Ausgabe 4-20

Symbiose (Foto Arnold Illhardt)

Du und ich

von J.B. (Essen)

Du und ich waren mal eins
liefen Hand in Hand am Straßenrand
saßen auf ner Mauer,
schielten in den Himmel und zählten die Sterne. Zählten sie, wie unsere Träume, die wir zusammen wahr werden lassen wollten.

Wollten zusammen ziehen, Kinder kriegen, heiraten, zusammen alt werden, uns foppen wie am ersten Tag, uns streiten, uns anschweigen, aber niemals getrennte Wege gehen.
Am See spazieren, bis die Sonne untergeht. Wollten uns lieben, wollten weg fahren – einfach raus, Hauptsache wir zwei,
in einer Waldhütte vorm Kaminfeuer liegend, nen Film gucken und kochen.
Hatten so viele Pläne, so viele Spinnereien. Kaum umsetzbar, aber in unseren Köpfen doch so greifbar nah.

Du und ich waren mal eins und nun sind wir entzweit. Vielleicht sitz ich irgendwann da auf ner Mauer mit nem Anderen. Und dann zieh ich mit ihm zusammen, bekomme Kinder, heirate ihn, streite mich und foppe ihn, wie am ersten Tag, schweig ihn an, aber bleib auf ewig mit ihm zusamm‘.
Spazier mit ihm am See, bis die Sonne untergeht. Liebe ihn am Kaminfeuer bei Netflix and chill.
Und irgendwann werden wir alt. Haben Enkelkinder und ich werde immer noch von dir erzählen – dir meiner ersten großen Liebe, bei der ich froh war, dass es nicht geklappt hat, weil ich sonst nie den Wahren gefunden hätte.

Mein weißer Wolf

von Arnold Illhardt (Telgte)

Manchmal gibt es Tage, da kommt mir meine psychische Verfassung vor wie ein leckgeschlagener Kohleofenabzug: es qualmt in mir, stinkt und über meine Laune zieht sich ein schwarz-klebriger Rußfilm. Mal habe ich zu viele „Schlachtzeilen“ über die AfD gelesen, mal ist es der neuste Scheiß von Donald Trump oder Jens Spahn und mal ist es einfach Montag. Als ich mal wieder zu Miesbert Brummelkötter mutierte und in den Morgenkaffee stierte, lächelte mich meine über alles geliebte Ehefrau an und erzählte mir eine Geschichte. Es sei einmal ein kleiner Indianerjunge gewesen, der fragte seinen – natürlich – weisen Großvater, warum er – der Junge – an manchen Tagen so schlechte und an anderen Tagen so gute Laune habe. Der alte Herr zog vermutlich an seiner langen Pfeife und sagte: Weil zwei Wölfe in dir wohnen: ein weißer für die gute Laune und ein grauer für die schlechte. Und diese würden gegeneinander kämpfen, um die jeweilige Laune auszumachen. Der Junge dachte kurz nach und fragte nach einiger Zeit, währenddessen der greise Indianer vor sich hin paffte und Rauchwolken in den Himmel blies, was denn ausschlaggebend für den Gewinn der Kämpfe sei. Nun, sagte der Großvater, es gewinnt der Wolf, den du fütterst.

Welch´ eine schöne Geschichte, dachte ich bei mir und bedankte mich. Ich glaube, ich hatte sogar ein Tränchen im Auge. Doch dann dachte ich über die amerikanischen Idioten nach, die die Indianer vertrieben und getötet hatten. Und überhaupt fiel mir ein, wie bescheuert all die Nicht-Indianer sind. Und ich steigerte mich mehr und mehr in meine alte These hinein, dass sowie 60% der Menschen (immerhin; neulich waren es noch 70%) Arschgeigen seien. Ich meine, wie krank muss man sein, wenn man Systeme unterstützt oder wählt, die einem selbst schaden. Mir fielen all die Kapitalismusspeichellecker, Klimawandelleugner und Rechtspatriotiden ein: Vermutlich lebte allein ihretwegen irgendwann kein einziger Wolf mehr. Und überhaupt…da hörte ich einen Schuss. Als ich erschrocken vors Haus lief, lag er da – tot. Mein weißer Wolf. Ich hatte es wohl übertrieben. Ehefrau an und erzählte mir eine Geschichte. Es sei einmal ein kleiner Indianerjunge gewesen, der fragte seinen – natürlich – weisen Großvater, warum er – der Junge – an manchen Tagen so schlechte und an anderen Tagen so gute Laune habe. Der alte Herr zog vermutlich an seiner langen Pfeife und sagte: Weil zwei Wölfe in dir wohnen: ein weißer für die gute Laune und ein grauer für die schlechte. Und diese würden gegeneinander kämpfen, um die jeweilige Laune auszumachen. Der Junge dachte kurz nach und fragte nach einiger Zeit, währenddessen der greise Indianer vor sich hin paffte und Rauchwolken in den Himmel blies, was denn ausschlaggebend für den Gewinn der Kämpfe sei. Nun, sagte der Großvater, es gewinnt der Wolf, den du fütterst.

Männer auf dem Kopf

von Arnold Illhardt (Telgte)

Einen Vorteil haben auf dem Kopf liegende Autos: Sie sehen alle gleich blöd aus und erinnern etwas an die Unbeholfenheit eines verunglückten Maikäfers, dessen Beine gen Himmel strampeln. So verkehrt rum in der Landschaft drapiert wirkt der fette SUV genauso bescheiden, wie der Ford Fiesta oder ein Bentley Continental. Jedenfalls war der Vorfall abzusehen. Hinter mir hatte sich einer dieser feisten Tuningkisten an meine Stoßstange geklettet. Ich dachte mir nichts Schlimmes. Vermutlich will er Deine Wagennummer lesen oder interessiert sich für einen meiner Aufkleber am Heck, überlegte ich und drehte etwas mehr Bass in meine Feierabend-Nach-Haus-Fahrmusik. Ich hatte mir mit den Jahren angewöhnt, die Visagen von Dränglern zu ignorieren und beim Blick in den Rückspiegel lediglich auf die Autofarbe zu achten. Anthrazit mit roten Streifen: Wie öde. Ich habe bis heute nicht kapiert, warum man auf ein Auto Streifen kleben muss; es gibt doch so schöne Blumenmuster! Doch dann überholte diese blecherne Penisprothese, aus dem Augenwinkel sah ich einen dieser motorisierten Aggrotypen mit Oberlippenbart und dann schoss der …. (ich kenne mich mit Autos nicht aus) an mir vorbei, um kurz darauf hinter der Kurve, die wie üblich rasant, aber talentfrei geschnitten wurde, das Autozeitliche mit einem ungeschickten Schlenker und anschließendem Überschlagmanöver in den Graben zu segnen. Nicht mal fahren, kann er, dachte ich so bei mir, aber dann regte sich ein wenig mein großes Herz als bekennender Gutmensch. Ich hielt in einiger Entfernung zu dem verunstalteten Fahrzeug an. Eines der Räder drehte noch, während das andere bereits die Form eines entlüfteten SPD-Luftballons eingenommen hatte.

Mein geübter Blick, schließlich schaute ich auf ein jahrzehntelanges früheres Leben als Krankenpfleger zurück, zeigte: a) der Kerl lebte noch, b) es sah nicht nach großartigen Verletzungen aus (Airbag sei Dank) und c) er hing mit dem Kopf nach unten. Spontan dachte ich an eine Fledermaus. Doch dann erblickte ich etwas, was die Sachlage und damit auch mein Mitleid urplötzlich auf eine andere Bahn lenkte. Direkt über dem doppelrohrigen Auspuff, der Assoziationen an rauchende Colts wachrief, klebte ein Aufkleber: Fuck You, Greta. Ich rief den Krankenwagen, nebst Polizei. Da ich selbst nichts tun konnte, um dem Freizeit-Vettel behilflich zu sein (die Türen klemmten), versuchte ich wenigstens seine Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu zog ich aus meiner Jackentasche einen Aufkleber mit der Aufschrift „Mach mit beim Klimastreik – Fridays For Future“ und pappte ihn in Leserichtung an die regennasse Windschutzscheibe. Dann zündete ich eine meiner Schokoladenzigaretten an und paffte ein paar Rauchwolken in den Novemberhimmel. Er sollte wenigstens für eine Weile das Quasi-Gefühl haben, unter echten Männern zu sein.

Tageszeitung

Von Arnold Illhardt (Telgte)

Zeilen verschwimmen zu Buchstabengewimmel

Bilder verblassen, pastellieren zum Grau

Inhalt verlässt Text, pulsiert dann im Raum

Lässt erstarren, innerlich zittern,

ist es noch wirklich oder doch eher Traum?

