dass daran auch eine Glaskugel von überbordender Kitschigkeit hing, muss nun nicht jeder wissen.

Als es in meiner ersten Profession als Krankenpfleger um die Besetzung des Nachtdienstes in der Hochheiligen Nacht ging, hatte ich als erster den Finger oben. Sollten sich doch die anderen ihre Mägen an der überfetteten Weihnachtsgans verderben, um dann später gemästet vor dem Fernseher bei geschmacklosem Ami-Ramsch zu verelenden, ich wollte wie das männliche Pendant zu Jeanne D´Arc die Fahne für wahre Mitmenschlichkeit hissen und die Nacht bei den Schwerstkranken und Siechenden verbringen. Und da stand ich dann im fünften Stock eines Münsteraner Krankenhauses, schaute mit einem Glas Orangensaft über die reichgeschmückte Vorstadt und bildete mir ein, jeden verdammten Tannenbaum in den nach Rinderbraten und Marzipan riechenden Wohnzimmern sehen zu können. Ich hatte einen Kloß im Hals.

Mit der Verfestigung der damaligen Beziehung begann die weihnachtliche Unstetigkeit ihren Lauf zu nehmen: Das Fest der Liebe und Besinnlichkeit wurde zu einem Weihnachtsmarathon: Heute hier, morgen da. Hirschrücken hier, Kartoffelsalat mit Würstchen dort. Besinnlichkeit sieht anders aus und der Sinn blieb mir auch stets verborgen. Irgendwann schaffte ich den Ausstieg und fand mich eines Heiligen Abends bei der sogenannten Scheinheiligen Nacht in einer Münsteraner Großraumdisko wieder, wo der längst verstorbene Herman Brood und seine Wild Romance das weihnachtsmüde Publikum verzückte. Herman gab wirklich alles und bei Saturday Night kam tatsächlich Stimmung auf, aber irgendwie erinnerte mich das Ganze ein wenig an eine Veranstaltung der Selbsthilfegruppe „Ich-bastel-mir-eine-Depression“, jedenfalls wenn man in das ein oder andere Gesicht schaute. Der allgemeine Quotient der Niedergeschlagenheit erhielt mit der damals noch zigarettengeschwängerten Luft durchaus gesundheitsgefährdende Werte.

Nach diesem kläglich gescheiterten Versuch entschied ich mich ein Jahr für eine alleinige Heilige Nacht. Mit einer guten Flasche Whisky, sowie Rotwein und einer Dose Thunfisch nebst Baguette zauberte ich mir die Engelchen gleich scharenweise in die gute Stube, die dann zur vorgerückten Stunde zu Metallica, Sepultura oder Rage Against The Machine in möbelerschütternder Lautstärke um den immerhin armlangen und mit kleinen Kugeln bunt drapierten Tannenzweig tanzten. Kein Wunder, war ich doch frisch verliebt, nur lebte die Liebe zu diesem Zeitpunkt gute 200Km entfernt. Die besagte Liebe, eine Weihnachtsfee ohnegleichen, schaffte es auf mir noch heute unerklärliche Weise, einen gewissen Glanz in meine Augen zurückzuzaubern und sogar zweimal täglich „driving home from christmas“ ertragen zu können. Gestern habe ich, wenn auch noch etwas zögerlich, ein Weihnachtslied mitgesungen, während ich mit der Fee den Weihnachtsbaum geschmückt habe. Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.

Einkaufen gehn in Telgte

Brigitta Brand (Nümbrecht)

Geben Se mir bitte

Ein halbes Pfund Sommer                                                                                   

Aber nicht zu trocken

Mit etwas emsigen Wasser                                                                                             

Wohl , aber Sonnenschien über Marias Kapelle.

Für mich und für die Kinder                                                                                      

Ein bissken Nieselregen, meinetwegen,                                                                    

Und ein Pinneken voll Elan                                                                                               

Für die Pumpe am Markt

Für meine Frau ein paar Läden                                                                               

und für`s Schwätzken  `nen wunderlichen Nachrichtenmann

Ach, und für den späten Abend,                                                                                      

 Wenn Maria wohl ein Auge zudrückt,                                                                 

Hab` ich mir eben gedacht,                                                                                       

Zwei drei Münsterländer Korn verdrücken zu wollen…

Und bevor ich`s vergess:                                                                                       

Mit `nem Stücksken Andacht,

Bitte!

