Ausgabe 11-5/19

In dieser Ausgabe von Schreyben & Sehen klebt nur ein kleiner, handschriftlich verfasster Zettel. Schaut der Betrachter durch das Guckloch, ertönt Vogelgezwitscher. Die Aktion bezieht sich auf die allseits akzeptierte Scheintransparenz der Politik. Der überwiegende Teil der politischen Aktivitäten bleibt für die Bürger, für die das politische System gedacht ist, im Verborgenen. Auf diese Weise funktioniert ein Regieren an der Öffentlichkeit vorbei. Interessant, dass dies allgemein bekannt ist!!!

Der Aushang in dem Schaukasten an der Herrenstraße in Telgte wurde immer wieder zum Objekt des Interesses – mit Zustimmung und Kopfschütteln!

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Ausgabe 11/19

Doktorspiele!

Irgendwann las ich mal den netten Spruch, den ich allerdings nur noch sinngemäß auf dem Schirm habe: Fiele Manna (beschrieben wird Manna in der Bibel als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“) vom Himmel, benötigte es die Expertise zahlreicher Menschen mit Doktortitel, bis seine Essbarkeit glaubhaft bestätigt werden könne. Unabhängig von meiner fast 40jährigen Tätigkeit in diversen Krankenhäusern habe ich das Gefühl: Es wimmelt nur noch so von Personen mit Doktortiteln. Die jungen Psychologen, kaum der Uni entronnen, können es gar nicht abwarten, ihren Dipl-Psych. um ein Dr. zu erweitern. Es macht ungemein Eindruck und hebt die Körpergröße offenbar um etliche Zentimeter. Mir sind gar Ärzte untergekommen, die gar keinen Doktortitel besaßen, diesen aber fein auf ihrem Namensschildchen präsentierten. Meine Mutter bekam regelmäßig schwitzige Hände, wenn ein menschliches Wesen mit besagtem Titel vor ihr auftauchte. Ein wie auch immer gearteter Doktor kam bei ihr direkt hinter dem Pastor. In einer mir bekannten Stadt zerrissen sich doktorhörige Schwachstromdenker das Maul über einen Internisten ohne Titel, weil er ohne Dr. vor dem Namen nicht viel taugen könne. Ein Bekannter mit entsprechendem Zusatz aus zwei Buchstaben, wollte nicht zu einer Beerdigung kommen, weil sein Name auf der Trauerkarte ohne die Zusatzbuchstaben stand. Bei manchen Menschen wirkt der Doktor wie eine Art orthopädischer Stützstrumpf.

Als ich vor Jahren ein paar psychologische Doktorarbeiten im klinischen Bereich betreute, fragte mich –Doktortitellosen – die Professorin, ob ich nicht aufgrund meiner großen Erfahrung und spezialisierten Ausrichtung in Deutschland den Doktor gleich mit ablegen wolle. Ich verneinte, da ich auf eine Verdokterung keinen Wert legen würde, mir ein Dr. davor vermutlich eher unangenehm wäre und sich ja die Art meiner Tätigkeit durch den Zusatz nicht ändern würde. Ich glaube, sie war etwas eingeschnappt. Nun gibt es aber in den letzten Jahren ein Phänomen, das mich ratlos macht. Bei einem Vortrag auf einem Bundeskongress für Jugendmedizin wurde ich mit Prof. Dr. soundso vorgestellt. Meine Versuche, den Titel loszuwerden, blieben ergebnislos. Der Professor wurde mir sogar per Namensschild ans Revers gepappt. Und im Berufsalltag passiert es ständig, dass mir die Doktorwürde im Anschreiben eines Briefes und sogar vom hiesigen Schreibdienst verliehen wird. Nun meine Überlegung: Sollte man vielleicht ein neue Form von Doktor einführen? Wie wäre es mit Dr. vw Arnold Illhardt? Vw steht übrigens für verdienterweise … damit wäre alles ordnungsgemäß!

In der Plastikschredderei

Es war zu einer frühen Abendstunde auf dem Rückweg von der Arbeit, als ich mit meinem Wagen auf den Discounter-Parkplatz fuhr. Ich hatte den Zeitpunkt vorsorglich so gelegt, um möglichst wenig Menschen zu begegnen. Obschon ich weder die Fahrzeuge, geschweige denn die Kennzeichen meiner Freunde und Bekannten kenne, schaute ich mich dennoch um, ob irgendwo vertraute Fahrzeuge zu sehen waren. Die Luft war rein. Dann öffnete ich den Kofferraum und holte dort drei große, gefüllte Stoffbeutel – wohl gemerkt: Stoffbeutel!! – heraus. Ein letzter Blick über den Platz, dann betrat ich mit den Taschen den Eingangsbereich des örtlichen Getränkemarktes. Es waren kaum Kunden im Laden, die Kasse war unbesetzt und der Angestellte von der Pfandrückgabe wuselte beim Krombacher Bier (wer trinkt die Nestle-Brühe eigentlich noch?) herum. Ich nutzte die Chance, ungesehen den Plastikflaschenschredderer zu nutzen. Jetzt bloß nicht durch herunterfallende Flaschen auf mich aufmerksam machen; der Vorgang musste nahezu unbemerkt stattfinden. Nach und nach schob ich die Schwabbelplastikflaschen – bitte mit dem Flaschenboden zuerst – in das dafür vorgesehene Loch. Verdammt, ich war zu schnell, manche Behälter wurden postwendend zurückgeschickt. Meine Ungeduld überforderte die blöde Maschine. Und bei jeder Pulle dieses entsetzliche Schreddergeräusch. Krrrrkkkk. Plastikflaschenmassaker, dachte ich. Die ehemaligen Wasserbehältnisse waren für eine dienstliche Veranstaltung angeschafft worden und ich – wasserflaschennutzender Umweltfreak – war für die Pfandeinlösung vorgesehen. Hätte man dort nicht eine gewissenlosere Person auserwählen können? Meine Güte, diese Einwegflaschen waren nur für den Moment geschaffen, danach wurden die geschredderten Überreste in die Welt geschickt, weg von hier. Gab es überhaupt eine Verwendung, nachdem das Material entwertet worden war? Was davon, was soeben mit ohrenbetäubendem Lärm in die ewigen Müllgründe zerhexelt wurde, würde eines Tages im Meer für eine weitere Plastinierung sorgen? Ich drückte auf den grünen Knopf und ließ mir den Pfandbon ausdrucken. Geschafft! Hinter mir stand so ein Naturhasser mit zwei gelben Säcken voller Plastikflaschen. Ihm stand das „ist halt normal“ auf der Stirn geschrieben. Arschloch, dachte ich für einen Moment, aber – hey – ich hatte meine Unschuld verloren. Verdammte Gleichgültigkeit.

Der politische Blick fürs Wesentliche

Neben meinem Leseplatz steht eine Holzkiste, die ich aus einem aufgelösten Schularchiv rekrutiert habe. Darin lagern unzählige Artikel, kopierte Texte, Zeitungsausrisse, sowie jede Menge Ungelesenes. Man weiß ja nie, wofür man all diese Berichte, Beschreibungen und Beobachtungen gesellschaftlicher und politischer Kakophonien noch gebrauchen kann. Machen wir uns nix vor: Unsere Erde und das Zusammenleben darauf befindet sich aufgrund seiner mehr als dämlichen Bewohner auf dem Abstiegstabellenplatz: Kriege, Rechtsradikalismus, Umweltzerstörung, Klimakatastrophen, Public Hating, um nur ein paar der menschlichen Schwarmbescheuertheiten zu nennen. Wenn man schon selbst die Welt nicht retten kann, dann hilfts möglicherweise, ihren Zustand in einer Holzkiste zu archivieren. So eine Art Ersatzhandlung. Und damit all das Desaster politisch gut verwaltet wird, vertraut man die Geschicke per Wahl einem Politkombinat an, von dem man im Grunde im Vorhinein weiß, dass sie vor allem regieren, statt zu reagieren. Neulich las ich einen dieser passenden Sinnsprüche zur rechten Zeit: ”ICH HABE DAS MIT DEN MENSCHEN WIRKLICH VERSUCHT. ICH MÖCHTE JETZT BITTE AUF MEINEN WAHREN HEIMATPLANETEN.“ Ganz mein Denken!