Tag für Tag desaströses Gemenschel

Das Ohr blutig am Pulse der Zeit.

Informationen schreddern Gedanken

Gefühle entzünden, ohnmächtige Wut.

Schreie durch Druckerschwärze

Wohin mit den Sinnen, wohin mit der Glut?

Warum schweigen so viele?

Gefühle verblassen, Gedanken stehn still!

Und morgen auf´s neue

Nachrichtenoverkill.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Bevor unsere weißen Brüder kamen, um ZIVILISIERTE Menschen aus uns zu machen, hatten wir keine Gefängnisse. Aus diesem Grund hatten wir auch keine Verbrecher. Wir hatten weder Schlösser noch Schlüssel, und deshalb gab es bei uns auch keine Diebe. Wenn jemand so arm war, dass er kein Pferd besaß, kein Zelt oder keine Decke, so bekam er all dies von uns geschenkt.

                        (Archie Fire Lame Deer, Medizinmann)

Telgter Aufruf

Aus gegebenen Anlass veröffentlichen wir im Schaukasten Schreyben & Sehen den Telgter Aufruf gegen Rassismus, Hass und Gewalt. Nach dem Anschlag in Hanau durch rechte Wirrköpfe, sowie reagierend auf die nationalfaschistischen Agitationen der AfD möchten die Bürger der Stadt Telgte ihren Wunsch nach einem bunten Telgte zum Ausdruck bringen. Auch Farasan Telgte schließt sich aus vollem Herzen diesem Aufruf an.

Für ein gutes und friedliches Miteinander –
gegen Rassismus, Hass und Gewalt

Liebe Telgter Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wir Unterzeichnenden sind tief besorgt und empört darüber, dass es heute wieder möglich ist, dass auf der Straße und in den sozialen Medien Journalisten, öffentliche Personen und Menschen „wie Du und ich“ bedroht werden, weil sie anders aussehen oder eine Meinung äußern, die Rechtsextremen nicht gefällt. Fanatismus, Rassismus und Hass führten jüngst erneut wieder zu grausamer Gewalt, die unermessliches Leid über Unschuldige bringt und Angst unter uns verbreiten soll. In unser aller Interesse stemmen wir uns dagegen, dass in Deutschland wieder Rassismus und Gewalt gegen sogenannte „Andere“ um sich greifen, denn dieser Rassismus, dieser Hass, diese Gewalt trifft auch uns und unsere Demokratie.
Wir rufen alle Mitbürgerinnen und Mitbürger von Telgte, ganz gleich woher sie stammen, auf: Helfen und unterstützen Sie einander im Alltag, begegnen Sie einander mit Verständnis und Respekt, und ergreifen Sie das Wort, wenn in Ihrer Umgebung Äußerungen getan werden, die sich gegen Menschen richten, die anders sind als Sie selbst. Es ist an der Zeit sich einzumischen. Verhindern wir gemeinsam, dass in unserer Stadt und in unserem Land wieder Verhältnisse einkehren, die unser gutes und friedliches Leben zerstören!

Ausgabe 4-20

Deep Talk

Ich hatte mich mit dem Mädchen (16) sehr intensiv unterhalten. Beim Rausgehen meinte sie lächelnd, dass sie lange nicht mehr einen solchen „DEEP TALK“ geführt habe. Da wusste ich, dass es auch ein gutes Gespräch war!

 Krawatten und Kartoffelsäcke

Meine Erfahrungen mit Krawatten sind eher rudimentär: ein fürchterliches Exemplar mit Gummizug zum Schlussball des ebenso fürchterlichen Tanzkursus und ein schwarzes Gebinde zur Hochzeit, das ich mir von der Verkäuferin des gleichfarbigen Anzuges habe aufschwatzen lassen. Wobei ich zu meiner Ehrenrettung erwähnen muss, dass ich auf eine klassische Verknotung beim Liebesfest verzichtet habe. Das waren meine krawattierten Ausfälle.

Bereits im zarten Alter von 17 Jahren legte ich eine Art Gelübde ab, künftig auf derlei Halsgekröse zu verzichten. Mir erschien dieses Accessoire hochgradig einengend, spießig, konservativ und überflüssig. Später wählte ich deshalb eigens den Beruf des Psychologen, da hier eher schwarze Rollkragenpullover mit Hornbrille angesagt waren, was der Profession stets einen existenzialistischen Anstrich gab. Seelenklempner sind da einfach – Achtung Wortspiel – ungebundener. Manche Menschen tragen in einer Art Hierarchieverliebtheit ohne Probleme notfalls auch schon mal zwei Langbinder übereinander – wenn’s dem Aufstieg dient. Und Bankangestellte sind verdammt zum Arbeiten in Krawatten, da sonst der Bürger, blöd wie er ist, kein gutes Gefühl bei der Geldanlage hätte. Eindruck schinden ist die halbe Miete. Ein Gast auf einer Party erzählte mir mal, dass er seine zündende Geschäftsidee erst dann zu Geld machen konnte, als er mit Anzug und Schlips die Geschäftswelt überzeugte

Ich frage mich, warum Krawatten frei käuflich und nicht in einem Sanitätshaus erhältlich sind, denn irgendwie erinnern sie mich eher an eine Art Geschlechts- und Autoritätsprothese, als an ein Kleidungsfummel. Bedenkt man, dass der pfeilmäßig geformte Stofflappen haargenau aufs männliche Gemächte zeigt, liegt der Verdacht zudem nah, der Träger besagter Halsverlängerung lebe in der Sorge, seinem besten Stück könne möglicherweise nicht genügend Aufmerksamkeit beigemessen werden. Kein Wunder, wenn bei so viel Zugebundenheit auch schon mal woanders der Blutfluss nachlässt.

Was die Optik anbetrifft, so sehen die meisten Männer mit dieser Kehlkopfquetsche wie oben abgeschnürte Kartoffelsäcke aus. Nun war ja Stilvielfalt nie so das Metier des männlichen Geschlechts. Begibt man sich auf eine Ansammlung männlicher Würdenträger, sagen wir auf einen Kongress oder einer Messe, so erinnert mich der Overkill an grauen oder schwarzen Anzügen mit obligatorischer Krawatte – wahlweise gestreift oder gepunktet –immer an Science-Fiction-Filme, in denen geklonte, identisch aussehende Wesen aus der Unterwelt ans Tageslicht dringen. Überaus mutige Zeitgenossen sind sich nicht zu schade, den stofflichen Geschlechtsverstärker in – schüttel – zartrosa, oder gar mit Hundemotiven vor sich her zu tragen. Übrigens habe ich zum Anlass meiner lebensalterbedingten Nullung das Gelübde erneut abgelegt. Schließlich weiß ich, wo bei mir die Männlichkeit zu finden ist: Innen!

Wie rechtes Denken entsteht

Der alte Herr am Tisch bei einer Feierlichkeit war sehr interessiert an meinem Denken über Dieses, Jenes und Sonstiges. Ein wirklich nettes Gespräch … bis wir auf Mautgebühren zu sprechen kamen. Ich muss gestehen: Es ist nicht grade eine Thema, das mir sonderlich unter den Nägeln brennt. Deshalb blieb ich recht allgemein … wischiwaschi… während sich mein Gesprächspartner in die Thematik hineinsteigerte und der Austausch eine bemerkenswerte Wende nahm. Er fände es eine riesige Sauerei, dass die Holländer umsonst in Deutschland rumkutschieren könnten, während wir in den Niederlanden Mautgebühren bezahlten müssten. Es dauerte eine Weile bis diese Aussage mein Realisierungszentrum passiert hatte, dann konterte ich, dass man in Holland weit und breit nicht einen Cent bezahlen müsste. Und zur Untermauerung meiner These führte ich an, dass ich seit ich denken kann im Nachbarland unterwegs sei. Doch er beharrte auf seiner Meinung, wirkte sogar etwas knatschig wegen meiner Gegenrede. Ich dachte mir, bevor er mir gleich aufs Auge drücken möchte, dass die CDU „die“ deutsche Klimapartei sei, lenke ich die Unterhaltung in eine andere Richtung. Der Vorfall beschäftigte mich allerdings noch eine ganze Weile.

