Ausgabe 10-20

Erinnert sich noch jemand an die Schlecker-Geschäfte in fast jeder deutschen Stadt? Für 3 Wochen hing ein Original-Telefonhörer, den ich aus einem alten Schleckerladen gerettet habe, nebst einer Geschichte dazu in „Schreyben & Sehen“. Warum ein Telefonhörer von Schlecker eine besondere Bedeutung hatte und hat, liest man in dem beigefügten Text. Schlecker – pervertierte soziale Marktwirtschaft. Heute haben die Läden andere Namen.

Ausgabe 7 -20

Ein Staat

von Arnold Illhardt

Ein Staat

Ist dafür da

das Menschliche jederzeit im Vordergrund zu sehen

die Interessen des Geringsten zu vertreten

Für das jederzeit einzustehen, was er in Gesetzgebungen vorgibt

Gleichberechtigung, Vielfalt und Freiheit zu ermöglichen

Und allgegenwärtig transparent zu sein

Ein Staat

Sollte selbstlos sein

Keine eigenen Interessen haben

Sich nicht von den Reichen und Mächtigen gängeln lassen

Ein Staat ist ein schlechter Staat

Wenn er den Menschen aus dem Blick verloren hat

Wenn ihm Geld wichtiger ist als das Leben seiner Menschen

Wenn er mauschelt, täuscht und lügt

Wenn er bereit ist, Freiheit für Macht zu opfern

Wenn seine Schergen prügeln und morden

Dann ist es nicht mehr MEIN Staat

Sondern ein Monstrum

Dessen man sich entledigen sollte

Ein Staat, dass bist DU und ICH

Es wird Zeit für einen neuen

Und wir nennen ihn: Gesellschaft

Das Gedicht „der Staat“ hing zwei Wochen in Handschrift verfasst im Schaukasten vor unserem Haus. Dazu ein Foto, auf dem ein brutaler Polizeieinsatz in Deutschland gezeigt wurde. Das Foto war mit Blumengirlanden geschmückt.

Ausgabe 6 – 20

Neulich beim Höhlenvolk

Vermutlich wäre mir die Höhle gar nicht aufgefallen, wenn an diesem Tag nicht besonders gleißendes Sonnenlicht das Innere geflutet hätte. Neugierig betrat ich das muffig, schlecht gelüftet riechende Innere, ein Raum von gigantischer Größe, in dem unzählige Menschen vor Bildschirmen hockten, auf kleine Handydisplays starrten, Computerspiele für Frühdebile spielten oder sich mit Geräten unterhielten, die sie mit Alexa ansprachen. Warum mir grade Platon einfiel und nicht –sagen wir – Tabaluga, liegt wohl auf der Hand. Nur anders als bei Platon handelte es sich hier nicht um Gefangene, sondern um freiwillig eingehöhlte Wesen, die jegliche Realität ausgeblendet hatten und stattdessen digitalen Schattenbildern frönten. Mir schlug eine massive Form menschlicher Abgewandtheit und Gleichgültigkeit entgegen; überflüssig zu erwähnen, dass man von mir keinerlei Notiz nahm. „Hey“, rief ich, „was macht ihr da?“ Einige zischelten „Ruhe“, irgendwer brüllte barsch „Halt´s Maul!“, danach wandte man sich wieder seinen Realitätssurrogaten zu. „Geht’s noch“, wurde ich deutlicher, „seht ihr denn gar nicht, dass da draußen grade die Erde von die Wand gefahren wird? Dass die komplette Politik von rechtsradikalen Kräften unterwandert wird? Dass …“ Weiter kam ich nicht, da streckte mich ein Fausthieb nieder. Über mir stand ein blass wirkender Protestwähler: „Wenn du Greta spielen willst, geh nach Schweden!“ und trat mir noch einmal in die Magengegend.

Ich schleppte mich nach draußen und dachte für einen Moment, wie dämlich ich bin. Hatte ich doch vergessen, dass die Wirklichkeit keine Sau interessiert.

Bloß kein Tempolimit!

Ich bin völlig gegen Tempolimit! Bloß nicht! Wo sollen die ganzen chronisch untervögelten und triebgesteuerten Menschen nur hin mit ihrem Hormonstau? Bei jedem, der mich auf aggressive Weise überholt, denke ich immer: Verdammt, musst du ein beschissenes Liebesleben haben! Und dann ist da immer auch etwas Mitleid!