Gestern habe ich den Inhalt meiner Holzkiste nahezu entrümpelt. Ein paar Kilo totes Holz! Ich denke, es gibt Entwarnung. Unsere Regierung und hier zuvorderst AKK, bei der mir – warum auch immer – das alte Graffiti „AUCH FÜR DU – CDU“ einfällt, haben die wichtigen und dringend notwendigen Dinge zur gesellschaftlichen und ökologischen Kehrtwende durch schwerwiegende Entscheidungen in die Hand genommen: Soldaten dürfen jetzt für lau Zug fahren. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt.

Alle Texte von Arnold Illhardt

.DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Die Lust am Untergang befriedigt ganz tiefe menschliche Sehnsüchte. Es ist so befreiend, wenn alles den Bach runtergeht.

(Ariadne von Schirach)11-19

Ausgabe 10/19

Alle Texte von Arnold Illhardt

Nix ist mehr selbstverständlich!

Ich bin kein Kirchgänger und daher natürlich nicht sonderlich versiert in den weihrauchgeschwängerten Dingen. Aber mal abgesehen von Erfahrungen auf Beerdigungsandachten und Hochzeitsmessen drängt sich mir eine deutliche Veränderung auf: Nichts ist so >unsicher<, wie das AMEN in der Kirche. Für absolute Religionsanalphabeten: Mit dem in die Kirche hineingerufenen Wort AMEN bestätigte die Gemeinde früher, dass sie das vom Pastor vorher Gesagte verstanden hat, womöglich gut heißt und – was ja vor allem bei zunehmender Veralterung der Kirchgänger nicht unwichtig ist – auch gehört hat. Und da früher das AMEN eine Art Selbstverständlichkeit war, wurde das „So-sicher-wie-das-AMEN-in-der-Kirche“ zu einer Art allgemeinem Sinnspruch. Genauso – sagen wir – wie: In der Ruhe liegt die Kraft (was ja auch ausgedient hat). Die Gläubigen scheinen nur noch widerwillig vom AMEN Gebrauch zu machen; es hört sich eher wie ein erbärmlich hingeknödeltes Grunzen an.

Es ist ein Zeichen dieser Zeit – Kirche hin, Kirche her – dass gar nichts mehr selbstverständlich ist. Ich will hier nicht in den Früher-War-Alles-Besser-Modus verfallen, weil es zudem auch gar nicht stimmt, aber ich finde, unsere Gesellschaft tendiert seit Jahren in grassierender Weise zu einer echten Arschlochgemeinschaft (der kleine, aber feine Körperteil mag seine Verwendung als Schimpfwort entschuldigen!). Nichts, rein gar nichts, scheint noch in irgendeiner Weise Bedeutung zu haben und mir kommt es inzwischen nicht nur aus den Ohren heraus, wenn das vermeintlich mir übergeordnete System von wie auch immer gearteten Werten faselt. War es früher noch menschlich (man musste gar nicht drüber reden!), Menschen in Not zu retten, kommt es heute darauf an, woher die Menschen stammen und welche Hautfarbe sie haben. Während früher Antifaschismus Ehrensache war, wird es heute von der parteipolitischen Elitetruppe und ihren Schleimschleckern als kriminell gebrandmarkt.

Das was früher sozial, menschlich, christlich, fürsorglich, eben selbstverständlich war, wird heute entweder geringschätzend als „gutmenschlich“ belächelt, oder als linksextremistisch bezeichnet. Und die hochnotpeinlichen Konservativlinge aus den Kartellparteien dienen sich als Cheerleader der neuen Faschismusbewegung in Deutschland an, indem sie wie dressierte Pudel zu völkischen Klängen tanzen. Mit dem Wissen um diese längst nicht mehr schleichende Entdemokratisierung und Entmenschlichung sollten wir den RECHTSsstaat konfrontieren, wo es nur geht.

Möge es unzählige wütende Greta´s für alle Bereiche des menschlichen Lebens geben. AMEN!

Amazon – Konkurrenz verwest das Geschäft

Vor einiger Zeit ließ ich mich in einem kleinen Vortrag zur Eröffnung einer eigenen Ausstellung in nicht sehr schmeichelhafter Weise über Amazon aus. Ein Zuhörer, eigentlich ein kritischer Geist, kam zu mir und beschwerte sich. Amazon sei nicht nur schlecht, sondern er könne seine sehr speziellen CDs, die er in Münster nicht bekäme, so leichter über den Versandgiganten beziehen. Auf meine Frage, ob die Tatsache, dass er seine Musik eben nicht in MS bekäme, eventuell auch etwas mit den Geschäftsgebaren von Amazon zu tun habe, brachte ihn ins Grübeln. Wer schon mal in dem westfälischen Kleinstädtchen Harsewinkel war, weiß wovon ich rede: Ganze Geschäftszeilen sterben aus, weil die Menschen in ihrer unermesslichen Bequemlichkeit, sich den Rotz lieber zuschicken lassen, als dafür in ein Fachgeschäft zu gehen. Als ich eine Buchverkäuferin darauf ansprach, reagierte sie eher verärgert über meine mehr als ausgeprägte Ablehnung bezüglich Amazon. Man könne doch von dem Versand lernen und eben nach neuen Verkaufsstrategien im Online-Sektor nachdenken. Und ein Bekannter, von Hause aus Betriebswirt, wird nicht müde, von Konkurrenz-belebt-das-Geschäft zu faseln. Amazon ist keine Konkurrenz; Amazon ist eine megakapitalistische Form der Monopolisierung. Womit wir wieder bei dem Thema Gleichgültigkeit sind.

Gestern stieß ich bei der „Informationsweglasssendung“ Tagesschau auf einen Beitrag über das 25jährige Bestehen des amerikanischen Unternehmens. Liest man diesen Beitrag drängt sich das Gefühl auf, der Einkauf bei Amazon sei auf jeden Fall o.k.: „Klicken, kaufen, liefern lassen. Entspannt von zu Hause aus. Ohne Menschenmengen, durch die man sich kämpfen muss, ohne Schlange stehen an der Kasse“. Und Jeff Bezos, Chef des Imperiums, der sich mit seiner anfänglichen Garagenidee hochgearbeitet hat, wird als großer Held gefeiert. Aber keine Wort über schlecht bezahlte und hochgestresste Mitarbeiter ohne gewerkschaftliche Anbindung (bezieht sich auch auf die Transportunternehmen wie DPD, GLS, UPS etc.) oder Umweltbelastungen hoch 10 durch Verpackungsmaterial und Transport. Schon mal überlegt, wo der ganze Kisten- und Kartonscheiß bleibt? Das dies keine Sau mehr interessiert ist klar, aber warum wird nicht erwähnt, dass das Unternehmen im vergangenen Jahr auf Gewinne von 11,2 Milliarden Dollar offenbar keine Steuern gezahlt hat. Alle motzen über die finanzielle Bevorzugung der Reichen „da oben“, spülen ihnen aber mit z.T. schier überflüssigen Bestellungen das Geld in die Kassen. Ich feiere heute meinen 25jährigen Boykott von Amazon, Zalando & Co. Und hey: Ich vermisse nix! Prost!

Ab auf die Straße

Gestern stieß ich bei der „Informationsweglasssendung“ Tagesschau auf einen Beitrag über das 25jährige Bestehen des amerikanischen Unternehmens. Liest man diesen Beitrag drängt sich das Gefühl auf, der Einkauf bei Amazon sei auf jeden Fall o.k.: „Klicken, kaufen, liefern lassen. Entspannt von zu Hause aus. Ohne Menschenmengen, durch die man sich kämpfen muss, ohne Schlange stehen an der Kasse“. Und Jeff Bezos, Chef des Imperiums, der sich mit seiner anfänglichen Garagenidee hochgearbeitet hat, wird als großer Held gefeiert. Aber keine Wort über schlecht bezahlte und hochgestresste Mitarbeiter ohne gewerkschaftliche Anbindung (bezieht sich auch auf die Transportunternehmen wie DPD, GLS, UPS etc.) oder Umweltbelastungen hoch 10 durch Verpackungsmaterial und Transport. Schon mal überlegt, wo der ganze Kisten- und Kartonscheiß bleibt? Das dies keine Sau mehr interessiert ist klar, aber warum wird nicht erwähnt, dass das Unternehmen im vergangenen Jahr auf Gewinne von 11,2 Milliarden Dollar offenbar keine Steuern gezahlt hat. Alle motzen über die finanzielle Bevorzugung der Reichen „da oben“, spülen ihnen aber mit z.T. schier überflüssigen Bestellungen das Geld in die Kassen. Ich feiere heute meinen 25jährigen Boykott von Amazon, Zalando & Co. Und hey: Ich vermisse nix! Prost!