Kaum eine Woche später stand ich an dem offenen Bücherregal an der Bushaltestelle um die Ecke. Ab und zu schaue ich beim Vorbeikommen nach dem Rechten und sortiere die Bücher neu, die manche Zeitgenossen nach kurzem Durchstöbern hinterlassen wie unser Kater seinen Fressplatz. (Die Ordnung nach dem Sortieren hält meist ungefähr 1,4 Stunden) Hinter mir saß eine alte Dame mit diesem Wasserleichenblau im Haar – so der Typ gutsituierte Witwe – und sprach mich an: „Sagen sie: Da ist aber nur Trivialliteratur drin, nicht wahr?“ Ich verneinte, unterließ es aber ihr zu sagen, dass ich dort neulich „der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus gefunden und eingesackt habe. Vermutlich las sie eher hochgeistige Literatur wie Rosamunde Pilcher in Leinenbindung. Dann legte sie nach: „Eine tolle Einrichtung, so ein Regal. So etwas gibt es in ganz Münster nicht.“ Das stimme nicht, erwiderte ich ihr und verwies zum Beispiel auf die beiden Regale im Kreuz- und Kuhviertel. Sie beharrte auf ihrer Meinung und unterstrich ihr Statement mit der Begründung, schon immer in Münster zu wohnen. Zum Glück hielt darauf ihr Bus und sie verschwand – gen Münster.

Auf dem Heimweg verfolgte mich auch diese Geschichte. Und als ich zuhause die Tür aufschloss, dachte ich bei mir: So etwa funktioniert rechtsnationalistische Politik.

Das Leben ist schön

Letzte Tage war ich in dem Film „but beautiful“. Als ich anschließend das Kino verließ und in den kalten Herbstabend trat, verweilte ich einen Moment und dachte bei mir: Jeder Regentropfen ist schön, Bäume sind sozialer als Menschen, Passion ist wichtiger als ein Titel oder ein Diplom und man sollte höchstmöglich auf Staatliches verzichten, wenn man ein gelebtes Leben führen möchte. Eigentlich nichts Neues, nur das mit dem Regen muss ich noch lernen!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich an der Seitentür unseres Hauses an der Herrenstraße 18 in Telgte die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten/Fundstücken, die wir für überdenkbar halten.

Ich glaube, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht in erster Linie eine Sache der Intelligenz, sondern des Charakters ist. (Erich Fromm)

Ausgabe 2-20

Mensch, zünftig (Foto Arnold Illhardt)

Alle Texte von Arnold Illhardt (Telgte)

Tempolimit – Duales System

Um an das Ziel unseres diesjährigen Urlaubs zu gelangen, mussten wir gleich vier Länder durchfahren: Deutschland (logisch), Frankreich (umleitungstechnisch), die Schweiz (ging nicht anders) und Italien (zwangsläufig). Was die drei Nachbarn von Deutschland unterscheidet, mal abgesehen von längerem Brot, mehr Löchern im Käse oder schieferen Glockentürmen, ist die Geschwindigkeit auf den Autobahnen. Während man in Deutschland knüppeln kann, bis die Schwarte kracht, die Hirnnerven aus den Augen treten und die Hormone Pogo tanzen, existiert in F, I und CH eine Tempobegrenzung von 120 bzw. 130km/h. Und was soll ich sagen?! Es ist ein Traum, dort Auto zu fahren. Man gleitet mit besagter Höchstgeschwindigkeit über den Highway, sieht im Rückspiegel einen Porsche Cayenne herangleiten (normal gleiten die ja nicht, sondern preschen!), kann in Ruhe sein Überholmanöver vollenden und sogar später erkennen, dass der Cayennefahrer einen üblen Kaffeeflecken auf seinem rosa Businesshemd hat. Alles ist irgendwie entspannter, weniger hektisch und vor allem weniger aggressiv: Kein Drängeln, kein Hupen – auch nicht mit Licht, keine Stinkefinger, keine in Lenkrädern festgebissenen Zähne, keine Vollbremsungen, keine Nötigung, kaum bis keine Idioten. Nun höre ich natürlich schon die Selbsthilfeorganisation für pathologische Heizer, den ADAC, mit Schnappatmung Veto einlegen: Deutschland ist ein freies Land, hier darf jeder ohne Rücksicht auf Verluste so schnell wie es ihm oder ihr beliebt über die Autobahnen brettern; schlimm genug, dass es in Ortschaften 50er-Begrenzungen gibt. Wir leben in einem Land der Verbote … und überhaupt die Grünen … Leben in Deutschland ist ein einziger Verzicht… man darf ja hier überhaupt nichts mehr… Ab und zu habe ich das Gefühl, alle Deutschen sind so eine Art Schicksalsgemeinschaft von eingepferchten und freiheitsberaubten hominiden Masthähnchen.

Wenn man so mit 120 oder 130 tiefenentspannt vor sich hinfährt, huscht einem natürlich der ein oder andere Gedanke durch das gelöste Hirn. Ich habe da ja schon länger meine Vision von einem dualen Autobahnsystem. System A: Straßen mit 130er Höchstgeschwindigkeit, nett aufgemacht, u.a. mit idyllischen Rastplätzen, Fitnesszonen und Restaurants, in denen mehr als nur Sättigungspampe angeboten wird. System B: Die Kampfzone für zwei- und vierrädrige Todesschwadrone, die nur mit einer roten Plakette und ab einer Tiefstgeschwindigkeit von 180km/H befahrbar ist. Die Gemetzel-Area ist natürlich – ähnlich wie die Blechkisten nebst Fahrern selbst – tiefergelegt, also in einem Art Tunnelsystem untergebracht und riecht intensiv nach einer Mischung aus Zitrus, Moschus und Männerschweiß; Geschwindigkeitsfetischisten lieben den Duft von Abgasen, Duftbäumen am Innenspiegel und tropfendem Benzin. Hier können dann alle Analogrennfahrer, testosteron- und östrogengesteuerten Potenzbolzen, Prahlhänse, Heizertussis, Besitzer von Pimmelersatzkarossen, Aggros, Postpubertäre, persönlichkeitsgestörte Platzhirsche und Tuningtypen mit Baseballkäppi, die immer so aussehen, als wären sie einem Fahndungsbild für Massenmörder entsprungen, zeigen, was sowohl unter der Autohaube, als auch unter der eigenen steckt. Und nachts kommt dann der Abschleppdienst, die Müllabfuhr, das Beerdigungsinstitut nebst Krankenwagen und bringt die Strecke wieder auf Vordermann. The Show must go on. Sicher, ein bisschen Verlust ist immer.

Oktoberpest

Du Güte, was mir diese rechtsdrehenden Untoten auf die Nerven gehen mit ihrem scheindemokratischen Vergaulanden und faschistischen Rumgehöcke. Hauptsache es riecht miefig nach Moder im gesellschaftlichen Siechtumskeller. Ständig und überall sehen die Nationalpatridioten Gefahren für das deutsche Volk, ständig ist die Rede von Um- und Vervolkung, ständig wird von einer den Bach-runtergehenden-Volksidentität geschwafelt und ständig über das Fremdsein im eigenen Land geklagt. Man lebt dauerhaft in der Angst, dass der Optiker eines Tages Gözlükçü und der Dessousladen …ääähm…shit, gibt’s nach einer Muslimisierung des Abendlandes überhaupt noch Dessous?

Nun bin ich ja ein großer Anhänger der offenen und bunten Gesellschaft, freue mich ständig über neue kulturelle Einschläge im musikalischen Schwermetallbereich und bin Verfechter des Mottos: Liebe Menschen aus anderen Ländern, lasst uns bitte mit den Deutschen nicht allein, aber lasst mich mit all euren Religionen in Ruhe. Doch dann plötzlich gab es von heute und morgen einen kulturellen Einbruch im ansonsten beschaulichen Telgte, wo der einzige Gestank nicht von den Braunen, sondern von der baustellenbedingten Absenkung des Flussspiegels der Ems herrührt. War ich blind für Veränderungen geworden? War ich linksgrünversiffter Gutmensch gar einer gesellschaftlichen Entwicklung aufgesessen, die sich außerhalb meiner Wahrnehmung abspielte? Es waren erst einzelne Auffälligkeiten im Stadtbild, dann sah man immer häufiger Menschen mit eigentümlichen Gewandungen, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Man hatte sich an die Kopftücher, Kaftane oder Jogginghosen gewöhnt, aber der Aufzug der zumeist alkoholisiert vorbei verlustierenden Männer und Frauen waren keineswegs westlich orientiert: Zu kurze Hosen, eingequetschte Brüste und Wollsocken, bei denen man schon beim Anschauen die Kratzwut bekam. Sie alle eilten auf ein Zelt zu – eine getarnte Moschee, dachte ich kurz bei mir – doch dann hörte ich Klänge von grausamer und an Körperverletzung grenzender Art, ein Wumtata und Tätärä, dazu Gesänge in einer Sprache – ich dachte zunächst an einen syrischen Unterdialekt – die mir den Schmalz in den Ohren zum Sieden brachten. Der Wind trug mir Liedfetzen wie „I bin a Steirabua“ oder „Über’s Loaterl, da steig i net aufi“ zu. Dann erst sah ich das Plakat mit der Einladung zum Oktoberfest und ich dachte: Na super, eine Unkultur in einer deutschen Gegend, wo schon der Umzug der Karnevalisten wie ein Leichenbegängnis aussieht. Münsterland – Quo vadis?!