Mein Hund Brutus

Ich besitze einen großen schwarzen Hund. Er schaut nicht sonderlich freundlich aus; eher gefährlich, geradezu aggressiv, weswegen ich schon mal überlegt habe, ihn Brutus zu nennen. Es ist natürlich kein richtiger Vierbeiner, für den man in einem Automaten schwarze Tüten für seine Hinterlassenschaften ziehen kann, um seine Haufen plastiniert in die Rabatten zu werfen (ein Grund mit, warum man ständig nach künstlicher Intelligenz forscht!), sondern Brutus ist ein innerer Hund. Er ist nicht der berühmte Schweinehund, sondern eine besondere Gattung. Er knurrt, fletscht die Zähne und schnappt zu, wenn er auf bescheuerte Menschen trifft. All die Armleuchter, die gleichgültig, oberflächlich, desinteressiert, profilneurotisch, machtbesessen und egoistisch durchs Leben laufen. Und da er auch ab und zu nach mir selbst schnappt, empfinde ich ihn als soziales Korrektiv. Brutus meldet brav, wenn ich selbst bescheuert werde. Die Tendenzen schlummern ja in jedem. Trotzdem ist es nicht leicht, mit ihm zu leben. Einigermaßen pflegeleicht und geradezu schmusig wird er, wenn Death- oder Black Metal läuft oder ich auf einer Anti-„Aheffdä“-Demo bin. Manchmal führe ich Brutus aus in den Wald. Er muss ja auch mal Gassi. Dort ist er wie ausgewechselt; ich übrigens auch. All die Bäume haben so etwas Versöhnliches; die meisten halte ich für intelligenter als die menschliche Spezies. Das Wood Wide Net ist wesentlich sozialer als unser WWW. Hass kennen Bäume nicht und Ausgrenzung auch nicht. Man merkt das auch an den Menschen, denen ich im Wald begegne: Sie lächeln, grüßen und wirken so … ja, urmenschlich, als würde der Wald sie reorganisieren. Jedenfalls für eine Weile. Und Brutus knurrt nicht einmal, wenn wir Waldgängern begegnen. Er schnuppert lieber an den Bäumen und dann beginne ich, den schwarzen Zottel fast schon etwas sympathisch zu finden. Manchmal denke ich, ich sollte aufs Land ziehen, vielleicht sogar in den Wald. Brutus wäre zufrieden und mir ginge es auch besser. Aber vielleicht hänge ich bei Edeka auch einen Zettel ans schwarze Brett; Großer schwarzer Hund – entwurmt und kastriert – in liebevolle Hände zu geben. Interessenten bei mir melden.

AfD – Ein Sommermärchen

Nachdem die AfD den noch rechteren Flügel ihrer Partei gestutzt hatte, um die Verirrten wieder in die Urpartei einzuverleiben, brach die weltweite C-Krise aus. Bisher ist nicht erforscht, ob ein Zusammenhang zwischen beiden Prozessen besteht. Verschwörungsverschwörer sehen schließlich überall Zusammenhänge, sogar zwischen der Klopapierhamsterung und der Zunahme der Storchenpopulation – gemeint sind natürlich die Langschnäbel ohne Adelstitel. Doch als der Frühling explodierte und begann, die Menschen wuschig zu machen und selbst der letzte Vollhorst sich seiner domestizierten Gefühlswallung bewusst wurde, nahm die Krise von Heute auf Übermorgen ein Ende. Die Kanzlerin trat vor das Reichstagsgebäude und verkündete Blumen um sich streuend: „Hiermit erkläre ich die Pandemie für beendet. Gehet hin und freuet euch des Lebens.“ Das taten dann die Menschen auch; man sah reigentanzende Gruppen in deutschen Fußballstadien, die einkaufsdeprivierten Menschen fluteten die Läden und kauften sich die Portemonnaies wund, Männer hörten auf, ihre Frauen zu schlagen und heizten stattdessen wieder mit ihren tiefergelegten Rambomobilen über die verkehrsberuhigten Straßen und sogar im beschaulichen Telgte sah man im Pappelwald endlich wieder die allfreitaglich stattfindende Nacktgymnastikgruppe, was ja doppelt gemoppelt ist, weil ja gym (von gymnos) schon nackt bedeutet.

Nur ein übriggebliebene Schar von Menschen konnte sich in die allgemeine überschießende Lebensfreude nicht einreihen: Die Politnixe der AfD. Sie waren plötzlich so etwas von unwichtig geworden, dass niemand sie mehr richtig wahrnahm, so wie ein von der Müllabfuhr vergessener gelber Sack, der noch Wochen später zerknautscht sein Dasein im nahgelegenen Gebüsch fristet. Außer dass als verbuchter Teilerfolg temporär die Grenzen geschlossen waren, gab es nichts mehr, was man rassistisch, nationalistisch oder sonst-wie-hetzerisch zu Gewinn machen konnte. Überall herrschte Solidarität, Toleranz und Großherzigkeit. Bei den Übertragungen des Bundestages wirkten die Rechtsfaschisten, falls ein Kameramann sie überhaupt noch filmte, wie ein mit Vogelschiss übersäter Haufen Trübnasen. Frau von und zu Storch (die mit dem Adelstitel) schaute zwar immer schon verdrießlich wie eine drei Tage nicht gefütterte Bordeauxdogge, aber nun fiel sie in der Selbsthilfegruppe der Miesepeter nicht mehr sonderlich auf. Und dies war der Moment, der später in die Geschichte als Kniefall von Berlin eingehen sollte. Der olle Gauland kniete nämlich vor der Kanzlerin hernieder und bat um Vergebung für all die Schmach der letzten Jahre, wo mancher AfD-Stramme gar mit am Galgen baumelnder Angie durch Dresden latschte oder man sie im Landtag als „Stasi- und Schnüffelkanzlerin“ beschimpfte. Das seien Entgleisungen, Verwirrungen und Mausausrutscher gewesen, entschuldigte Gauland das fiese Verhalten. Kanzlerin Merkel nahm den Kniefall an und die AfD, zwar eigentlich ein großer Feind jeglicher Inklusion, inkludierte zurück in die CDU, also dorthin, wo der größte Teil früher mal seine Heimat hatte. Zurück in den fruchtbaren Schoß der Mutterpartei. Die Bäume waren wieder grün, Paderborn erlebte ein Revival mit 80% CDU-Anteil, Bushido brachte eine Rap-Version von „Heile, heile Gänschen heraus“ und im Fernsehen wurde „Am laufenden Band“ wiederbelebt. Deutschland, ein Sommermärchen.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Der Kapitalismus hat die Angewohnheit, Geld nach ganz oben zu schmeißen. Insofern muss man es von dort nehmen. © lse Bosch