Unsere kleine Enkelin (6 Jahre – fragt man sie, ist sie eigentlich 7) macht eine Woche Urlaub bei uns in Telgte. Da die deutschen Frauen aktuell aus der Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden sind, ging ich mit ihr auf die Straße vor unserem Haus, um ne Partie Fußball zu spielen. Sportliche Früherziehung! Nun finde ich im wahren Leben zwar Fußball so uninteressant wie ein 3-stündiges Live-Konzert von Phil Collins (wer mich kennt, weiß, was das bedeutet), aber die wesentlichen kickertechnischen Kernbegriffe kenne ich natürlich auch: Blutgrätsche, Foul-Elfmeter, „Schiri, ich weiß wo dein Auto steht“ und nach dem Spiel gegnerische Fans verkloppen. Meine Enkelin war skeptisch, da auf unserer Straße – Einbahnstraße!!! – Autos fahren. Dort wo sie wohnt, ist das Betreten der Straße (eine 50km Zone) schon lebensgefährlich, da ständig Menschen, die chronisch untervögelt sind, AfD wählen oder Aggressionsstaus mit sich rumschleppen (ich vermute, dass hier eine Kombination vorliegt), wie frisch kastrierte Wildschweine über die Straße brettern. Ich erklärte ihr, dass Autofahrer viel zu viele Rechte hätten und wir uns die Straße zurückerobern müssten. Unter der Asphaltdecke liegt der Strand. Oder so ähnlich!

Schon nach den ersten Ballkontakten schob sich eine ältere Dame mit ihrem Boliden an uns vorbei. Ihre Physiognomie hat eh schon immer was von einem Bullmastiffs, angesichts der Straßenokkupation schaute sie noch ne Ecke biestiger. Die Tatsache, das Fahrtempo drosseln zu müssen, schien einige Zeitgenossen tatsächlich nicht zu amüsieren. Statt freundlicher Blicke, wenn ich sie als Seniorfußballer lächelnd vorbeiwinkte, schauten sie bräsig aus der Wäsche, als wollte ich ihnen Wegezoll abverlangen. Nach der ersten Halbzeit kam unser netter Nachbar vor die Haustür. Mensch, das sei ja wie früher, meinte der geborene Telgter. Früher wurde auf der Herrenstraße ständig Fußball gespielt und er zählte die Namen der Hobbykicker aus den Nachbarhäusern auf. Ja, und auch er meinte, dass es schade sei, dass die Straßen nur noch den Autos gehörten, alles zugeparkt sei und mit einer Selbstverständlichkeit die Vorfahrt beansprucht würde. Das war eines dieser Momente, wo mir klar wurde, dass etwas entsetzlich aus dem Ruder gelaufen ist, weil mal wieder keiner aufgepasst hat. Ich plädiere für mehr blechkistenfreie Städte und Fuß-, Feder- und Völkerballfelder auf dem Asphalt. Wenn meine Enkelin älter ist, werde ich mit ihr mal über Straßenbesetzungen nachdenken. Ich spüre da eine gewisse aufkeimende Seelenverwandtschaft!

Denkbar

Seit 2010 befindet sich in der Herrenstraße Telgte die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten

Die verrückte und kranke Welt des weißen Mannes. Vieles ist töricht an eurer sogenannten Zivilisation. Wie Verrückte lauft ihr weißen Menschen dem Geld nach, bis ihr so viel habt, dass ihr gar nicht lange genug leben könnt, um es auszugeben. Ihr plündert die Wälder, ich schlachtet Tiere ab, ihr verschwendet die natürlichen Brennstoffe, als kämen nach euch keine Generationen mehr, die all dies ebenfalls brauchen. Die ganze Zeit redet ihr von einer besseren Welt, während ihr immer größere Bomben baut, um jene Welt, die ihr habt, zu zerstören. (Tatanga Mani)

Ausgabe 9-19

Zwei Arten von Flüchtlingen

Jürgen Buxbaum (Telgte)

Abgesehen von denen, die vor Verfolgung und Unterdrückung fliehen, gibt es zwei Arten von Flüchtlingen. Beide sind auf verschiedene Weise „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Die einen sind viele, die anderen wenige. Die einen möchten gern kommen, die anderen gern bleiben. Die einen fliehen vor aller Augen, die anderen versteckt und heimlich. Die einen haben nichts und hoffen auf eine bessere Zukunft. Die anderen haben viel und dennoch nicht genug. Die einen bezahlen kriminelle Schleuser, die anderen ehrenwerte Anwälte und Politiker. Wenn sie Fuß gefasst haben, tragen die einen zum Wohlstand ihrer neuen Gesellschaft bei. Die anderen profitieren vom Wohlstand ihrer Gesellschaft und bestehlen sie. Die einen sind Fremde und nicht gern gesehen. Die anderen sind wohlbekannt und geachtet. Für die einen gibt es Gesetze, die ihnen das Leben sauer machen. Für die anderen solche, die ihre Flucht ermöglichen und erleichtern. Die einen können auf der Flucht ums Leben kommen. Die anderen können am vergoldeten Schnitzel ersticken oder im Champagner ertrinken. Die einen fürchten sich vor dem Hass von Einheimischen. Bei den anderen drücken Einheimische oft ein Auge zu. Die einen bringen das Einzige mit, das sie haben, Willen und Mut etwas aufzubauen. Die anderen bringen das Wichtigste weg, das sie haben, Geld. Die einen sind arm, weil die anderen reich sind. Sie kennen einander nicht, aber sie haben miteinander zu tun. Die einen nennt man Armutsflüchtlinge oder Arbeitsmigranten, die anderen nennt man Steuerflüchtlinge.

Würde man den Steuerflüchtlingen ihre Fluchtlöcher stopfen, denen, die ihren Reichtum durch der Hände Arbeit anderer erworben haben, Firmen und Konzerne, Film- und  Fußballstars, reiche Erben, Aktienbesitzer, Immobilienhaie und ihre Diener, fehlte es wohl nicht an Mitteln, um den Armutsflüchtlingen einen Start in ein neues Leben zu ermöglichen – oder besser: Würde der Reichtum der einen den Menschen der armen Länder gehören, brauchten die anderen vielleicht gar nicht zu fliehen.

P.s. Steuerhinterzieher und -vermeider betrügen uns um etwa 1000 Milliarden Euro – jedes Jahr und allein in der EU! Das ist das Fünffache des EU-Haushaltes.

J_buxbaum@hotmail.com

19.06.2019

Flauschige Gleichgültigkeit

Arnold Illhardt (Telgte)

Ich hab´s noch genau vor Augen, obschon die Werbung mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Eine klassische Hausfrau mit Schürze und Dauerwelle steht vor ihrem Berg mit Wäsche. Eine Stimme aus dem Off: „Jetzt meldet sich dein Gewissen.“ Die Hausfrau tritt aus sich heraus und führt eine Konversation mit ihrem Gewissen. „Die Bademäntel sind nicht weich genug!“ „Aber“, wirft die Hausfrau verzweifelt ein, „ich wasche doch immer sorgfältig!“ „Genügt nicht! Du musst Lenor nehmen!“ Und da die Menschen stets ihrem Gewissen folgen (kleiner Scherz), kommt ab sofort Lenor in den letzten Waschgang und alle, sogar der Ehemann, sind zufrieden und fühlen sich in ihren Klamotten so kuschelig. Hausfrau zufrieden, Procter & Gamble auch.

Doch warum ist die Wäsche so weich und lässt sich ab sofort besser bügeln, so dass das Bügeleisen nur so über Vatis T-Shirts schliddert? Weil den Weichspülern kationische Tenside zugesetzt werden, die teilweise aus tierischen Fetten, also aus Schlachtabfällen hergestellt werden. Also aus Schweinenasen, Hühnerherzen, Rinderlungen und endlich finden auch die Millionen geschredderten Küken ein neues Zuhause. Dass der so gebildete Fettfilm die Waschmaschinen schädigt, Duftstoffe und Lösemittel allergische Reaktionen hervorrufen können, manche Zusatzstoffe sogar zur Zeugungsunfähigkeit führen und der Einsatz von Weichspülern bei der nächsten Wäsche einen entsprechend erhöhten Waschmittelverbrauch notwendig macht – geschenkt. Und Tiere – jedenfalls einige – sind eh nur Nutzmaterial!