Nun bin ich ja ein großer Anhänger der offenen und bunten Gesellschaft, freue mich ständig über neue kulturelle Einschläge im musikalischen Schwermetallbereich und bin Verfechter des Mottos: Liebe Menschen aus anderen Ländern, lasst uns bitte mit den Deutschen nicht allein, aber lasst mich mit euren Religionen in Ruhe. Doch dann plötzlich gab es von heute und morgen einen kulturellen Einbruch im ansonsten beschaulichen Telgte, wo der einzige Gestank nicht von den Braunen, sondern von der baustellenbedingten Absenkung des Flussspiegels der Ems herrührt. War ich blind für Veränderungen geworden? War ich linksgrünversiffter Gutmensch gar einer gesellschaftlichen Entwicklung aufgesessen, die sich außerhalb meiner Wahrnehmung abspielte? Es waren erst einzelne Auffälligkeiten im Stadtbild, dann sah man immer häufiger Menschen mit eigentümlichen Gewandungen, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Man hatte sich an die Kopftücher, Kaftane oder Jogginghosen gewöhnt, aber der Aufzug der zumeist alkoholisiert vorbei verlustierenden Männer und Frauen waren keineswegs westlich orientiert: Zu kurze Hosen, eingequetschte Brüste und Wollsocken, bei denen man schon beim Anschauen die Kratzwut bekam. Sie alle eilten auf ein Zelt zu – eine getarnte Moschee, dachte ich kurz bei mir – doch dann hörte ich Klänge von grausamer und an Körperverletzung grenzender Art, ein Wumtata und Tätärä, dazu Gesänge in einer Sprache – ich dachte zunächst an einen syrischen Unterdialekt – die mir den Schmalz in den Ohren zum Sieden brachten. Der Wind trug mir Liedfetzen wie „I bin a Steirabua“ oder „Über’s Loaterl, da steig i net aufi“ zu. Dann erst sah ich das Plakat mit der Einladung zum Oktoberfest und ich dachte: Na super: erst Marienprozession, dann Ramadan und jetzt Oktoberfest. Eine Unkultur in einer deutschen Gegend, wo schon der Umzug der Karnevalisten wie ein Leichenbegängnis aussieht. Münsterland – Quo vadis?!

Idiotie

Trump ist ein Idiot. Und viele Menschen lieben Idiotie – schaut man sich ihre Fernsehprogramme an. Warum wundert man sich dann, wenn sie Idioten als Führer wählen?

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

„Das Mitgefühl, das wir für andere, vom Krieg und einer mörderischen Politik betroffene Menschen aufbringen, beiseite zu rücken und stattdessen darüber nachzudenken, wie unsere Privilegien und ihr Leiden überhaupt auf der gleichen Landkarte Platz finden und wie diese Privilegien – auf eine Weise, die wir uns vielleicht lieber gar nicht vorstellen mögen – mit ihren Leiden verbunden sind, insofern etwa, als der Wohlstand der einen die Armut der anderen zur Voraussetzung hat – das ist eine Aufgabe, zu deren Bewältigung schmerzliche, aufwühlende Bilder allenfalls die Initialzündung geben können.“

(Susan Sontag)

Ausgabe 1 – 20

Schweiz (Foto Arnold Illhardt)

Alle Texte von Arnold Illhardt (Telgte)

Schweiz

Schweiz. Was für ein Land! Kaum ist man eingefahren, ist man schon wieder raus. Nur dass sich die ganze Prozedur aufgrund des ständigen Auf und Ab fürchterlich hinzieht. Und weil das Land so klein ist, muss vermutlich alles übermäßig groß sein: Die Berge, die Autos, die Alphörner und Bankkonten. Und hat schon jemand mal darüber nachgedacht, warum es dort so viele Tunnel gibt? Weil die Schweizer geizig sind und uns Durchreisenden die Aussicht auf die Spielzeugeisenbahnlandschaft nicht gönnen. Und überhaupt: All die Berge! Das sind doch alles nur Attrappen! Ich habe es mit eigenen Augen, also mehr aus dem Augenwinkel heraus, gesehen, wie sie einen Berg aufgeschüttet haben. Es würde mich nicht wundern, wenn auch der Rest künstlich wäre. Deshalb gibt es ja auch all die vielen Seen – nix als Baggerseen, aus denen der Sand für die Berge gewonnen wurde. Oh und Uhh sagen wir beim Anblick der ganzen Wasserfälle! Auf die Idee, dass es sich dabei um nichts Anderes als Abwasserentsorgung handelt, ist wohl außer mir noch niemand gekommen. Wie sollen die denn da oben in den Bergen ne vernünftige Kanalisation unter die Erde bringen? Haben die Schweizer überhaupt irgendwas Produktives und Eigenes hervorgebracht außer Käse mit Löchern, komplizierte Klappmesser und dreieckiger Schokolade? Nirgendwo sonst sieht man all diese sündhaft teuren Schniedelwutzkarren rumgurken, die sich immer so anhören, als hätten die schon bei der Produktion den Auspuff vergessen.

Schweiz, eigentlich ein schönes Land, wenn ich mich nicht so über die knapp 40 Euro Maut für einmal Durch und Zurück geärgert hätte.

Wenn Erwin Rammstein hört

Oberwesel! Allein dieser Name! So wie Mücke-Atzenhain oder Rammelsbach. Für uns ist es an diesem Abend das Einfallstor in den Süden … Erste Zwischenstation. Unter kritischer Beobachtung der herumlungernden Wohnmobilbesitzer steuere ich unser Kastenmobil in den letzten freien Stellplatz. Zweite Reihe zum Rhein … immerhin. Im Spiegel sehe ich das alte Paar in trauter Camperzweisamkeit vor ihrem Hymer sitzen. Er mit blass-kariertem Hemd über Dreiviertelcaprihose für Männer, sie im Multifunktionshaushaltskleid. Beide biertrinkend. Man kann sich die Nachbarn beim Campen nicht aussuchen, denke ich, ist ja auch nur für eine Nacht. Sie erinnern mich an Onkel Erwin und Tante Käthe von den gezackten Schwarz-Weiß-Fotos in meinem Fotoalbum. Ich lasse mich nach gelungenem Einparkmanöver möglichst lässig aus dem Wagen gleiten, werfe meine rückenlangen Haare noch einmal hippiresk nach hinten, damit man hier gleich weiß, wo die Locke hängt und grüße mit einem lockeren Spruch. So ungefähr: N´Abend, die Nachbarn. Oder so. Die beiden lächeln mich an und er grüßt zurück: „Ja, guck, Wackener.“ Unser Wacken-Zeichen am Heck nebst Pommesgabel (Zeige- und Ringfinger gereckt zum Gruß der Metalheads) sind nicht zu übersehen. Erwin hebt sein Bierglas und erzählt, dass er zwar noch nie auf Wacken war, sich wohl aber regelmäßig im Fernsehen die Reportagen anschaut. „Wissen sie, meine Lieblingsband ist Rammstein!“ Und Käthe fügt nach: „Und wenn ihn die Nachbarn nerven, hört er Rammstein ganz laut!“ Ihr selbst gefallen aber eher Peter Kraus, Elvis und so. Ich glaub´s nicht, die beiden sind, wie sich im nachfolgenden Gespräch über Hippies, Rockmusik, Woodstock und selbst ausgebaute Bullis herausstellt, kurz vor achtzig.

Als wir am nächsten Morgen in aller Frühe den Platz verlassen, steht Erwin schon mit Brötchentüte an der Einfahrt. Mit der freien Hand zeigt er die Pommesgabel und wünscht uns gute Fahrt nach Elba. Ich sehe ihn im Rückspiegel noch lange so stehen. Man kann sich heutzutage nicht einmal mehr auf Klischees verlassen.