Ausgabe 5-20

Alle Texte Arnold Illhardt (Telgte)

Corona und Frieden

Gestern sah ich eine Reportage, in dem ein Mann – ich sag jetzt mal nicht, aus welcher Gegend der Welt er kam – ins Mikrofon sprach, dass es jetzt darauf ankäme, zusammenhalten. Es käme nicht auf die Religion, die Hautfarbe oder das Herkunftsland an. Großartig … mein Reden ewig und drei Tage. Ich fände es daher einzigartig, nach dem Ende dieser Pandemie (schließlich bedeutet „Pan“ das ganze Volk!!!) alle Waffen, ja auch die verdammten Privatknarren, zu verschrotten und daraus Brücken, Fonduebestecke oder etwas anderes Sinnvolles zu bauen. Weg mit dem Scheiß! Eine Waffe in der Hand eines Menschen zeigt die ganze Idiotie dieser Spezies.

Ok, es ist pure Träumerei. Während wir uns die Wunden lecken, haben die USA in einer geheimen Mission ihre in der Eifel gelagerten US-Atomwaffen modernisiert und unsere Kriegsministerin AKK will bis Ostern über die Anschaffung neuer, atomwaffenfähiger Kampfflugzeuge im Wert von 7 Milliarden Euro entscheiden. Putzig, da geben wir momentan Alles, um Leben zu retten, um dann Wochen später andere Leben wieder zu zerstören. Herr oder Frau, schmeiß Hirn vom Himmel! Man sollte in Zeiten wie diesen solche Entwicklungen nicht aus dem Blick verlieren.

Systemrelevant

Manche meinten, Koslowski habe sich erst mit seinem völlig unerwarteten Eintritt ins Rentenalter so verändert. Als Abteilungsleiter einer Gartenschlauchfirma, wo er als unerbittlich, aber fair (jedenfalls den männlichen Untergebenen gegenüber) gegolten habe, sei er noch völlig unauffällig gewesen. Aber als Pensionist sei er von einem Tag auf den anderen in ein tiefes Loch gefallen, habe wochenlang nicht mit seiner Frau Käthe gesprochen und nur äußerst desinteressiert seine Lieblingssendung „Raten statt Wissen“ angeschaut, bis er eines Tages seine Erfüllung gefunden habe: Falschparker! Koslowski hatte sich wohnlich mit Fernglas, Notizblock und Kamera am Küchenfenster im 1. Stock eingerichtet. Parkten Autofahrer falsch oder nicht in dem dafür vorgesehen Areal, schrieb er die Kennzeichen auf und fotografierte beim Eintreffen die Übeltäter. Später rief er bei der Polizei an, um die Kriminellen, wie er sie nannte, anzuzeigen. Käthe Koslowski fand, dass ihr Horst seitdem zufriedener und ausgeglichener wirkte.

Doch dann kam der Frühling 2020 und eine schwere Pandemie legte die Welt flach. Nicht nur die Welt, sondern auch den Autoverkehr. Und so wurde jeden Tag die Zahl der Parksünder kleiner, bis sie schließlich völlig verebbte und nicht die kleinste Unregelmäßigkeit festzustellen war. Koslowski, der sogar am Fenster mit Mundschutz und Gummihandschuhen über die Parksituation seiner Kleinstadt wachte, nannte es Parkrezession. Er beherrschte natürlich auch die Krisenfachsprache. Und wieder drohte der ansonsten rüstige Rentner, in eine tiefe Unlaune der Niedergestimmtheit zu verfallen. Stundenlang starrte er mit getrübten Blick aus dem Küchenfenster; nicht einmal die Alles zukackenden Tauben des Nachbarn, den er schon unzählige Male zur Ordnung gerufen hatte, konnten sein Gemüt aufheitern. Bis seine Gemahlin eine zündende Idee hatte. Sie nähte ihm eine rote Armbinde, stickte dort die Kürzel SR ein und bastelte aus den alten Pappen der im Kleiderschrank verstauten Stützstrumpfverpackungen eine Art Megaphon. Koslowski blühte geradezu auf. Er hatte nun das Küchenfenster in der 1. Etage weit geöffnet und rief z.B. „2 Meter Abstand halten“ oder „Sie gehören nicht zur Familie“ auf die Straße. Das Flittchen nebenan, das heimlich Männerbesuch empfing und die Frau, die ihre im Sterben liegende Mutter drei Häuser gegenüber besuchte, zeigte er an, was dem kooperierenden Ordnungsamt satte 2x 250Euro einbrachte. Ach übrigens: SR bedeutet systemrelevant!