Das SWR- Fernsehen konfrontierte Menschen auf der Straße mit der Frage, ob sie Weichspüler benutzen. Viele bejahten und waren betroffen, als sie hörten, welchen Unfug sie sich antun und was als Bestandteil in Kuschelweich im früher lebendigen Zustand so kreuchte und fleuchte. Nur eine junge Frau, und ihre Stimme erinnert so ein bisschen an Frank Zappa´s „Wet T-Shirt Night“, flötete in die Kamera, sie benutze weiter Weichspüler, weil sie weiche Wäsche toll fände. Kicher! Und in diesem Moment hatte ich so etwas wie eine Eingebung. Mir wurde nämlich endlich klar, wie es sein kann, dass Menschen Trump, Orbán oder Gauweiler wählen. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Gleichgültigkeit!

Lösung: Gelebtes Leben

Arnold Illhardt (Telgte)

Neulich schickte mir jemand eines dieser schlecht gemachten Videos mit alltagsphilosophischem Hintergrund zu. Es ging dabei um eine Geschichte und eine abschließende Frage, die sinngemäß in etwa so lautete: Du fährst mit deinem Auto durch ein total schlimmes Unwetter und kommst an einer einsamen Bushaltestelle vorbei. Dort stehen eine hübsche junge Frau = Traumfrau (wohl nur eine Aufgabe für Heteromänner! Und ob die hübsche Frau auch nett ist, schien keine Rolle zu spielen), ein alter Freund und eine sehr gebrechliche alte Dame. Du kannst nur eine Person in deinem Auto mitnehmen. Nimmst du die hübsche Frau mit, wird das eine Liebesbeziehung fürs Leben. Der alte Freund, der dir irgendwann mal das Leben gerettet hat, hat bei dir noch was gut. Und die alte Dame muss dringend ins Krankenhaus, weil sie sonst nicht überleben würde. Wen also, so die Frage, nimmst du in deinem Auto mit? Die zum Schluss eingeblendete Lösung lautete: Gib deinem Freund die Schlüssel fürs Auto und lass ihn die alte Dame ins Krankenhaus bringen. Dann warte mit der hübschen Frau zusammen auf den Bus … Aha!

Die Geschichte hinkt natürlich an ziemlich vielen Stellen, aber ich kam dann doch zu einer anderen Lösung. Die Traumfrau fürs Leben habe ich schon und meine wirklichen Freunde sind so gestrickt, dass sie der alten Dame ins Auto helfen würden, damit ich sie in die Klinik bringen kann. Das war einer der Momente, wo mir klar wurde, was für ein gelebtes Leben ich führe. Der Rest wäre Klagen auf hohem Niveau.

DENKBAR

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Ausgabe 8-19

alle Texte von Arnold Illhardt

Kraftort Telgte

Wir befanden uns in einem dieser spirituellen Räucherstäbchen-, Totenkopf- und Silberkettchenläden in Glastonbury (England), unter Eingeweihten auch als Avalon bekannt. Die amulettbehängte Verkäuferin mit dem Aussehen einer orientalischen Priesterin strahlt uns mit einem alltagsentrückten Lächeln an, als wir ihr erzählten, dass wir am Morgen den Glastonbury Tor bestiegen haben. Auf diesem beturmten Hügel, so die Artussage, soll sich das Tor zu Avolon, dem Land der Feen, befinden und damit gilt dieser Platz als Kraftort. „Und“, fragte sie und fasste sich theatralisch an ihr üppig bebustes Herz, „hat es bei euch boom, boom, boom gemacht?“ Natürlich fragte sie das in Englisch, wo sich boom, boom, boom übrigens genauso anhört wie im Deutschen und es ist kein Zufall, dass man an Peter Gabriel´s Salisbury Hill erinnert wird (My heart going boom, boom, boom…Gabriel war allerdings auf einem anderen Hügel). Wir müssen wohl wie hypnotisierte Eichhörnchen geschaut haben. Ok, es war ganz nett oben auf den Glastonbury Tor und vermutlich haben wir dort wie richtige Münsterländer unser mitgebrachtes Bütterchen gemümmelt und metaphysisch rumgeknutscht, aber boom, boom, boom hat´s nicht gemacht. Jedenfalls nicht avolonmäßig. Sichtbare Enttäuschung bei dem patschulisierten Rauschgoldengel.

Wie ich auf Glastonbury komme? Telgte wurde aktuell von der stadteigenen Beauftragten für Spiritualität und Geistlichkeit ebenfalls als Kraftort auserkoren. Mir war das unabhängig von den drei oder vier existierenden Muckibuden in der Emsstadt schon lange klar. Wer wie wir am Fluss wohnt, merkt spätestens nach der ersten nächtens am Wasser geleerten geleerten Flasche Nero d´Avola, dass hier übernatürliche Kräfte freigesetzt werden. Aktuell plant man jede Menge Events, um den Kraftort Telgte für jedermann spürbar zu machen. Nur habe ich die Sorge, dass ich wieder kein boom, boom, boom mitkriege und man mich als abgestumpftes, haariges Männerwesen tituliert. Daher überlege ich, ob ich nicht wenigstens mitmache, wenn im Dümmert bei Mondschein rituelle Fruchtbarkeitstänze zelebriert werden. Aber vielleicht muss ich auch einfach meine Musik im Wohnzimmer leiser drehen. Vielleicht … ganz leise …boom … geht da doch was!

Telgte und der Klimanotstand

Telgte hat den Klimanotstand ausgerufen. Und das ist gut so! Nun überschlagen sich natürlich die lokalen Hobbyklimawissenschaftler und Klimaskeptiker mit sinnfreien Kommentaren und Tiraden, sowie Zitaten aus Veröffentlichungen verschwurbelter Anologmeinungsträger. Vor allem die Damen und Herren orange-schwarzer und blau-brauner Provenienz, denen vermutlich alles Schützenswerte am Arsch vorbeigeht, liegen ganz vorn im Rennen: Nicht der Mensch ist verantwortlich für Klimaveränderungen, so ihr verbales Ausdünsten, sondern die Natur selbst. Meist sind ihre kognitionsakrobatischen Aussagen mit Erleuchtungsrückständen a la „grüne Panikmache“ und „Meinungsdiktatur“ verbunden.

Nun gehen wir mal davon aus, die schwarz-braunen Nörgelpötte hätten Recht und das Klima würde sich sowieso mit Eisbergschmelzen, Hitzeperioden und selbstinduzierten Waldrodungen bemerkbar machen: Hieße das, es sollte uns scheißegal sein, wie wir mit dem Rest umgehen? Sollte es Null Rolle spielen, wie viele Abgase wir in den Äther pusten, wie wir unsere Meere verschmutzen oder wie wir Raubbau an der Erde treiben? Das wäre ALLES völlig egal??

Ein wenn auch ansonsten grottendämlicher Medizinprofessor sagte mal in meiner Anwesenheit, ein kluger Fuchs scheißt selten in den eigenen Bau. Ich glaube, es gibt kaum einen dämlicheren Fuchs als den Menschen – bei dem bleibt es nämlich nicht beim Scheißen!

Menschen und Idioten

 „Einmal die Drei!“ Die etwas stämmige Frau hinter der Kasse schenkt mir wie bei jedem Besuch ihr Ganzkörperlächeln. „Na, Feierabend“, strahlt sie mich an, „ist aber wieder mal spät geworden.“ Ich nicke ihr zu und mache eine scherzhafte Bemerkung. „Vielleicht noch was Süßes für unterwegs?“ Sie kennt meine Schwäche für Bountys. „Ne“, sage ich und verweise auf mein sichtbares Gewichtsproblem. „Dann machen sie sich mal einen schönen Abend“, ruft sie mir beim Rausgehen zu. Immer wieder mal werde ich an den Ausspruch einer guten Bekannten erinnert, 50 Prozent der Menschen seien Idioten. Sie drückte es drastischer aus. Ich widersprach ihr nicht. In einem Roman von Sven Regener, den ich neulich las, wurde die Zahl gar auf 70 aufgestockt. Meistens reicht eine längere Autofahrt, ein Frühstück in einem Hotel oder eine Stunde auf facebook, um die Hypothese zu verifizieren. Zum Glück gibt’s die Tankstelle in Alverskirchen, um die Zuversicht zu retten.