Reißverschluss des Lebens

Ich fuhr so vor mich hin auf der Mutter aller Schleichwege … Autobahn A1. Wir und unser Wohnmobil waren im Fluss, was, wenn man meinem inneren Guru Glauben schenkt, auch allgemein im Leben nicht schaden kann. Und so thronte ich hoch oben über den in der Sonne glitzernden Dächern der Blechlawine, vermutlich dröhnte „Born to be wild“ (was ich gar nicht mag!) auf Dauerschleife aus den Boxen und ich war mit mir und der Welt halbwegs im Reinen. Da bahnte sich der nächste Stillstand an. Nicht, dass mich das verwundert hätte, denn die komplette A1 scheint sich in einem dauerhaften Stand-By-Modus zu befinden, aber gefühlt lag die letzte Stehparty erst 10 Minuten zurück. Also runterschalten, Fenster runterkurbeln (Frischluft) und abwarten. Stillstand auf der Autobahn hat ja immer unterschiedliche Gründe: Unfall, hohes Verkehrsaufkommen, Baustelle, mit 2,4 km/h schnellerem Tempo überholende Lastwagen oder dusselige Autofahrer, die das Rechtsrüberfahren vergessen haben. Stellt sich später die Lösung des Stillstands heraus, was in der Regel aber im Unklaren bleibt, kann man entweder fluchen, trauern oder sich dem Schicksal ergeben und die Thermoskanne mit dem Kaffee rausholen.

In diesem Fall war es eine Baustelle und der Grund für das mehr als zähflüssige Dahinkriechen das berühmt-gefürchtete Reißverschlussverfahren. Für alle Nachkriegsführerscheinmacher – Reißverschlussverfahren bedeutet: Man fährt bis an die Engstelle heran!! und ordnet sich dann!! wechselseitig!! eben wie bei einem Reißverschluss, ein. Klingt einfach, funktioniert aber so gut wie nie, was vielleicht daran liegt, dass die Leute heute nur noch Klettverschlüsse kennen. Reißverschlussverfahren ist sozusagen ein soziologisches Phänomen, da hier diverse kognitive, emotionale, persönlichkeitspsychologische wie -pathologische und verhaltensmäßige Faktoren zusammenkommen und bei so manch einem KFZler schlichtweg zur Überforderung führt. Da sind die Narzissten, oftmals Fahrer von Großkarossen für Elefantenjagden, die nicht einsehen, auf das Hereingelassenwerden zu warten und sich in gewohntem Hier-Komm-Ich-Modus dort reinquetschen, wo es ihnen behagt –möglichst weit hinter der Engstelle. Dann gibt es die Ängstlichen, die schon 500m vorher die Seite wechseln, um nur nicht in irgendeiner Form den Anschluss zu verpassen. Zu nennen sind auch die Döspaddel, die mit ihrem Handy beschäftigt sind und noch gar nicht bemerkt haben, dass soeben eine Handlung von ihnen gefordert wird. Im Fluss ist da letztendlich gar nichts mehr. Vielleicht liegt in diesem Beispiel die Begründung, warum es in Deutschland so viele Gesetze, Vorschriften, Schilder, Verbote, Behörden und reglementierende Instanzen gibt: Weil wir zu blöd für ein lockeres, rücksichtsvolles und reflektiertes Miteinander sind!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Telgter Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

„Was frisst die Geldmaschine? Sie frisst Jugend, Spontanität, Leben, Schönheit und vor allem Kreativität. Sie frisst Qualität und scheißt Quantität. “

William S. Burroughs

Ausgabe 14-19

Ordnung muss sein (Foto Arnold Illhardt)

Menschliche Abgründe

Man muss vorbereitet sein. Es gibt Vorkommnisse im Leben, für die gibt es keinen Plan, keine Bedienungsanleitung, ja nicht einmal so etwas wie eine innere Landkarte. Sicherlich, man könnte ahnen, dass man irgendwann mit derartigen Erlebnissen, konfrontiert wird, doch möglicherweise hat man den Gedanken daran erfolgreich verdrängt, wenn nicht gar in den Bereich des Unmöglichen verschoben. Vielleicht hat man sogar schon mal von einem „Nie-im-Leben“ oder „Nicht-mit-mir“ gesprochen. Manche Dinge gehören nun einmal in den Bereich des nie in Erwägungziehens. Des Gar nicht erst In-Frage-Kommens. Allerdings implizieren diese Aussagen ein Beschäftigen mit einer Sache, um für die Eventualität gewappnet zu sein. Viel schlimmer hingegen ist das plötzliche Eintreten des Unerwarteten. Das mit einem Mal in-der-Welt sein. Umso größer ist der Schock, die allumfassende Präsenz der Widerlichkeit. Man hat es sich nicht in dieser verstörenden Intensität vorgestellt, man hat es nicht in dieser die Wahrnehmung malträtierten Form imaginiert und man spürt auf eindringliche Weise den intensiven Wunsch des Ungeschehenmachens. Doch, wie mein Vater in seiner beeindruckenden Alltagsweisheit immer sagte: „Irgendwann ist immer das erste Mal.“ Und dann schaut man in die Abgründe menschlicher Machenschaften – vielleicht sogar bei 32 Grad im Schatten. So, wie bei mir und dem Besuch auf einem Dixi-Klo.

Menschliche Größe

Es gab und gibt nur eine Handvoll, mir persönlich bekannte und somit real existierende Menschen in meinen fast sechs Lebensjahrzehnten, die mir auf ihre ganz eigene Weise imponiert haben. Ich mache mir nichts aus Äußerlichkeiten, Titel, Reichtum oder Berühmtheit, wohl aber faszinieren mich Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Mut, ziviler Ungehorsam oder Gradlinigkeit. Und manchmal – dann und wann – schleicht sich bei mir ein gewisser bitterer Beigeschmack ein, selbst nicht zu den mir imponierenden Gestalten zu gehören. Vor ein paar Jahren entdeckte ich in der Nähe eines Münchner Friedhofs den alten Spontispruch: „Die Schönheit des Lebens liegt in der eigenen Ununterworfenheit!“, der seitdem zu einer Art Lebensparole für mich geworden ist. (Da gern übersehen: Man beachte die Vorsilbe UN!) Aber mit der Ununterworfenheit ist es wie mit den klugen Sprüchen auf manchen Teebeuteletiketten: Sie lesen sich nett, führen aber zu nix. Herrje, wie oft habe ich mich selbst dabei erwischt, meinen Idealen untreu geworden zu sein. Einzuknicken, weil ich berufliche Ressentiments, sozialmediale Shitstorms oder rechtliche Auswirkungen fürchtete. Neulich unterhielt ich mich mit einem Bekannten über emotionale Belastungen am Arbeitsplatz durch asoziales Kollegentum. Wir waren uns einig, dass die Hauptbelastung oftmals darin liegt, geschwiegen zu haben, anstatt sich mit aller Vehemenz und ohne Rücksicht auf Anfeindungen aufzulehnen.

Und dann tauchte Greta aus dem Nichts auf. Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg, die kleine, große schwedische Klimaaktivistin. Ich kenne sie zwar nicht persönlich, aber mein Respekt und meine Anerkennung vor ihrer konsequenten Haltung und Unbeugsamkeit sind enorm. Natürlich sind mir all die Hetzkommentare im weltweiten Netz der menschlichen Ausdünstungen nicht verborgen geblieben. Kommentare von kleinkarierten Nichtsnutzen, klimafeindlichen Hohlpfosten, neoliberalen (was für ein verlogenes Wort) WELT-Lesern und rechtsradikalen Quarkhirnen. Das ganze Leben in einer Untätigkeitsdauerschleife, klimatechnisch noch auf Neanderthalniveau und engagiert wie eine in der Wüste schmorende Nacktschnecke, aber sich über auflehnende Jugendliche belustigen. Das öffentlich ausgetragene Amüsement über die Größe, das Alter, das Fernbleiben von der Schule, das Autismus-Syndrom oder die manchmal noch nicht ausgereiften Ansichten des Mädels aus Stockholm zeigt das komplette soziale Kompetenzamöbentum dieser Kritikasten und Nörgelpötte. Neulich erreichten mich ein paar dieser blöden, farbig aufgepeppten Internet- und Handysprüche von mir bekannten Personen, in denen Greta verunglimpft wird oder ein Telgter Gurkenbürger gar androhte, er wisse nicht, was er der Göre bei einer Begegnung antun würde. Das sind Personen, die sich sonst im Leben vor allem durch anales Paragliding auszeichnen und Müll-Runterbringen ohne Kleckern für eine drastisch umgesetzte Umweltschutzmaßnahme halten. Ich finde, Greta macht mir als Mensch mit Faltenwurf Mut, dass a) ein Teil der Nachkommenschaft auf gutem Kurs ist und b) ich mal wieder mehr Tacheles reden und tun sollte. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste!