Porno & Klopapier

Das letzte Mal hatte ich dieses peinliche Gefühl mit 17. Unter Errötung aller mir zur Verfügung stehenden Ohren schlich ich mich in den Zeitungsladen am Ende der Stadt, vergewisserte mich, ob sonst niemand im Raum war, räusperte mich, um eine klare Ansage machen zu können und bat die Verkäuferin (Mist, an diesem Tag war natürlich die junge da!!) um die Herausgabe einer Penthouse. Die, so erfahrene Freunde, sei schärfer als der Playboy und billiger als eingeschweißte Pornomagazine. Ja Gott, wie sollte man sonst im katholisierten Münsterland, wo schon der Gedanke ans Onanieren Rückgratverkrümmungen hervorrief, an Anschauungsmaterial kommen?? Die Aktion ist gut gegangen, peinlich war es dennoch.

Heute 43 Jahre später musste ich an diese Aktion denken, als ich mit hochgezogenem Mantelkragen den Laden in Warendorf betrat. In meiner schier grenzenlosen Imaginationsgabe hatte ich mir schon im Vorfeld ausgemalt, wie die Kassiererinnen, gelangweilt von der grassierenden Krisenödnis, an der Kasse rumlungerten und ausgerechnet auf mich warteten. Da kommt wieder so einer, würden sie tuscheln. Ich hatte mir extra einen Superbiomarkt ausgesucht, das schien mir unverfänglicher als – sagen wir – Aldi, wo ich eh nie einkaufe. Sicherlich würde man mein zielstrebiges Einkaufsverhalten per Videokamera verfolgen und sich dabei heimlich scheckig lachen. Ha, dachte ich, den Gefallen tue ich euch nicht. Und so schaute ich zunächst beim Weinregal vorbei … och so´n Fläschchen Rioja kann nicht schaden, wechselte in den Teebereich, um mich mit Lakritztee, meiner momentanen Lieblingssorte, einzudecken und bummelte dann, als wäre es der pure Einkaufszufall in Richtung Toilettenpapierregal. Aber was soll ich sagen: Alles weg! Bioladen! Toilettenpapier! Nix mehr da! Verrückte Zeit! Nein, ich bin kein Hamsterer, sondern einfach ein normaler Bürger, der mal ne neue 8er-Packung Toilettenpapier braucht, die aber bereits von irgendwelchen asozialen Motherfuckern weggekauft wurde. Im Bioladen! Diese verdammte Brut! Ich sehe mich schon morgens bei Sonnenaufgang unten an den Ufern der Ems bei der rituellen Waschung. Ich sag´s nicht gerne, aber das ist doch Scheiße!

Brustwarzenskandal

Ich gestehe: Ich bin ein leidenschaftlicher Auf-dem-Klo-Leser. Holy Shit, was habe ich schon schlimme Momente erlebt, in denen ich aus lauter Not die Zusammensetzung des Toilettenreinigers auf der Rückseite studiert und über Natriumhydrogensulfat sinniert habe. Man nimmt, was man kriegt: die Apothekenrundschau, einen abgegriffenen Gedichtband von Gottfried Benn oder irgendeinen amerikanischen Undergroud-Comic. Meine Theorie ist ja, dass, wenn es unten Platz gibt, oben wieder was reinpasst. In modernen Zeiten wie diesen ist natürlich das Handy an die Stelle von Zeitungen und Bücher gerückt und beim großen Geschäft bietet sich wunderbar die Presseschau an oder man liest auf Wikipedia nach, was ein fakultatives Heterochromatin ist. Übrigens bekomme ich immer bei zu viel Trump-, Erdogan- oder Gaulandmeldungen persistierende Reizdarmsyndrome. Kürzlich fand ich den netten Witz: „Ich habe vergessen, mein Handy mit aufs Klo zu nehmen: Der Boden hat insgesamt 96 Fliesen.“

Bei meiner morgendlichen Recherche stieß ich gestern auf die digitale Nachricht irgendeiner Gurkenzeitung, dass die Moderatorin eines Null- und Nietenfernsehsenders auf Twitter blankgezogen und sich nur im Badehöschen mit verschränkten Händen über den Brüsten gezeigt hätte. Vermutlich wäre ich über diese Info hinweggeflogen, was interessiert mich der Badeslip einer Drittklassemoderatorin, wäre da nicht der Zusatz: „Und dann entdeckte ein Fan etwas Verstecktes“. Blöd, wie man morgens manchmal ist, fiel ich auf diesen journalistischen Lockvogeltrick rein, und las kurz darauf die Auflösung des Rätsels: In einem fast schon präorgasmatischen Zustand hatte der Fan, natürlich männlichen Geschlechts, den Ansatz einer Brustwarze entdeckt, die natürlich eigentlich verborgen bleiben sollte. Seine mit Schnappatmung vorgebrachte Entdeckung wurde alsbald aber relativiert, da es sich bei dem Brustwarzenhofbraun auch um den Schatten eines Fingers handeln könne. Ich ließ mein Handy sinken und starrte eine Weile auf die vor mir liegende Hautcreme meiner Frau. Könnte es nicht vielleicht sein, dass solche Meldungen von der USA gesteuert sind, so wie früher von den Russen? Zur Ablenkung vom Weltgeschehen?