Die Spießigkeit des Metalheads

In der Musikzeitschrift „Rolling Stone“ (Springer-Verlag!!!) las ich den Bericht, dass Teens, die in den 80ern Metal von Bands wie Slayer, Megadeath oder Iron Maidon hörten, heute glückliche Spießer sind. Die Betonung liegt auf der Vergangenheitsform „hörten“, denn offenbar scheinen viele sogenannte Metalheads mit dem Eintritt ins 30. Lebensjahr und der damit einhergehenden Lebensverödung diese musikalische Vorliebe komplett abzulegen. Verräter! Nun mache ich mir Sorgen, da ich in jungen Jahren eher Jazzrock, Funk, Rock/Bluesrock und Independentmucke gehört habe und erst in den letzten 10 Jahren, also im Vorunruhestand, meine Leidenschaft für die Extrembereiche der Rockmusik = Death-/Black-Metal & Co entdeckt habe. Ich stehe ja beim Duschen auch nicht nur unter fünf Strahlen. Tritt bei mir die glückliche Spießigkeit jetzt erst im hohen Rentenalter ein oder werde ich mit 80 – Death-Metal sei Dank – einfach nur glücklich, aber unspießig sein? Nachdenklich machte mich allerdings das Ende des Artikels: „Nicht selten bleiben Metal-Fans … ein Leben lang der Musik ihrer Jugend verbunden. Und trotzdem gehen sie auf Kreuzfahrten, leben vegan und unterstützen Demos gegen die fahrlässige Klima-Politik. Glückliche Spießer eben.“ What the fuck ist an veganem Leben und Anti-Klima-Demos spießig? Vermutlich war der Springer-Schreiberling wieder so ein SUVistischer Kadaver-Esser mit Metallica-T-Shirt. Ach herrlich, diese Klischees!

…ich in jungen Jahren eher Jazzrock, Funk, Rock/Bluesrock und Independentmucke gehört habe und erst in den letzten 10 Jahren, also im Vorunruhestand, meine Leidenschaft für die Extrembereiche der Rockmusik = Death-/Black-Metal & Co entdeckt habe. Ich stehe ja beim Duschen auch nicht nur unter fünf Strahlen. Tritt bei mir die glückliche Spießigkeit jetzt erst im hohen Rentenalter ein oder werde ich mit 80 – Death-Metal sei Dank – einfach nur glücklich, aber unspießig sein? Nachdenklich machte mich allerdings das Ende des Artikels: „Nicht selten bleiben Metal-Fans … ein Leben lang der Musik ihrer Jugend verbunden. Und trotzdem gehen sie auf Kreuzfahrten, leben vegan und unterstützen Demos gegen die fahrlässige Klima-Politik. Glückliche Spießer eben.“ What the fuck ist an veganem Leben und Anti-Klima-Demos spießig? Vermutlich war der Springer-Schreiberling wieder so ein SUVistischer Kadaver-Esser mit Metallica-T-Shirt. Ach herrlich, diese Klischees!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?

~Herbert Renz-Polster~

Ausgabe 7-19

Friedhofsleben

Arnold Illhardt (Telgte)

Ich mag Friedhöfe und so gehört es mittlerweile zum obligatorischen Urlaubs- und Ausflugsprogramm, den jeweiligen Friedhof der Stadt, in der wir uns befinden, aufzusuchen. Zum besseren Verständnis: mich piesackt weder der düstere Thanatos, noch entfacht der Anblick von efeuumwobenen Grabsteinen ein existentialistisches Freudenfeuer in mir. Die Hintergründe sind eher pragmatischer Natur: es ist still, diejenigen, die man besucht, quatschen nicht dazwischen und bisher wird man mit Werbung, Musikbeschallung und anderen neuzeitlichen Animositäten auf Friedhöfen verschont. Ein Quell der Ruhe also und so wandeln meine Frau und ich durch die Gräberreihen, halten dann und wann inne und schweigen, ganz benommen von der für einen Moment lebendigen Wahrhaftigkeit menschlicher Seiensbegrenzung.

Was mich beim letzten Besuch des Friedhofs meiner Stadt allerdings zunächst irritiert, dann mehr und mehr erschrecken lässt, ist die zunehmende Zahl der Toten, deren Geburtsjahr sich um mein eigenes rankt. Und der ein oder andere Name ist dabei, an den ich mich noch aus Jugendzeiten erinnere. Todesursache: Herzinfarkt, Krebs, Autounfall oder aufgehängt. Es ist alles dabei. Mir fallen abgelutschte Weisheiten wie „carpe diem“ oder „es gibt ein Leben vor dem Tod“ ein, wohlwissend um das Haltbarkeitsdatum, was die Umsetzbarkeit dieser Durchhalteparolen anbetrifft. Meist verpuffen sie, wenn man müde von dem Lebensinhalt Arbeit auf dem Freizeitbiotop Sofa einnickt. Und wie meine Blicke über die bronzenen Laternen, Inschriften,  Euonymusbüsche und Gräber der Frischverblichenen streifen, fällt mir ein, dass es viel zu früh zum Ableben wäre, ereilte mich das gleiche Schicksal. Es gibt noch so viel zu leben: so muss ich noch unzählige Bücher lesen, Länder und Städte besuchen, sowie mit unserem Wohnmobil komplett um Europa reisen, ich möchte Romane schreiben und mein Gitarrenspiel auffrischen, ich möchte mit meiner Frau die Betten, Wälder und Wiesen unserer Welt durchlieben, ich möchte für eine humanere Gesellschaft kämpfen und erleben, dass sich Parteien erübrigen, ich möchte Verrücktheiten ausprobieren, dazu beitragen, dass Telgte zum zweiten Worpswede wird, die Leute zum Denken bringen, ich möchte mit meiner Enkelin auf Rockkonzerten feiern und ihr den Sinn des Lebens nahe bringen, ich möchte, du liebe Güte, ich hab noch so viel vor. Und Tag für Tag lass ich mich von den dunklen Mächten, die mit ihrer nicht enden wollenden Gier und Lustfeindlichkeit alle Lebendigkeit aufsaugen, davon abhalten.

In einem Berliner Hinterhof fand ich auf einem Blechschild einen Spruch von Bazon Brock: Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Ne, nicht der Tod gehört abgeschafft, sondern das ungelebt

Wahlplakate

Arnold Illhardt (Telgte)

Einsam und fast schon leicht verschämt hängt an jenem Morgen das erste Wahlplakat an einem Laternenmast. Ich denke, es war ein Wahlplakat; es unterscheidet sich nicht sonderlich von Ankündigungen zu Antiquitätentagen oder Ausstellungen für Hundeaccessoires. Mit Wahlplakaten ist es wie mit dem Rasenmähen: Fängt einer an, klingt wenig später die ganze Nachbarschaft nach Nürburgring. Und wirklich: schon am nächsten Tag prangt das nächste Plakat in beachtlicher Höhe – wohl ein Symbol für Bürgernähe – an einem Pfosten. Irgendwann gesellen sich immer mehr hinzu und dann ist es ein ganzes Plakatemeer. Schön bunt, schön schrill und schön inhaltslos und nichtssagend. Und wenn man schon nicht viel zu sagen hat, außer dass man für irgendwas wie Freiheit oder Ordnung oder beides einstehen wird, wählt manche Partei wenigstens einen oder eine ihrer mehr oder weniger berühmten Parteimitglieder und lässt die gesichtslosen Visagen, die alle irgendwie geklont wirken,  in die Landschaft glotzen.

Meine Schwiegermutter fand heraus, dass die Zähne der Kandidatin einer Sektion mit Liberal im Namen sicherlich künstlich seien; das sind die großen Themen des bundesrepublikanischen Politiktheaters.  Vielleicht hätte man besser die Schuhe oder Hemden zeigen sollen, nicht jedes Gesicht eignet sich für eine Großaufnahme. Richtig, aufs Aussehen kommt es eigentlich nicht so an. Aber andererseits, die Menge der Charismatiker unter den Politikern lässt sich gut an fünf Fingern abzählen, obschon mir gerade niemand einfällt. Von mir aus könnte die große Parteivorsitzende auch Akne oder der Herr Minister eine entsetzliche Nasenbehaarung haben, würde er doch in seinem Reden und noch vielmehr in seinem Tun mit politischer Aussage- und Handlungskraft brillieren. Und vor allem: Dass er auch Demokratie meint, wenn er davon faselt.