Menschliche Inkompetenz

Neben meinem Leseplatz steht eine Holzkiste, die ich aus einem aufgelösten Schularchiv rekrutiert habe. Darin lagern unzählige Artikel, kopierte Texte, Zeitungsausrisse, sowie jede Menge Ungelesenes. Man weiß ja nie, wofür man all diese Berichte, Beschreibungen und Beobachtungen gesellschaftlicher und politischer Kakophonien noch gebrauchen kann. Machen wir uns nix vor: Unsere Erde und das Zusammenleben darauf befindet sich aufgrund seiner mehr als dämlichen Bewohner auf dem Abstiegstabellenplatz: Kriege, Rechtsradikalismus, Umweltzerstörung, Klimakatastrophen, Public Hating, um nur ein paar der menschlichen Schwarmbescheuertheiten zu nennen. Wenn man schon selbst die Welt nicht retten kann, dann hilft es möglicherweise, ihren Zustand in einer Holzkiste zu archivieren. So eine Art Ersatzhandlung. Und damit all das Desaster politisch gut verwaltet wird, vertraut man die Geschicke per Wahl einem Politkombinat an, von dem man im Grunde im Vorhinein weiß, dass sie vor allem regieren, statt zu reagieren. Neulich las ich einen dieser passenden Sinnsprüche zur rechten Zeit: ”ICH HABE DAS MIT DEN MENSCHEN WIRKLICH VERSUCHT. ICH MÖCHTE JETZT BITTE AUF MEINEN WAHREN HEIMATPLANETEN.“ Ganz mein Denken!

Gestern habe ich meine Holzkiste nahezu totalentrümpelt. Ein paar Kilo totes Holz! Ich denke, es gibt Entwarnung. Unsere Regierung und hier zuvorderst AKK, bei der mir – warum auch immer – das alte Graffiti „AUCH FÜR DU – CDU“ einfällt, haben die wichtigen und dringend notwendigen Dinge zur gesellschaftlichen und ökologischen Kehrtwende durch schwerwiegende Entscheidungen in die Hand genommen: Soldaten dürfen jetzt für lau Zug fahren. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Beim Betreten des Arbeitsplatzes legen wir unsere Autonomie ab und unterwerfen uns einer Diktatur der Hierarchien. Wir akzeptieren in der Arbeitswelt ein Ausmaß an Unterordnung, das uns in beinahe jeder anderen Lebenssituation abstoßend erscheinen würde.

Christian Baron (im Freitag)

Ausgabe 13-19

Handymanie (Foto Arnold Illhardt)
Handymanie (Foto Arnold Illhardt)

Asphalt-Cowboy

Es war einer dieser heißen Tage. Die Sonne schickte erbarmungslos ihre goldene Glut auf die verdorrten Baumkronen, in der Luft tummelten sich die Brennhaare der Eichen-Prozessionsspinner und die Menschheit kratzte sich aufgrund einer durch das Thaumetopoein ausgelöste Raupendermatitis blutig. Ich schlenderte vor mich hin, philosophierte unter dem sengenden Zentralgestirn über den verwahrlosten Zustand der Gesellschaft, als es plötzlich mehrfach laut hupte. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Hupen lauter geworden sind, weil vor allem die männlichen Verkehrsteilnehmer – wie auch sonst im Leben – gerne mit sinnentleertem Lärm auf sich aufmerksam machen, wenn schon sonst nichts Aufsehenerregendes von ihnen ausgeht. Ich war wohl für den in Schnappatmung befindlichen BMW-Fahrer zu lahmarschig über den Zebrastreifen gebummelt, hatte dabei ihm und seiner Blechschatulle zu wenig Beachtung geschenkt und obendrein seine kostbare und von Testosteron infiltrierte Zeit durch mein Trödeltum geraubt. Es war vielleicht nicht unbedingt mein Tag, daher beeilte ich mich nicht, sondern drehte mich zur Seite und ging auf das sich beinah aufbäumende Fahrzeug zu. Ich schaute in die blutunterlaufenen Augen eines Dreißignochwas mit Gelfrisur und missratenem Tattoo auf dem Unterarm. Vermutlich würde er gleich aus seiner weißen Karre mit blauen Rallystreifen springen, aber ich hatte alle Western mit John Wayne geschaut und damit diesen angsteinflößenden Cowboy-Blick drauf. Er schrie mich an, ich solle gefälligst meinen Arsch über die Straße bewegen und machen, dass ich davon komme.

Auch noch schlechtes Elternhaus, dachte. Wenn ich eines nicht mag, sind das solche kleinen Rotzerchen mit Pudding im Hirn und dummen Sprüchen. Wie AfD ist das denn. Ich zog eine filterlose Schokoladenzigarette aus meiner Hemdtasche, steckte sie in meinen Mundwinkel und fauchte ihm mit schweigeresker Nuschelstimme entgegen: „Gringo“, sagte ich (das hatte ich ebenfalls in einem Western gehört, „deine Zeit ist gezählt“. Seine Augen leuchteten jetzt auf wie eine ausgelöste Geschwindigkeitskamera und seine angeschwollenen Halsgefäße erinnerten an die Kehloszillation einer fetten Teichkröte. Ich pustete ihm meinen Schokoladenzigarettenrauch ins Gesicht und raunzte mit einem eindrucksvollen Timbre in der Stimme. „Ich habe total die Schnauze voll von euch Verkehrsfaschisten und Asphaltterroristen. Mir reicht´s! Es kann nicht sein, dass ihr euch einbildet, zu jeder Zeit, in jedem Moment, mit euren verwanzten und stinkenden Karren im Vorrecht zu sein. Ihr verpestet die Luft, verstopft die Straßen, macht einen Höllenlärm und führt euch auf wie kastrierte Platzhirsche! Die Straße, Baby, ist für alle gleichermaßen da! Merk dir das!“ Er musste kurz schlucken, nervös ließ sein rechter Fuß das Gas hochjagen, der Motor heulte auf, er begann die Sicherheitsgurte zu lösen, entkuppelte und es bahnte sich eine möglicherweise unschöne Konfrontation an. Aber ich hatte nicht nur Western gesehen, sondern auch amerikanische Krimis und so erstickte ich sein Aussteigmanöver im Keim, indem ich seine in lausigen Bermudas steckenden Beine mit der Fahrertür malträtierte. Er nannte mich schmerzverzerrt einen Bastard und schrie, er würde mich umbringen. Ich drückte ihm meine Schokoladenzigarette, die inzwischen aufgeweicht aus meinem Mundwinkel baumelte, aufs Auge, holte aus meiner Hosentasche eine täuschend echt aussehende Spielzeug-Smith-Wesson und schoss ihm in beide Reifen, was aufgrund des Lärms auch die inzwischen hupenden und blökenden Fahrer hinter ihm zur Ruhe brachte. Er starrte mich an, als hätte ich ihm soeben einen unsittlichen Antrag gemacht und kämpfte mit einer sich entfachenden Hyperventilation. Haste la vista, murmelte ich, pustete in die qualmende Ballermannöffnung und setzte meinen Spaziergang fort. Wie schon gesagt, es war nicht unbedingt mein Tag.