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Um zu erfahren, wer über euch herrscht, braucht ihr nur herausfinden, wen ihr nicht kritisieren dürft.

(Voltaire)

Ausgabe 4-20

Symbiose (Foto Arnold Illhardt)

Du und ich

von J.B. (Essen)

Du und ich waren mal eins
liefen Hand in Hand am Straßenrand
saßen auf ner Mauer,
schielten in den Himmel und zählten die Sterne. Zählten sie, wie unsere Träume, die wir zusammen wahr werden lassen wollten.

Wollten zusammen ziehen, Kinder kriegen, heiraten, zusammen alt werden, uns foppen wie am ersten Tag, uns streiten, uns anschweigen, aber niemals getrennte Wege gehen.
Am See spazieren, bis die Sonne untergeht. Wollten uns lieben, wollten weg fahren – einfach raus, Hauptsache wir zwei,
in einer Waldhütte vorm Kaminfeuer liegend, nen Film gucken und kochen.
Hatten so viele Pläne, so viele Spinnereien. Kaum umsetzbar, aber in unseren Köpfen doch so greifbar nah.

Du und ich waren mal eins und nun sind wir entzweit. Vielleicht sitz ich irgendwann da auf ner Mauer mit nem Anderen. Und dann zieh ich mit ihm zusammen, bekomme Kinder, heirate ihn, streite mich und foppe ihn, wie am ersten Tag, schweig ihn an, aber bleib auf ewig mit ihm zusamm‘.
Spazier mit ihm am See, bis die Sonne untergeht. Liebe ihn am Kaminfeuer bei Netflix and chill.
Und irgendwann werden wir alt. Haben Enkelkinder und ich werde immer noch von dir erzählen – dir meiner ersten großen Liebe, bei der ich froh war, dass es nicht geklappt hat, weil ich sonst nie den Wahren gefunden hätte.

Mein weißer Wolf

von Arnold Illhardt (Telgte)

Manchmal gibt es Tage, da kommt mir meine psychische Verfassung vor wie ein leckgeschlagener Kohleofenabzug: es qualmt in mir, stinkt und über meine Laune zieht sich ein schwarz-klebriger Rußfilm. Mal habe ich zu viele „Schlachtzeilen“ über die AfD gelesen, mal ist es der neuste Scheiß von Donald Trump oder Jens Spahn und mal ist es einfach Montag. Als ich mal wieder zu Miesbert Brummelkötter mutierte und in den Morgenkaffee stierte, lächelte mich meine über alles geliebte Ehefrau an und erzählte mir eine Geschichte. Es sei einmal ein kleiner Indianerjunge gewesen, der fragte seinen – natürlich – weisen Großvater, warum er – der Junge – an manchen Tagen so schlechte und an anderen Tagen so gute Laune habe. Der alte Herr zog vermutlich an seiner langen Pfeife und sagte: Weil zwei Wölfe in dir wohnen: ein weißer für die gute Laune und ein grauer für die schlechte. Und diese würden gegeneinander kämpfen, um die jeweilige Laune auszumachen. Der Junge dachte kurz nach und fragte nach einiger Zeit, währenddessen der greise Indianer vor sich hin paffte und Rauchwolken in den Himmel blies, was denn ausschlaggebend für den Gewinn der Kämpfe sei. Nun, sagte der Großvater, es gewinnt der Wolf, den du fütterst.

Welch´ eine schöne Geschichte, dachte ich bei mir und bedankte mich. Ich glaube, ich hatte sogar ein Tränchen im Auge. Doch dann dachte ich über die amerikanischen Idioten nach, die die Indianer vertrieben und getötet hatten. Und überhaupt fiel mir ein, wie bescheuert all die Nicht-Indianer sind. Und ich steigerte mich mehr und mehr in meine alte These hinein, dass sowie 60% der Menschen (immerhin; neulich waren es noch 70%) Arschgeigen seien. Ich meine, wie krank muss man sein, wenn man Systeme unterstützt oder wählt, die einem selbst schaden. Mir fielen all die Kapitalismusspeichellecker, Klimawandelleugner und Rechtspatriotiden ein: Vermutlich lebte allein ihretwegen irgendwann kein einziger Wolf mehr. Und überhaupt…da hörte ich einen Schuss. Als ich erschrocken vors Haus lief, lag er da – tot. Mein weißer Wolf. Ich hatte es wohl übertrieben. Ehefrau an und erzählte mir eine Geschichte. Es sei einmal ein kleiner Indianerjunge gewesen, der fragte seinen – natürlich – weisen Großvater, warum er – der Junge – an manchen Tagen so schlechte und an anderen Tagen so gute Laune habe. Der alte Herr zog vermutlich an seiner langen Pfeife und sagte: Weil zwei Wölfe in dir wohnen: ein weißer für die gute Laune und ein grauer für die schlechte. Und diese würden gegeneinander kämpfen, um die jeweilige Laune auszumachen. Der Junge dachte kurz nach und fragte nach einiger Zeit, währenddessen der greise Indianer vor sich hin paffte und Rauchwolken in den Himmel blies, was denn ausschlaggebend für den Gewinn der Kämpfe sei. Nun, sagte der Großvater, es gewinnt der Wolf, den du fütterst.