Doch alles, was da an Masten und Pfosten schief oder grade baumelt, ist zumeist der dummschwätzende Bodensatz der Parteiendemokratie. Ich hatte die Ehre, mit dem ein oder anderen Minister unterschiedlichen Geschlechts    und Parteizugehörigkeit Kaffee zu trinken oder gar Mittag zu essen, aber ich weiß nicht, wie ich es umschreiben soll: es fühlte sich irgendwie leer an. Es ist wohl ein ähnliches Gefühl wie beim Beischlaf mit einer Prostituierten: Zum Schluss bleibt der schale Beigeschmack, sie meinte nicht mich, sondern mein Portemonnaie.

In Sichtweite prangt ein Riesenwahlplakat von einer dieser austauschbaren Parteien mit dem Slogan: Wir wollen Wohlstand. Ich kann mir nicht helfen, aber mir dünkt sie – die Elite – meint damit ausschließlich ihren eigenen. 

Ich freue mich auf die Zeit, wo die Politpappen wieder verschwunden sind und ich nicht schon morgens mit bedeutungsloser Wortakrobatik konfrontiert werde. Dann wird es nach einiger Zeit wieder ganz still und alles ist wie sonst: Die Politik dreht sich um sich selbst. Und manchmal klatscht neben mir etwas feucht auf: Kleine Tröpfchen Demokratie.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Demokratie bedeutet heute in Wirklichkeit eine Wahloligarchie ökonomischer und politischer Eliten, bei der zentrale Bereiche der Gesellschaft, insbesondere die Wirtschaft, grundsätzlich jeder demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht entzogen sind; damit liegen zugleich weite Teile der gesellschaftlichen Organisation unseres eigenen Lebens außerhalbe der demokratischen Sphäre. Und Freiheit bedeutet heute vor allem die Freiheit der ökonomisch Mächtigen.

~Rainer Mausfeld ~

Ausgabe 6-19

Ein Augenblick von Würde, Mut und Klugheit

Jürgen Buxbaum (Telgte)

Der große, breitschultrige Mann mittleren Alters in seinem billig-bunten Freizeitanzug bewegt sich mit breiten Schritten über den offenen Istanbuler Markt. Er muss sich seinen Weg durch das Gedränge nicht bahnen, die Leute weichen ihm aus.

An seinem Weg ein zweirädriger, hoher Karren voller kleiner grüner Früchte. Dahinter ein schmalbrüstiger, unrasierter Straßenhändler in einem verwaschenen dunklen T-Shirt, die Hose ist nicht zu sehen. Er scheint um die 60 zu sein, wirkt schüchtern, fast etwas verloren wie er dasteht in der Menge ohne seine Früchte anzupreisen.

Der Breitschultrige greift im Vorbeigehen, ohne den Älteren anzusehen, in den Karren und will weiter, die rechte Hand voller Früchte.

Dann diese kleine, überraschende Geste, fast zu übersehen. Der Obsthändler packt das Handgelenk des Vorübergehenden mit schnellem, hartem Griff, zwingt ihn, die Früchte fallen zu lassen. Einen Augenblick später legt er ihm zwei seiner Früchte in die Hand und lässt ihn los.

Der schaut ihn, als er so völlig unerwartet aufgehalten wird, überrascht an, zornig, verärgert. Jetzt blickt er auf die beiden Früchte in seiner Hand, zögert einen Moment und geht dann wortlos weiter.

Coffee to Go – Jetzt auch zum Mitnehmen

Jürgen Buxbaum (Telgte)

Mit wem wollen wir sprechen und als was stellen wir uns dar?

Gewisse Leute hoffen, Ingenium und Niveau auszustrahlen, wenn sie austauschbare Wörter lateinischer oder griechischer Provenienz absondern. Besonders ältere Akademiker sedieren immer noch gern Diskurse, indem sie den normativen Referenzrahmen ihres Narrativs betonen. Bei jüngeren Geistesverwandten prevails dagegen die Sitte, dass ihr Wording mindestens ein, wenn möglich mehrere Wörter in amerikanischem Englisch enthalten sollte. Da wird getriggered, gefeatured, performed, gefeadbacked, gesmashed, geswitched, gecanceled und gecrashed, dass es eine Lust ist. Es erhöht natürlich die Coolness bedeutend, wenn auch der/die andere Deutsche während des Talks gelegentlich ein bewunderndes Wau, pardon Wow, ausrufen kann. (Auch die Werbung weiß, dass es die Verkaufszahlen erhöht, wenn die Message bereichert wird durch englische Wörter, für die es im Zweifel sogar genau die gleichen auf Deutsch gibt.)

Ist es, nüchtern betrachtet, nicht völlig verrückt, dass Menschen mit der gleichen Muttersprache sich untereinander ernsthaft in einer anderen unterhalten? Wozu also das alles? Einfach

Gewohnheit? In den eigenen Kreisen einen besseren Eindruck machen, dazu gehören wollen? Die Leere der eigenen Gedanken hinter Fremdwörtern verbergen? Unbewusste Verehrung amerikanischer Kultur? All diese Aspekte spielen eine Rolle, entschuldigen aber nichts. Bei genauerer Beobachtung steckt mehr dahinter.

Man darf wohl davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland kein oder kein gutes Englisch spricht, von Latein und Griechisch ganz zu schweigen. Wer so redet, grenzt sich also in der Tat von vielen Menschen ab – und das ist auch beabsichtigt, bewusst oder unbewusst. Man erscheint eben wichtiger, klüger – mit anderen Worten: höher stehend – als die, die nicht alles verstehen. Wichtigtuerei ist fast immer mit Händen zu greifen.

Für Menschen und Organisationen, die andere mit politischen Botschaften erreichen wollen, ist es sehr nützlich, sich klar zu machen, wen sie mit ihrer Redeweise erreichen und wen sie ausschließen. Besonders dann, wenn sie vorgeben, die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertreten zu wollen und gerade die der Abgehängten und Benachteiligten. Schlimmer als die Tatsache, dass die Leute einen nicht verstehen, ist der Eindruck, dass sie von oben herab angesprochen werden. Wer es nötig hat sich aufzublasen und sprachlich als gespreizter Pfau daherkommt, schafft Distanz. Vertrauen jedoch braucht Nähe, und Distanz war immer schon eine Voraussetzung für Herrschaft.

Wir müssen uns unsere Sprache zurückerobern, eine Sprache der Freiheit, nicht die Herrschaftssprache der Bürokraten, eine Sprache, die konkret ist und kreativ, die ohne Worthülsen auskommt, ohne Abkürzungen für Spezialisten und ohne beschönigende und verlogene Begriffe wie „Arbeitnehmerfreisetzung“, „Entsorgungspark“ und „Populismus“. Es geht nicht um miefige Deutschtümelei. Fremde Sprachen zu sprechen ist wunderbar, denn sie erlauben uns, in andere Kulturen einzutauchen. Mit den eigenen Leuten jedoch eine Sprache zu sprechen, die ihre Würde respektiert und die sie verstehen, ist etwas anderes als Deutschtümelei. Die Art wie wir sprechen verändert und offenbart unser Denken und von beidem hängt unser Handeln ab. Nicht-Denken schließlich macht es auch nicht besser.

Kontakt? j_buxbaum@hotmail.com

Das Träumen lernen

Arnold Illhardt (Telgte)

Als kleiner Junge hatte ich einen Traum: Ich wollte mit einem Mercedes 600 nach Afrika reisen und dort als Missionar tätig sein. Gleichzeitig konnte ich mir aber auch vorstellen, wie Daktari im Busch zu leben. Später änderten sich die Visionen: Ich wollte Rockstar oder Schriftsteller werden und in einer alten Mühle wohnen. Zudem hatte ich die Idee, einen Freistaat wie in Christiania (Dänemark) zu gründen und dort in einer Gesellschaft ohne Autorität, Macht, Gewalt und Konsum zu leben. Die Träume gehen mir eigentlich nie aus und ich habe mit den Jahren gelernt, dass es nicht zwingend erforderlich ist, sie auch umzusetzen. Das Träumen an sich rettet einen oftmals aus der häufig dumpfen Realität. Dazu fällt mir eine Lebensweisheit ein, dass wer nicht mehr träumt, aufgehört hat zu leben. Ich würde sogar sagen: Wer nicht mehr träumt, wird auf Dauer krank! Meinen größten Traum konnte ich mir glücklicherweise direkt verwirklichen und ihn seit vielen Jahre tagtäglich leben: Eine ganz besondere Form von Liebe.