Handymanie

Es war in Israel, vermutlich in Jerusalem, und schon Jahrzehnte her, als ich zum ersten Mal in einem ungewöhnlichen Ausmaß mit diesem Phänomen Bekanntschaft machte. In der Stadt liefen alle möglichen Menschen ohne erkennbare Anzeichen von Mutation oder Nervenkrankheiten mit der Hand am Ohr, laut vor sich hin brabbelnd (vermutlich arabisch sprechend) und wild gestikulierend durch die Gegend. Ein recht gewöhnungsbedürftiger Anblick, denn bisher kannte man überbordende Selbstgespräche eher von Personen mit multiplen Persönlichkeitsstörungen. Erst nach und nach tröpfelte es in mein Bewusstsein, dass es sich hier um Menschen mit Handys handelte und dies den Anfang einer echten Seuche darstellen würde. Damals waren Handys noch nicht selbstverständlich und man amüsierte sich über den dämlich Witz, das Wort Handy käme aus dem Schwäbischen und leite sich von dem Ausspruch: Ja, hen di koi Schnur?“ ab. Das Phänomen schwappte natürlich auch nach Deutschland über und schon bald konnte man sich nicht mehr retten vor all den öffentlichen Plapperern mit den Elektrokommunikationsklötzen am Ohr. Ohne es zu wollen, wurde man Zeuge von Auseinandersetzungen, Kundengesprächen, Beziehungsgemetzeln, desorientierten Männern beim Einkaufen („Schatz, wo liegt denn jetzt der Parmesankäse?“) und eskalierenden Schlagabtauschen aufgrund von Verständigungs- oder Hörproblemen. Als bei einer Documenta in Kassel eine Dame in einer langen Warteschlange die Zeit nutzte, um per Handy all ihren Weltschmerz inklusive aktueller Körperleiden laut und vernehmlich für die genervten Umherstehenden zu verkünden, fielen ein Bekannter und ich uns in die Arme und weinten ebenfalls laut und vernehmlich über all diesen nun öffentlich gewordenen Trübsinn mit Ausrufen a la „Ach Gott, ist das traurig!“, was später a) Szenenapplaus gab und b) dazu führte, dass die Dame die Schlange empört verließ. Die Handymanie nahm immer größere Ausmaße an. Bei mir gegenüber existiert eine kleine Brücke, auf der sich Menschen offenbar ungestört fühlen und Sätze wie „Jessi, diese scheiß Bitch“, „ich hau dem echt ein paar auf die Fresse“ oder „Typ, hab ich gesagt, ich bin voll abefuckt von dir“ brüllen. Offenbar ist bei einigen noch nicht angekommen, dass sich der Stand der Technik seit den 50ern verändert hat und man heute nicht mehr in den Hörer schreien muss. Nein, auch nicht bei Überseegesprächen! Warum kann man nicht wie bei den Rauchern schallgedämpfte Telefonierecken einrichten, wo man sich interaktiv-sprachlich die Kante geben kann? In letzter Zeit beobachte ich in meiner Umgebung immer wieder auf ihr Handy starrende Untote, die in zombieresker Weise Pokémons suchen oder jagen, hinter jedem Zaun „Schillernde Quapsel“ wähnen und dabei – falls sie überhaupt miteinander reden – dies in Fachchinesisch tun. Habe kürzlich noch zwei überfahren – beinah! Neulich, vor unserem Küchenfenster, lagen zwei Teenager auf der Straße, malträtierten fast heulend ihr smartes Phone und schrien Begriffe wie „verficktes Update“ und „Kack Software“ in die feierabendlichen Häuserschluchten. Gut, wenigstens kommen die kleinen Racker so an die frische Luft. Und dann noch meine Lieblingsgeschichte. Eine Reisende in einem Intercity war genervt von den ganzen lauten Telefonaten der krawattierten Jungmanager und in Kostüme gezwängten Betriebswirtinnen. Kurzerhand nahm sie all die Soundschnipsel auf und spielte sie mit größter Lautstärke ab, als sich die Wichtigtuer zu ihrem telefonierfreien Mittagsnickerchen bequem gemacht hatten. So geht Rache!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Das tragische Paradox des Abgleitens in den Autoritarismus über Wahlen besteht darin, dass die Mörder der Demokratie deren eigene Institutionen benutzen, um sie zu töten – schrittwiese, fast unmerklich und ganz legal.

(Selvitsky, Ziblatt)

Ausgabe 12-19

Anarchie (Foto Arnold Illhardt)

anarchy in Telgte

Arnold Illhardt (Telgte)

Anarchie – um es gleich zu Beginn klar zustellen – ist eine Gesellschaftsform mit minimaler Gewaltausübung durch Institutionen und maximaler Selbstverantwortung des Einzelnen. Also kurz: Ordnung ohne Macht, Und damit ist sie, wie ich finde, die Königin unter den gesellschaftlichen Formen – wären nicht auch Königinnen an sich blöd und die Menschen unfähig, ein solches System auf Dauer – sagen wir länger als die Halbwertszeit eines facebook-Eintrags – mitzutragen. Natürlich stellt die Anarchie damit ein derbe Gefahr für die ebenfalls ganz okaye Form der Demokratie dar, die ja in Wirklichkeit eher so eine Art Schummeldemokratie ist (außer man findet Lobbyismus, politische Alleingänge, Hinterzimmerabsprachen, Nichteinbeziehen der Wähler und parteiaffine Beeinflussung der Medien demokratisch). Von rechts bis links, was – wie ich finde – völlig überholte Begriffe sind (ich bin z.B. „oben“), lässt man keinen Moment aus, um z.B. bei eskalierenden Situationen auf Demos oder Widerstandsaktionen von anarchistischen Zuständen zu sprechen. Der Volksmund, befeuert durch Medien und scheinschlaue Politiker, sieht Anarchie vor allem in Verbindung mit gesellschaftlicher Unordnung, Gewaltherrschaft und Gesetzlosigkeit. Guten Morgen, nicht in SoWi aufgepasst.

Nun entdeckte ich in der örtlichen Drogerie (super Begriff) meines Vertrauens das Deodorant anarchy von Axe und dachte, warte Menschheit, ab heute wird alles anders mit dieser entsetzlich langweiligen gesellschaftlichen Ordnung. Ich sprühte mir den Duft unter meine schweißtreibenden Männerarme, wedelte ein bisschen wie eine Windmühle auf Acid und präsentierte mich in lasziver Weise meiner Frau. Ich selbst finde ja, dass AXE immer ein bisschen nach geschmorten Bullenhoden riecht (ich meine natürlich die Körperteile von männlichen geschlechtsreifen und unkastrierten Hausrindern).  Es dauerte nicht lange und mein holdes Eheweib nahm den Geruch von Freiheit, Abenteuer und grenzenlosen Begehrens auf. Es war ein Rausch der Sinne und unser grüner Hinterhof erinnerte alsbald an das Triptychon „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch. Die Westfälischen Nachrichten berichteten über dieses nicht unbemerkt gebliebene Treiben tags darauf mit einer 12teiligen Fotostory und der reißerischen Überschrift „Anarchie an der Ems. Telgte zieht blank!“ Rossmann und DM verzeichneten schon einen Tag später eine reißende Abnahme des Herrendufts anarchy von AXE und Telgte entwickelt sich zum Mekka der sinnlichen Anarchie an den Gestaden des dunklen Flusses: Ein wildes Treiben mit glücklichen Paaren jeglichen Geschlechtes in lustvoller Trunkenheit. Es gab in Telgte Kamasutra-Kurse im Bürgerhaus, die Graswurzelrevolution mit Lokalteil wurde zur Tageszeitung und die Apotheken verteilten Cannabis auf lau. Dann stand der Tag bevor, dass das Rathaus gestürmt werden sollte, um es ab sofort in ein autonomes Kulturzentrum umzuwandeln. Daraus wurde nix. Der Staatsschutz setzte Sondertruppen ein, es wurde von Hubschraubern Hängulin über die Bewohner gesprüht und der Nordrheinwestfälische Innenminister persönlich besuchte die Emsstadt, um in gewohnt einfältiger Weise die Rückkehr der Schmunzeldemokratie in die hingehaltenen Mikrofone zu verkünden. „anarchy“ wurde verboten und Kölnisch Wasser als Zwangsbeduftung eingeführt. Hans Magnus Enzensberger verfasste zeitnah seinen Nachfolgeroman: Der kurze Sommer mit anarchy und an unserem Haus wurde eine Gedenktafel angebracht: Anarchie wäre fast machbar, Herr Nachbar, was aber später auf Geheiß der CDU und der FDP, die ja nur scheinliberal ist, wieder entfernt wurde. Wir denken gern daran zurück und lachen uns dabei eins ins Fäustchen. Denn das Ganze war nur als PR-Gag gedacht, um die Klickzahlen auf unseren fb-account zu erhöhen! Anarchie herrscht bei uns auch ohne Deo!

Politischer Fußball

Arnold Illhardt (Telgte)

Auch wenn ich Fußball in etwa so spannend finde wie den Hosenlatz von Horst Seehofer, weiß ich natürlich, dass es Schalke04, FC Bayern München, BVB oder FC St. Pauli gibt. Würde ich mich für Fußball interessieren, entschied ich mich vermutlich für eine Mannschaft, wo nur Leute aus dem entsprechenden Ort mitspielen, sonst macht es ja keinen Sinn, eine Mannschaft z.B. Borussia Dortmund zu nennen, sondern z.B. „Eingekaufte Spielervereinigung, die zufällig im Dortmunder Signal Iduna Station kickt“. Nun haben ja alle Mann- oder Damenschaften einen untrüglichen gemeinsamen Nenner: Sie spielen Fußball. Trotzdem gibt es kognitiv minderbemittelte Menschen, die sich die Rübe einschlagen, weil sie die Fans der anderen Mannschaft blöd finden. Glückwunsch – es ist vermutlich eines der Gründe mit, warum man ständig auf anderen Planeten nach Intelligenz sucht. Ach genau, und beim Fußball geht es um Spaß! Komisch eigentlich, dass dort so wenig gelacht wird.