Männer auf dem Kopf

von Arnold Illhardt (Telgte)

Einen Vorteil haben auf dem Kopf liegende Autos: Sie sehen alle gleich blöd aus und erinnern etwas an die Unbeholfenheit eines verunglückten Maikäfers, dessen Beine gen Himmel strampeln. So verkehrt rum in der Landschaft drapiert wirkt der fette SUV genauso bescheiden, wie der Ford Fiesta oder ein Bentley Continental. Jedenfalls war der Vorfall abzusehen. Hinter mir hatte sich einer dieser feisten Tuningkisten an meine Stoßstange geklettet. Ich dachte mir nichts Schlimmes. Vermutlich will er Deine Wagennummer lesen oder interessiert sich für einen meiner Aufkleber am Heck, überlegte ich und drehte etwas mehr Bass in meine Feierabend-Nach-Haus-Fahrmusik. Ich hatte mir mit den Jahren angewöhnt, die Visagen von Dränglern zu ignorieren und beim Blick in den Rückspiegel lediglich auf die Autofarbe zu achten. Anthrazit mit roten Streifen: Wie öde. Ich habe bis heute nicht kapiert, warum man auf ein Auto Streifen kleben muss; es gibt doch so schöne Blumenmuster! Doch dann überholte diese blecherne Penisprothese, aus dem Augenwinkel sah ich einen dieser motorisierten Aggrotypen mit Oberlippenbart und dann schoss der …. (ich kenne mich mit Autos nicht aus) an mir vorbei, um kurz darauf hinter der Kurve, die wie üblich rasant, aber talentfrei geschnitten wurde, das Autozeitliche mit einem ungeschickten Schlenker und anschließendem Überschlagmanöver in den Graben zu segnen. Nicht mal fahren, kann er, dachte ich so bei mir, aber dann regte sich ein wenig mein großes Herz als bekennender Gutmensch. Ich hielt in einiger Entfernung zu dem verunstalteten Fahrzeug an. Eines der Räder drehte noch, während das andere bereits die Form eines entlüfteten SPD-Luftballons eingenommen hatte.

Mein geübter Blick, schließlich schaute ich auf ein jahrzehntelanges früheres Leben als Krankenpfleger zurück, zeigte: a) der Kerl lebte noch, b) es sah nicht nach großartigen Verletzungen aus (Airbag sei Dank) und c) er hing mit dem Kopf nach unten. Spontan dachte ich an eine Fledermaus. Doch dann erblickte ich etwas, was die Sachlage und damit auch mein Mitleid urplötzlich auf eine andere Bahn lenkte. Direkt über dem doppelrohrigen Auspuff, der Assoziationen an rauchende Colts wachrief, klebte ein Aufkleber: Fuck You, Greta. Ich rief den Krankenwagen, nebst Polizei. Da ich selbst nichts tun konnte, um dem Freizeit-Vettel behilflich zu sein (die Türen klemmten), versuchte ich wenigstens seine Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu zog ich aus meiner Jackentasche einen Aufkleber mit der Aufschrift „Mach mit beim Klimastreik – Fridays For Future“ und pappte ihn in Leserichtung an die regennasse Windschutzscheibe. Dann zündete ich eine meiner Schokoladenzigaretten an und paffte ein paar Rauchwolken in den Novemberhimmel. Er sollte wenigstens für eine Weile das Quasi-Gefühl haben, unter echten Männern zu sein.

Tageszeitung

Von Arnold Illhardt (Telgte)

Zeilen verschwimmen zu Buchstabengewimmel

Bilder verblassen, pastellieren zum Grau

Inhalt verlässt Text, pulsiert dann im Raum

Lässt erstarren, innerlich zittern,

ist es noch wirklich oder doch eher Traum?

Tag für Tag desaströses Gemenschel

Das Ohr blutig am Pulse der Zeit.

Informationen schreddern Gedanken

Gefühle entzünden, ohnmächtige Wut.

Schreie durch Druckerschwärze

Wohin mit den Sinnen, wohin mit der Glut?

Warum schweigen so viele?

Gefühle verblassen, Gedanken stehn still!