Vergebliche Suche

Arnold Illhardt (Telgte)

Was hab´ ich gesucht

Gewühlt und gegraben

Die Tücher gewendet

Den Staub weggewischt

Was hab ich gelesen

Recherchiert und geblättert

Von hinten nach vorne

und gegen den Strich

Was hab ich gedacht

überlegt und gegrübelt

Mein Hirn durchforstet

Die Leute gefragt

Doch was ich fand

War Leere

und kein bisschen

Menschenverstand

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Bei den sozialen Medien wie Facebook und Google „… geht es nicht nur darum, Werbung aufgrund von persönlichen Datenmaterial maßzuschneidern, sondern Menschen auszuspionieren, auszuwerten, politisch zu manipulieren und ihnen letzlich auch die Seele und ihre Autonomie zu rauben und durch einen Algorithmus zu ersetzen.“ (Jargon Lanier in der TAZ)

Ausgabe 1-18

Menschen im Zoo

(Arnold Illhardt – Telgte)

Neulich las ich in der Presse, dass man darüber nachdenkt, die Haltung von Delfinen in deutschen Zoos zu verbieten. Zu reizarm sei die Umgebung und natürlich gäbe es viel zu wenig Auslauf, was vermutlich bei Meerestieren „Ausschwimm“ heißt. Obschon ich ja ein strikter Gegner von Einengung, Begrenzung, Gefangenschaft und anderen verordneten Vergitterungen des Lebens bin, scheint es, was die Haltung von Tieren in Zoos anbetrifft, bei mir so eine Art blinden Fleck zu geben. Auch ich stehe angewidert, aber gleichzeitig gebannt vor der zum Glück daumendicken Scheibe, hinter der die Tigerpyton vollgefressen schlummert, auch ich amüsiere mich über die Affen und ihre zum Teil frappierende Ähnlichkeit mit einigen mir bekannten Zeitgenossen und auch ich finde die Erdmännchen und ihre grenzenlose Neugierde possierlich und belustigend. Delfine im Pool habe ich bisher nicht gesehen, dafür aber auf der ein oder anderen Schiffstour im Mittelmeer, wenn plötzlich der größte Teil der für Naturreize empfänglichen Menschen (den meisten reicht es, so etwas schon im Fernsehen erlebt zu haben) an die Reling strömt, um die Tiere majestätisch ihre Bahnen ziehen zu sehen.

Was löst das bei uns Menschen aus? Freiheitsdrang? Eine Besinnung auf das Natürliche? Die Mystik des Unerklärlichen, des Geheimnisvollen? Oder ist es nur eine Art medienbedingte Verflipperung? Es mag aber auch sein, dass sich der gemeine Homo Sapiens plötzlich bewusst wird, was für ein erbärmliches Licht er oder sie unter den Lebewesen ist.

Nun bin ich in mich gegangen, habe über die Problematik „Delfine im Zoo“ nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Man sollte sie tatsächlich in die Freiheit entlassen. Und zwar aus folgendem Grund. Delfine, glaubt man den Ausführungen in der Fachliteratur, sind soziale Wesen, die im Großen und Ganzen recht genügsam sind und ihre Beutetiere lediglich zum Verzehr fangen. Damit grenzen sie sich ja schon meilenweit von der menschlichen Spezies ab, die sich allein in diesem Punkt entwicklungstechnisch weit unterhalb des gemeinen Delfins befindet. Es gibt z.B. Jugendliche, die per youtube das leibhaftige Zerquetschen eines Hundewelpen posten; Islam-Oberlumpen, die Journalisten die Kehle aufschneiden; AfD-Dumpfbacken aus der Nachbarstadt, die es gut finden, wenn Leute wieder nach einem Führer rufen oder Hooligans, die just for fun Menschen verhauen, nur weil sie entweder zur falschen Zeit am falschen Platz waren oder Fan einer anderen Fußballmann-schaft sind. Die sogenannte Krönung der Schöpfung entwickelt Kriegswaffen, mit denen man ganze Landstriche nebst Bewohnern auslöschen kann, vergewaltigt oder verstümmelt die eigenen Artgenossen, spekuliert mit Nahrungsmitteln, während diejenigen, die eh schon nichts zu essen haben, elendig verhungern, handeln mit korrupten Mitteln, nur um sich monetär zu bereichern oder erniedrigen in Herrenmenschmanier vermeintlich niedrig stehende Angehörige gewisser Volksgruppen. Auf solche Ideen würde ein Delfin vermutlich nie in seinem ganzen Säugetierleben kommen!

Wenn also das Delfinarium keine Flipperartgenossen mehr beherbergt, könnte man dort doch z.B. Nazis, Hooligans, gewaltbereite Salafisten, Kriegstreiber, menschenverachtende Kapitalisten oder korrupte Politiker zur Schau stellen, damit unsere Kinder schon früh lernen, wo es hinführt, wenn man kriminelle Persönlichkeitsstörungen nicht behandelt oder zu lange die Schule schwänzt. Dabei ging es allerdings nicht um Erhaltungszuchtprogramme, sondern um die Bildung einer gesunden Persönlichkeit anhand negativer Beispiele und die Erforschung verkorkster Kreaturen.

Und jetzt komme mir bitte keiner und sage, das sei unmenschlich!