Nun ist das ja mit den vielen Parteien, die es so gibt, in gewisser Weise ähnlich. Nur, dass bei denen der Spaß aufhört. Ihre Gemeinsamkeit sollte sein (mir ist schon klar, dass es das meist nicht ist), Politik zu machen, was ja so viel bedeutet wie, die wichtigen Dinge des Volkes zu regeln. Als neulich Wahlen stattfanden, ging es um mögliche Koalitionen und ich verfolgte gespannt, wie allen Ernstes Überlegungen angestellt wurden a la „wenn wir mit Partei XY zusammengehen, wäre so auch das Thema Umweltschutz abgedeckt.“ Oder: „Mit der Partei YZ werden auch die Belange der Arbeiter berücksichtigt.“ Mir ging, auch wenn ich eher selten Hüte trage, die Schnur selbiger hoch. Jetzt mal ohne Scheiß: Sollte nicht JEDE Partei – einer gewissen humanen Logik folgend – Aspekte in ihrem Programm fett eingetragen haben wie: Gleichheit und Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder, Menschenrechte, Umwelt-, Klima und Tierschutz, Meinungsfreiheit, Arbeiterrechte, Friedenssicherung und was sonst noch so Selbstverständlichkeiten sind? Nein, es ist aber nicht so, es wird am Menschen vorbeiregiert, so als würde Schalke 04 plötzlich in der zweiten Halbzeit Gummitwist springen, anstatt zu pöhlen.

Wie gesagt, beim Fußball geht es ausschließlich um Spaß (auch wenn man nix davon merkt), bei der Parteipolitik geht es um UNS (wovon man ebenfalls nix merkt). Und übrigens nicht um ein höchstmögliches Befriedigen einer Machtelite bzw. der eigenen Profilneurose. Warum also Parteien mit obendrein unsäglicher Parteidisziplin und nicht ein heterogen zusammengesetzter, parteifreier Rat aus Fachleuten, der orientiert an dem größten gemeinsamen Nenner (wie z.B. im Manifest des Konvivialismus zusammengetragen), die Dinge des Volkes nach basisdemokratischer Manier (also Einbezug der Menschen) organisiert, plant und umsetzt? Vielleicht ist das der Grund, warum ich vage Sympathien für den FC St. Pauli hege!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Je weniger Informationen die Menschen in einer Demokratie erhalten, desto gefährdeter ist sie.

© Wolfgang J. Reus

Ausgabe 11-5/19

In dieser Ausgabe von Schreyben & Sehen klebt nur ein kleiner, handschriftlich verfasster Zettel. Schaut der Betrachter durch das Guckloch, ertönt Vogelgezwitscher. Die Aktion bezieht sich auf die allseits akzeptierte Scheintransparenz der Politik. Der überwiegende Teil der politischen Aktivitäten bleibt für die Bürger, für die das politische System gedacht ist, im Verborgenen. Auf diese Weise funktioniert ein Regieren an der Öffentlichkeit vorbei. Interessant, dass dies allgemein bekannt ist!!!

Der Aushang in dem Schaukasten an der Herrenstraße in Telgte wurde immer wieder zum Objekt des Interesses – mit Zustimmung und Kopfschütteln!

Ausgabe 11/19

Politik (Arnold Illhardt)

Doktorspiele!

Irgendwann las ich mal den netten Spruch, den ich allerdings nur noch sinngemäß auf dem Schirm habe: Fiele Manna (beschrieben wird Manna in der Bibel als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“) vom Himmel, benötigte es die Expertise zahlreicher Menschen mit Doktortitel, bis seine Essbarkeit glaubhaft bestätigt werden könne. Unabhängig von meiner fast 40jährigen Tätigkeit in diversen Krankenhäusern habe ich das Gefühl: Es wimmelt nur noch so von Personen mit Doktortiteln. Die jungen Psychologen, kaum der Uni entronnen, können es gar nicht abwarten, ihren Dipl-Psych. um ein Dr. zu erweitern. Es macht ungemein Eindruck und hebt die Körpergröße offenbar um etliche Zentimeter. Mir sind gar Ärzte untergekommen, die gar keinen Doktortitel besaßen, diesen aber fein auf ihrem Namensschildchen präsentierten. Meine Mutter bekam regelmäßig schwitzige Hände, wenn ein menschliches Wesen mit besagtem Titel vor ihr auftauchte. Ein wie auch immer gearteter Doktor kam bei ihr direkt hinter dem Pastor. In einer mir bekannten Stadt zerrissen sich doktorhörige Schwachstromdenker das Maul über einen Internisten ohne Titel, weil er ohne Dr. vor dem Namen nicht viel taugen könne. Ein Bekannter mit entsprechendem Zusatz aus zwei Buchstaben, wollte nicht zu einer Beerdigung kommen, weil sein Name auf der Trauerkarte ohne die Zusatzbuchstaben stand. Bei manchen Menschen wirkt der Doktor wie eine Art orthopädischer Stützstrumpf.

Als ich vor Jahren ein paar psychologische Doktorarbeiten im klinischen Bereich betreute, fragte mich –Doktortitellosen – die Professorin, ob ich nicht aufgrund meiner großen Erfahrung und spezialisierten Ausrichtung in Deutschland den Doktor gleich mit ablegen wolle. Ich verneinte, da ich auf eine Verdokterung keinen Wert legen würde, mir ein Dr. davor vermutlich eher unangenehm wäre und sich ja die Art meiner Tätigkeit durch den Zusatz nicht ändern würde. Ich glaube, sie war etwas eingeschnappt. Nun gibt es aber in den letzten Jahren ein Phänomen, das mich ratlos macht. Bei einem Vortrag auf einem Bundeskongress für Jugendmedizin wurde ich mit Prof. Dr. soundso vorgestellt. Meine Versuche, den Titel loszuwerden, blieben ergebnislos. Der Professor wurde mir sogar per Namensschild ans Revers gepappt. Und im Berufsalltag passiert es ständig, dass mir die Doktorwürde im Anschreiben eines Briefes und sogar vom hiesigen Schreibdienst verliehen wird. Nun meine Überlegung: Sollte man vielleicht ein neue Form von Doktor einführen? Wie wäre es mit Dr. vw Arnold Illhardt? Vw steht übrigens für verdienterweise … damit wäre alles ordnungsgemäß!

In der Plastikschredderei

Es war zu einer frühen Abendstunde auf dem Rückweg von der Arbeit, als ich mit meinem Wagen auf den Discounter-Parkplatz fuhr. Ich hatte den Zeitpunkt vorsorglich so gelegt, um möglichst wenig Menschen zu begegnen. Obschon ich weder die Fahrzeuge, geschweige denn die Kennzeichen meiner Freunde und Bekannten kenne, schaute ich mich dennoch um, ob irgendwo vertraute Fahrzeuge zu sehen waren. Die Luft war rein. Dann öffnete ich den Kofferraum und holte dort drei große, gefüllte Stoffbeutel – wohl gemerkt: Stoffbeutel!! – heraus. Ein letzter Blick über den Platz, dann betrat ich mit den Taschen den Eingangsbereich des örtlichen Getränkemarktes. Es waren kaum Kunden im Laden, die Kasse war unbesetzt und der Angestellte von der Pfandrückgabe wuselte beim Krombacher Bier (wer trinkt die Nestle-Brühe eigentlich noch?) herum. Ich nutzte die Chance, ungesehen den Plastikflaschenschredderer zu nutzen. Jetzt bloß nicht durch herunterfallende Flaschen auf mich aufmerksam machen; der Vorgang musste nahezu unbemerkt stattfinden. Nach und nach schob ich die Schwabbelplastikflaschen – bitte mit dem Flaschenboden zuerst – in das dafür vorgesehene Loch. Verdammt, ich war zu schnell, manche Behälter wurden postwendend zurückgeschickt. Meine Ungeduld überforderte die blöde Maschine. Und bei jeder Pulle dieses entsetzliche Schreddergeräusch. Krrrrkkkk. Plastikflaschenmassaker, dachte ich. Die ehemaligen Wasserbehältnisse waren für eine dienstliche Veranstaltung angeschafft worden und ich – wasserflaschennutzender Umweltfreak – war für die Pfandeinlösung vorgesehen. Hätte man dort nicht eine gewissenlosere Person auserwählen können? Meine Güte, diese Einwegflaschen waren nur für den Moment geschaffen, danach wurden die geschredderten Überreste in die Welt geschickt, weg von hier. Gab es überhaupt eine Verwendung, nachdem das Material entwertet worden war? Was davon, was soeben mit ohrenbetäubendem Lärm in die ewigen Müllgründe zerhexelt wurde, würde eines Tages im Meer für eine weitere Plastinierung sorgen? Ich drückte auf den grünen Knopf und ließ mir den Pfandbon ausdrucken. Geschafft! Hinter mir stand so ein Naturhasser mit zwei gelben Säcken voller Plastikflaschen. Ihm stand das „ist halt normal“ auf der Stirn geschrieben. Arschloch, dachte ich für einen Moment, aber – hey – ich hatte meine Unschuld verloren. Verdammte Gleichgültigkeit.

Alle Texte von Arnold Illhardt

.DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Die Lust am Untergang befriedigt ganz tiefe menschliche Sehnsüchte. Es ist so befreiend, wenn alles den Bach runtergeht.

(Ariadne von Schirach)