Und morgen auf´s neue

Nachrichtenoverkill.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Bevor unsere weißen Brüder kamen, um ZIVILISIERTE Menschen aus uns zu machen, hatten wir keine Gefängnisse. Aus diesem Grund hatten wir auch keine Verbrecher. Wir hatten weder Schlösser noch Schlüssel, und deshalb gab es bei uns auch keine Diebe. Wenn jemand so arm war, dass er kein Pferd besaß, kein Zelt oder keine Decke, so bekam er all dies von uns geschenkt.

                        (Archie Fire Lame Deer, Medizinmann)

Telgter Aufruf

Aus gegebenen Anlass veröffentlichen wir im Schaukasten Schreyben & Sehen den Telgter Aufruf gegen Rassismus, Hass und Gewalt. Nach dem Anschlag in Hanau durch rechte Wirrköpfe, sowie reagierend auf die nationalfaschistischen Agitationen der AfD möchten die Bürger der Stadt Telgte ihren Wunsch nach einem bunten Telgte zum Ausdruck bringen. Auch Farasan Telgte schließt sich aus vollem Herzen diesem Aufruf an.

Für ein gutes und friedliches Miteinander –
gegen Rassismus, Hass und Gewalt

Liebe Telgter Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wir Unterzeichnenden sind tief besorgt und empört darüber, dass es heute wieder möglich ist, dass auf der Straße und in den sozialen Medien Journalisten, öffentliche Personen und Menschen „wie Du und ich“ bedroht werden, weil sie anders aussehen oder eine Meinung äußern, die Rechtsextremen nicht gefällt. Fanatismus, Rassismus und Hass führten jüngst erneut wieder zu grausamer Gewalt, die unermessliches Leid über Unschuldige bringt und Angst unter uns verbreiten soll. In unser aller Interesse stemmen wir uns dagegen, dass in Deutschland wieder Rassismus und Gewalt gegen sogenannte „Andere“ um sich greifen, denn dieser Rassismus, dieser Hass, diese Gewalt trifft auch uns und unsere Demokratie.
Wir rufen alle Mitbürgerinnen und Mitbürger von Telgte, ganz gleich woher sie stammen, auf: Helfen und unterstützen Sie einander im Alltag, begegnen Sie einander mit Verständnis und Respekt, und ergreifen Sie das Wort, wenn in Ihrer Umgebung Äußerungen getan werden, die sich gegen Menschen richten, die anders sind als Sie selbst. Es ist an der Zeit sich einzumischen. Verhindern wir gemeinsam, dass in unserer Stadt und in unserem Land wieder Verhältnisse einkehren, die unser gutes und friedliches Leben zerstören!

Ausgabe 4-20

Deep Talk

Ich hatte mich mit dem Mädchen (16) sehr intensiv unterhalten. Beim Rausgehen meinte sie lächelnd, dass sie lange nicht mehr einen solchen „DEEP TALK“ geführt habe. Da wusste ich, dass es auch ein gutes Gespräch war!

 Krawatten und Kartoffelsäcke

Meine Erfahrungen mit Krawatten sind eher rudimentär: ein fürchterliches Exemplar mit Gummizug zum Schlussball des ebenso fürchterlichen Tanzkursus und ein schwarzes Gebinde zur Hochzeit, das ich mir von der Verkäuferin des gleichfarbigen Anzuges habe aufschwatzen lassen. Wobei ich zu meiner Ehrenrettung erwähnen muss, dass ich auf eine klassische Verknotung beim Liebesfest verzichtet habe. Das waren meine krawattierten Ausfälle.

Bereits im zarten Alter von 17 Jahren legte ich eine Art Gelübde ab, künftig auf derlei Halsgekröse zu verzichten. Mir erschien dieses Accessoire hochgradig einengend, spießig, konservativ und überflüssig. Später wählte ich deshalb eigens den Beruf des Psychologen, da hier eher schwarze Rollkragenpullover mit Hornbrille angesagt waren, was der Profession stets einen existenzialistischen Anstrich gab. Seelenklempner sind da einfach – Achtung Wortspiel – ungebundener. Manche Menschen tragen in einer Art Hierarchieverliebtheit ohne Probleme notfalls auch schon mal zwei Langbinder übereinander – wenn’s dem Aufstieg dient. Und Bankangestellte sind verdammt zum Arbeiten in Krawatten, da sonst der Bürger, blöd wie er ist, kein gutes Gefühl bei der Geldanlage hätte. Eindruck schinden ist die halbe Miete. Ein Gast auf einer Party erzählte mir mal, dass er seine zündende Geschäftsidee erst dann zu Geld machen konnte, als er mit Anzug und Schlips die Geschäftswelt überzeugte

Ich frage mich, warum Krawatten frei käuflich und nicht in einem Sanitätshaus erhältlich sind, denn irgendwie erinnern sie mich eher an eine Art Geschlechts- und Autoritätsprothese, als an ein Kleidungsfummel. Bedenkt man, dass der pfeilmäßig geformte Stofflappen haargenau aufs männliche Gemächte zeigt, liegt der Verdacht zudem nah, der Träger besagter Halsverlängerung lebe in der Sorge, seinem besten Stück könne möglicherweise nicht genügend Aufmerksamkeit beigemessen werden. Kein Wunder, wenn bei so viel Zugebundenheit auch schon mal woanders der Blutfluss nachlässt.