Zahn der Zeit

(Brigitta Brand – Nümbrecht)

Am späten Nachmittag macht sich Algonda nach dem Büchereibesuch ziemlich übelgelaunt auf den Weg zu ihrem Zahnarzt. Etwas Gutes beim Zahnarzt ist allerdings die Aussicht vom Wartezimmer auf den Marktplatz. „Da merkt keiner, dass ich ihn beobachten kann“, ermuntert sie sich, trottet das Treppenhaus hinauf, grinst im Vorbeigehen den heiter wirkenden Menschen auf den Bildern zu und meldet sich in der Praxis an.

„Na, hast du auch deine Wartelektüre mitgebracht?“ Man kennt Algonda schon und sie hat den Eindruck, ein wenig zu genau, denn dann fangen die Menschen leicht an, sich lustig zu machen.„Ja, natürlich, ich brauche das eben, da kann ich mich vom Folter-…ääh, Zahnarztstuhl ablenken…“, meint sie grinsend und verschwindet flugs im Wartezimmer. Aber anstatt den Blick auf den Marktplatz unter sich zu werfen, wird sie von einer merkwürdigen Neuerung in der eher unscheinba-ren Ecke hinter der Eingangstür abgelenkt.

„Zähne aller Art“ steht auf einer gläsernen Vitrine zu lesen, die vom Boden an bis nahezu an die Decke reicht. Algonda ist verblüfft über die schier endlos wirkende Ansammlung von Zähnen, die ordentlich nebeneinander hingelegt, jeden durch einen Zettel mit Erklärung versehen, auf den interessierten Betrachter zu warten scheinen.

„Zahn eines 89jährigen Greises – ohne Karies. Eigentum der Praxis “, liest sie.

„Ausgefallener Zahn eines Elefantenbabys, zwei Monate alt. Zoo, Münster.“

„Zahn einer siebenjährigen Schülerin. Gefunden im Seidenbeutel einer Zahnfee aus dem Münsterland“. Sie lacht leise.

„Zahn eines Marders, gefunden in der Nähe eines Autokabels, 1974“.

„Ausnehmend schlechter Backenzahn eines Pferdes. Eines von vielen Exemplaren eines Sammlers aus Warendorf.“

„Zahn des Bischofs von Münster. Um 1789. Leihgabe des „Religio“, Telgte.“

„Zahn der Zeit’. Fundort unbekannt.“

„Zahn eines Mammuts. Gefunden bei Ausgrabungen im Grevener Reckenfeld, um 1934.“

„(Wahrscheinlich) Zahnreste eines alten Vampirs.“„Zahn eines jungen Vampirs.“

Die Liste der Zahnfunde kommt Algonda zunehmend fantastisch vor. Sie steht unschlüssig vor der Vitrine, und weiß nicht, ob sie sich wünschen soll, bald dran zu kommen, um sich dem Zahnuntersuchungsschicksal zu unterwerfen und zu riskieren, dass auch bald ihr Stück mit der Auf-schrift „außergewöhnlich störrischer Milchzahn einer Elfjährigen“ für die Öffentlichkeit zu sehen sein würde. Oder ob sie sich noch länger dem Vergnügen hingeben sollte, den merkwürdigen Fundstücken Aufmerksamkeit zu schenken. Ein wenig fühlt sie sich unsicher, ob der Chef der Zahn-arztpraxis seine Patienten narrt, oder ob die ganze Sache echt ist.

Zahn der Zeit’ was mag das sein? Sie beschließt, den Zahnarzt persönlich zu fragen, wenn sie drankommt, zieht ihr Buch aus dem Rucksack und liest an der Stelle weiter, wo sie gestern Abend aufgehört hatte.

Lesen beim Verweilen

Kulturkasten Telgte mit Schreyben & Sehen

Seit ca. 2014 existiert an der Herrenstraße 18 in Telgte der „KULTURKASTEN“, ein ausgedienter Schaukasten, wie er sonst vor Kneipen mit der Getränkekarte hängt. Früher veröffentlichten wir dort Hinweise zu kulturellen oder künstlerischen Veranstaltungen. 2018 wurde der Schaukasten umbenannt in SCHREYBEN & SEHEN. Wir möchten Leute, die gerne schreiben, einladen, an diesem Ort Kurzgeschichten, Gedichte oder verschriftlichte Gedanken dem innehaltenden Leser zu präsentieren. Aufgrund des mangelnden Platzes sollten es eher kurze Texte aus dem Leben, über die Welt, unser Inneres oder über Telgte sein. Die Texte können später auch hier nachgelesen werden. Geschriebenes kann gerne per Email arnion@gmx.de an uns geschickt oder in klassischer Papierform in den Postkasten der Herrenstraße 18 geworfen werden. Wir dachten uns, es ist eine feine Sache, mal außerhalb von facebook & Co.

Schreiben, um zu sehen! … und abends mit Beleuchtung.

Weitere Texte von Arnold Illhardt auf www.querzeit.org