Manchmal stelle ich Jugendlichen die Frage: Hast du einen Lebenstraum? Meistens werden Träume mit materiellen Wünschen verwechselt und die jungen Leute erzählen mir von einem Laptop mit gigantischer Kapazität oder aber, wie neulich ein älteres  Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte, als einen Dodge zu fahren. Und sonst? Beruf. Familie. Ein Haus. Keine Verrücktheiten, keine Spinnereien oder Visionen einer friedlichen Gesellschaft.

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy (Autorin des Buches “Der Gott der kleinen Dinge”) wurde vor Jahren über Kapitalismus, Verführung und Glück der Askese interviewt. Dabei sagte sie den Satz: „Wir wissen nicht mehr, was unsere Träume sind und was wir unter Glück verstehen.“ Manchmal denke ich, wir sollen es auch gar nicht wissen, da uns die Träume vorgegeben werden. Es ist eine der wichtigen Aufgaben der Zukunft, den Jungen nicht nur lesen und schreiben beizubringen, sondern auch, wie wichtig Träume sind und was gelebtes Leben bedeutet. Ich plädiere für mindestens zwei Doppelstunden pro Woche.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?

~Herbert Renz-Polster~

Ausgabe 5-19

WAHRHEIT

Texte von Arnold Illhardt (Telgte)

Wahrheit 1

Über Jahre hatte ich nach der Wahrheit gesucht und fand sie unter einem Stapel von Lügen. Ich befreite sie von all dem Staub, sowie der angesetzten Patina, bis sie in ihrer alten Form glänzte. Als ich sie stolz herumzeigen wollte, reagierten die Menschen ungehalten. Sie hatten es sich in ihren Täuschungen bequem gemacht.

Wahrheit 2

Am Anfang fiel es Herrn M. noch schwer. Es war für ihn ein verstörendes Unterfangen, so als würde man über seinen eigenen Schatten springen müssen. M. war sehr christlich erzogen worden und christlich war eine Art allumfassende Zuschreibung für Alles und Jedes. M´s Vater nannte es auch christlich, wenn er seine Kinder aus nichtigen Gründen körperlich züchtigte. In dieser Weise hatte man M. auch unmissverständlich eingetrichtert, nicht lügen zu dürfen. Vielleicht kamen M. allerdings schon damals erste Zweifel, ob etwas, was man sagte oder gar behauptete, immer der Wahrheit entsprechen musste. Und außerdem, was war schon Wahrheit? Gab es eine absolute Wahrheit oder wurde nicht alles so ausgerichtet, dass es mit der inneren Überzeugung und damit dem vereinfachten und möglichst unangestrengten Denken übereinstimmte?

Der erwachsene M. war jemand, der durchaus einen Blick für die Dinge hatte, die um ihn herum passierten. Daher war ihm natürlich nicht entgangen, dass die Wahrheit keine Instanz mehr war, an die man sich zu halten hatte. Zwar wurde dieses Wort arg strapaziert, tauchte in Sonntagsreden und auf Wahlplakaten auf, aber es schien nicht mit einer Verpflichtung verbunden zu sein, sich auch daran zu halten. Eine Partei, die zum Mut zur Wahrheit aufrief, brillierte vor allem darin, mit Unwahrheiten zu glänzen. Der bisher gültige Satz, man müsse zu seinem Wort stehen, war längst in der Allgemeinheit verblichen wie ein altes Foto. Obiger Satz wurde allseits bemüht, aber es war eben auch nur eine Bemühung; eine fruchtlose Anstrengung. Was aber Joachim M. vor allem auffiel – wie gesagt, er war ein guter Beobachter – dass Menschen, die öffentlich und allseits bekannt als Lügner entlarvt wurden, umso mehr Zulauf bekamen. War das paradox oder ein Zeichen der Zeit, die M. schon lange nicht mehr verstand?

Als Herr M. das erste Mal selbst die Unwahrheit sagte, was er eher als eine Art Experiment ansah, schmerzte ihn dieses Verhalten zunächst. Stimmte es doch mit seinen Werten, die er glaubte, verinnerlicht zu haben, in keinster Weise überein. Es fühlte sich an, als sei es nicht er, der dort Unwahrheiten von sich gab. Zunächst waren es eher Kleinigkeiten. Kleine Schummeleien oder Täuschungen. Niemand fand etwas dabei oder bemerkte es. Das animierte Joachim M. immer mehr, von solchen Täuschungen Gebrauch zu machen. Erst zögerlich, dann wurde es mehr und mehr zur Methode.  Er versuchte auszublenden, dass es eigentlich gelogen war, aber auf der anderen Seite war ihm bewusst geworden, dass niemand mehr die Wahrheit hören wollte. Wahrheiten waren unbequem, schmerzten zum Teil und forderten unter Umständen Veränderungen in der Lebensweise. Doch viele sagten sich, dass sie ein Recht auf Bequemlichkeit hätten, da das Leben, in das sie sich selbst manövriert hatten, hart genug sei.

Irgendwann war M. zu einem notorischen Lügner geworden und das Lügen gelang ihm auf immer überzeugende Weise und längst erschreckte ihn sein Verhalten nicht mehr. Manchmal berief er sich auf die Werte des christlichen Abendlandes, ohne zu wissen, was dies wirklich bedeutete. Aber die Menschen um ihn herum glaubten, dass M. auf der sicheren Seite der Wahrheit sei, da ja christlich gleichbedeutend mit richtig sei. Dort wo er früher zweifelte, log er; dort, wo er früher alle Seiten betrachtete, wählte er einfach die passendste und dort, wo er früher nach geforscht hatte, nutzte er nun das Naheliegende. Herr M. hatte sich in eine Welt voller falscher Konstrukte manövriert, doch er stellte fest, sich sehr wohl darin zu fühlen. Er wurde ein erfolgreicher und anerkannter Politiker und auf seinem Wahlplakat prangte ebenfalls das Wort Wahrheit. Und alle glaubten es, da sie sich unsicher waren und das Selbstdenken verlernt hatten!

Wahrheit 3

“Die Wahrheit ist ein Meer von Grashalmen, das sich im Winde wiegt; sie will als Bewegung gefühlt, als Atem eingezogen sein.” Welch´ wundervoller Versuch des von mir sehr geschätzten Schriftstellers Elias Canetti, Wahrheit zu umschreiben. Ich legte das Buch zur Seite und sinnierte darüber, wie häufig meine Gefühle von diesen Grashalmen berührt oder gar angerührt worden waren, bevor Erkenntnis und Erkenntnisobjekt ineinander verschwammen. Es war vor allem das innere Ebenmaß dieser Vorgänge in meinem Kopf und meinem Herzen, das mich vermuten ließ, auf dem Weg zur Wahrheit zu sein. Das Ergebnis meiner Überlegungen fühlte sich harmonisch und stimmig an. Allerdings wollte ich nicht so vermessen sein, meine Wahrheit als absolut zu verkaufen. Mir war durchaus bewusst, dass es viele Wahrheiten gab, die nebeneinander vor sich hin vegetierten oder gar im Wettstreit lagen. Umso mehr machte es mich traurig und wütend zugleich, wenn Zeitgenossen – mächtige, wie sich unterwerfende – darauf beharrten, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Spürten etwa auch sie dieses Gefühl der inneren Harmonie ihrer Erkenntnisse? Hatten sie jemals gespürt, wie die Grashalme an ihrem Verstand kitzelten? Da sah ich, dass ich Canettis Ausführungen nicht zu Ende gelesen hatte. “Ein Fels ist die Wahrheit nur für den, der sie nicht fühlt und atmet; der soll sich den Kopf an ihr blutig schlagen.“ Ich war beruhigt, schien sich somit das Problem selbst zu erledigen.

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

In Bezug auf alle Grundfragen im Leben des einzelnen und der Gesellschaft, in Bezug auf alle psychologischen, wirtschaftlichen, politischen und moralischen Probleme hat ein großer Sektor unserer Kultur nur die eine Funktion – das, worum es geht, zu vernebeln.

(Erich Fromm)

FUNDSTÜCK

Nein, früher war der Geschichtsunterricht auch nicht toll, eine platte, ereignisbasierte Chronik der Sieger und Mächtigen. Bürgerliche Verehrung der großen Männer und Taten. Nationale Märchen, Lob des Grauens. Man hatte schon Glück, wenn einen ein linker Lehrer auf Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ hinwies. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass jedes Herrschaftssystem sein selbstlegitimierendes Narrativ überliefert.