Was die Optik anbetrifft, so sehen die meisten Männer mit dieser Kehlkopfquetsche wie oben abgeschnürte Kartoffelsäcke aus. Nun war ja Stilvielfalt nie so das Metier des männlichen Geschlechts. Begibt man sich auf eine Ansammlung männlicher Würdenträger, sagen wir auf einen Kongress oder einer Messe, so erinnert mich der Overkill an grauen oder schwarzen Anzügen mit obligatorischer Krawatte – wahlweise gestreift oder gepunktet –immer an Science-Fiction-Filme, in denen geklonte, identisch aussehende Wesen aus der Unterwelt ans Tageslicht dringen. Überaus mutige Zeitgenossen sind sich nicht zu schade, den stofflichen Geschlechtsverstärker in – schüttel – zartrosa, oder gar mit Hundemotiven vor sich her zu tragen. Übrigens habe ich zum Anlass meiner lebensalterbedingten Nullung das Gelübde erneut abgelegt. Schließlich weiß ich, wo bei mir die Männlichkeit zu finden ist: Innen!

Wie rechtes Denken entsteht

Der alte Herr am Tisch bei einer Feierlichkeit war sehr interessiert an meinem Denken über Dieses, Jenes und Sonstiges. Ein wirklich nettes Gespräch … bis wir auf Mautgebühren zu sprechen kamen. Ich muss gestehen: Es ist nicht grade eine Thema, das mir sonderlich unter den Nägeln brennt. Deshalb blieb ich recht allgemein … wischiwaschi… während sich mein Gesprächspartner in die Thematik hineinsteigerte und der Austausch eine bemerkenswerte Wende nahm. Er fände es eine riesige Sauerei, dass die Holländer umsonst in Deutschland rumkutschieren könnten, während wir in den Niederlanden Mautgebühren bezahlten müssten. Es dauerte eine Weile bis diese Aussage mein Realisierungszentrum passiert hatte, dann konterte ich, dass man in Holland weit und breit nicht einen Cent bezahlen müsste. Und zur Untermauerung meiner These führte ich an, dass ich seit ich denken kann im Nachbarland unterwegs sei. Doch er beharrte auf seiner Meinung, wirkte sogar etwas knatschig wegen meiner Gegenrede. Ich dachte mir, bevor er mir gleich aufs Auge drücken möchte, dass die CDU „die“ deutsche Klimapartei sei, lenke ich die Unterhaltung in eine andere Richtung. Der Vorfall beschäftigte mich allerdings noch eine ganze Weile.

Kaum eine Woche später stand ich an dem offenen Bücherregal an der Bushaltestelle um die Ecke. Ab und zu schaue ich beim Vorbeikommen nach dem Rechten und sortiere die Bücher neu, die manche Zeitgenossen nach kurzem Durchstöbern hinterlassen wie unser Kater seinen Fressplatz. (Die Ordnung nach dem Sortieren hält meist ungefähr 1,4 Stunden) Hinter mir saß eine alte Dame mit diesem Wasserleichenblau im Haar – so der Typ gutsituierte Witwe – und sprach mich an: „Sagen sie: Da ist aber nur Trivialliteratur drin, nicht wahr?“ Ich verneinte, unterließ es aber ihr zu sagen, dass ich dort neulich „der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus gefunden und eingesackt habe. Vermutlich las sie eher hochgeistige Literatur wie Rosamunde Pilcher in Leinenbindung. Dann legte sie nach: „Eine tolle Einrichtung, so ein Regal. So etwas gibt es in ganz Münster nicht.“ Das stimme nicht, erwiderte ich ihr und verwies zum Beispiel auf die beiden Regale im Kreuz- und Kuhviertel. Sie beharrte auf ihrer Meinung und unterstrich ihr Statement mit der Begründung, schon immer in Münster zu wohnen. Zum Glück hielt darauf ihr Bus und sie verschwand – gen Münster.

Auf dem Heimweg verfolgte mich auch diese Geschichte. Und als ich zuhause die Tür aufschloss, dachte ich bei mir: So etwa funktioniert rechtsnationalistische Politik.

Das Leben ist schön

Letzte Tage war ich in dem Film „but beautiful“. Als ich anschließend das Kino verließ und in den kalten Herbstabend trat, verweilte ich einen Moment und dachte bei mir: Jeder Regentropfen ist schön, Bäume sind sozialer als Menschen, Passion ist wichtiger als ein Titel oder ein Diplom und man sollte höchstmöglich auf Staatliches verzichten, wenn man ein gelebtes Leben führen möchte. Eigentlich nichts Neues, nur das mit dem Regen muss ich noch lernen!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich an der Seitentür unseres Hauses an der Herrenstraße 18 in Telgte die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten/Fundstücken, die wir für überdenkbar halten.

Ich glaube, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht in erster Linie eine Sache der Intelligenz, sondern des Charakters ist. (Erich Fromm)