Aus: Guillaume Paoli: Die lange Nacht der Metamorphose

Ausgabe 3-19

Arbeit frisst Leben

Margareta Muer (Köln)

Als eingefleischter Gegnerin des organisierten Verbrechens mit dem Namen Kapitalismus, der offenbar fest entschlossen ist, unsere schöne Erde im Namen des ewigen Wachstums und Profits gänzlich zu verspeisen, ist mir jedes Mittel Recht, diesem Schaden zuzufügen. Das geht. Und das geht sogar gut! 

Etwas, das für jeden echten Anti-Kapitalisten und jede echte Anti-Kapitalistin recht leicht zu tätigen ist, ist der leise und feine Arbeits-Widerstand. Diese überaus friedfertige Form des passiven (!) Widerstands erscheint mir nicht nur als höchst lobenswert, sondern auch als überaus  angenehm für jeden Widerständigen. Tu ein jeder nur noch das unbedingt Nötige, gehe ein jeder überaus pünktlich und vermeide sie und/oder er unbedingt Überstunden! Anstatt in unsinnigen Jobs menschlich zu verelenden, sich dort  aktiv an der eigenen Verwurstung zu beteiligen und den Diebstahl an der eigenen Lebens-Zeit, der Menschenwürde, der Kreativität für unausweichlich, für „alternativlos“ zu halten, sollten wir uns unsere Lebenskraft sparen für das Gute im Leben oder besser – für das gute  Leben. Zeigen wir also dem Arbeitsfetischismus, diesem virulenten Nährboden des Kapitalismus, und seinen Söhnen Geld, Fleiß, Ehrgeiz, Herrschaft, Gehorsam und Karrierismus endlich, was wir in Wahrheit von ihnen halten: NICHTS! Wenig-Tun oder gar Nichts-Tun, Müßiggang oder gar Faulheit, Gelassenheit oder gar Gleichgültigkeit sind wahre Wunderwaffen gegen den Kapitalismus, diesem gierigen Raubtier, das jedem einzelnen von uns Geist, Zeit, Kraft, Kreativität, Gesundheit und das Herz stiehlt und das uns zu willfährigen Konsum-Junkies machen will. 

Hören wir doch einfach auf damit – jeden Tag ein wenig mehr. Hören wir endlich auf, dieses gierige Ungeheuer Kapitalismus jeden Tag ein wenig fetter zu machen! Befreien wir uns aus dem Käfig, mag er auch noch so golden sein! Machen wir endlich kaputt, was uns kaputt macht!

Das Leben darf nicht länger das große Versäumnis sein! Lassen wir also die Beine baumeln, schenken wir uns Zeit und widmen wir uns endlich dem guten Leben! Schenken wir uns mehr Muße, mehr Zufriedenheit, mehr Lust! Schenken wir uns mehr Zeit für die Liebe und die Freundschaften, für die Kinder und die Alten! Mehr Zeit für Faulheit, für das Ausschlafen und für das schöpferische Tun! Nehmen wir uns die Zeit für all die wunderbaren Lebens-Genüsse! 

Worte

Arnold Illhardt (Telgte)

Schreiberherz,

Da quälst du dich und findest uns nicht

Du stammelst und ringst nach Fasson

Uneigene Mittel sind es

Die deine Worte ans Licht befördern

Angestrengt suchst du nach Wendungen

Die abgegriffen in entlegenen Winkeln lagern

Mühst dich um Kreativität

Doch schon verwackelt der Text

Wird wirr, verliert seine Form

Du suchst in der Ferne

Obschon wir doch nah sind

Schweife nicht umher

Sei spontan

Dann findest du uns

Worte

Millionär der Momente

Arnold Illhardt (Telgte)

Sollte ich nicht urplötzlich durch unerwartete Lottogewinne an das große Geld kommen, was von daher schon nicht passieren wird, weil ich nie Lotto spiele, so ist die Wahrscheinlichkeit, in diesem Leben noch zum Krösus zu werden, relativ bescheiden. Ich habe mir einen Beruf ausgesucht, der sich mit Menschen befasst, da ist an monetären Reichtum nicht zu denken. Die Betreuung  von Menschen ist absolut nicht sonderlich lukrativ, ganz anders wie – sagen wir – das Verramschen von Immobilien oder die Herstellung unsinniger Software. Und trotzdem bin ich mehrfacher Millionär: Millionär der Momente! Das Schöne daran ist, man braucht weder ein Bankkonto, noch einen einbruchssicheren Safe, sondern nur ein gut funktionierendes Gedächtnis, sowie einen klaren Blick für die schönen Dinge im Leben. Momentmillionäre benötigen keine schmucklosen Kontoauszüge, mit denen sich der unermessliche Reichtum kontrollieren ließe. Vielmehr ist es ein untrügliches Gefühl, ein gelebtes Leben zu führen, was von den großen Künsten auf Erden zu den schwierigsten gehört.

Zu der Gewissheit, ein mehrfacher Momentmillionär zu sein, kam ich neulich, als ich einen besonderen Ort in der Landschaft passierte, der mit einem wunderschönen Liebesmoment verbunden ist und obschon wettermäßig eine trübe Januarsuppe vor sich hin nebelte, roch ich plötzlich den Duft von Sommer und sonnenbeschienem Wald. Manchmal fahre ich extra einen Umweg, um diesen Moment wieder lebendig werden zu lassen. Echte Momentmillionäre können das! Natürlich gibt es große und kleine Momente, aber ganz anders als im schnöden und obendrein betrügerischen Banksystem sind diese trotzdem von ähnlicher Wertigkeit, jedenfalls im Nachhinein. Da ist der Abend in der beseelten und turbulenten Szenekneipe mit den abgewetzten Tischen in Prag ähnlich erinnerungskostbar wie der Urlaub in dem kleinen Bergdorf auf Korsika. Nun müssen Momente nicht unbedingt mit Reisen verbunden sein, auch wenn jede Reise das Momentkonto gehörig aufbessert. Vor allem ist es nicht notwendig, sich mit umweltbelastenden Fliegern in die Malediven exportieren zu lassen. Wer schon mal auf einem alten Kahn in den Amsterdamer Grachten geschippert ist und sei es nur auf der Stelle, erahnt, welche Gefühlsexplosionen sich da im innermenschlichen Gespürzentrum abspielen. Wie gerne erinnere ich mich an die sich  bis in die Morgenstunden ausdehnenden Kaminabende; wilde Tänze bei lauter Musik mitten in der Nacht, nur weil man diese alte CD wieder ausgegraben hat; ein Spaziergang im Nachbarort, der plötzlich einladender wirkt als bisher geglaubt; eine groteske Fotosession, bei der das Wohnzimmer in ein bizarres Fotostudio umgebaut wurde; ein neuer Wein, am Ufer unseres Flusses verkostet; eine Liebesnacht auf einem sagenumwitterten Berg oder sinnlich-knisternde Erlebnisse im Kastanienwald, an dem ich tagtäglich vorbeifahre. Da wäre das Buch, das ich verschlungen habe, obschon ich dieses Genre normal nie lese; ein Bummel über einen Flohmarkt, auf dem wir einen ansonsten völlig unbrauchbaren, dafür aber ungewöhnlich ausschauenden Gegenstand erwerben; eine Autofahrt durchs Gewitter, während wir dabei Steve Wilson lauschen; ein lasziv wirkender Fummel, den ich für meine Frau auf dem Second-Hand-Markt entdeckt habe und der seitdem besonderen Augenblicken vorbehalten ist; das allmorgendliche Nachkuscheln, bevor wir uns nach einer wie immer viel zu kurzen Nacht aus dem Bett quälen; das philosophische Gespräch beim Café-Besuch; der Blick durch ein beleuchtetes Fenster in einen kunterbunt gestalteten Raum; das Kennenlernen eines Menschen, der sich ebenfalls vom Mainstream verabschiedet hat und neue Wege sucht, vielleicht sogar Millionärskollege ist; meine Enkelin, die mir zärtlich am Bart zuppelt und mich mit ihrem unverschämt süßen Augen anlächelt; der Anblick des Katers, der abends auf dem Schoß schnurrt; das Entdecken einer schon etwas verblassten Widmung in einem Buch aus dem Antiquariat (Für meine bestrickende Tänzerin. Dein Eduard); das auf einem Boot zelebrierte Abendessen und unsere Flucht bei einer Fahrradtour vor westfälischen Killerstechfliegen; der Besuch einer alten Kirche, die nicht durch Prunk, sondern durch eine Atmosphäre der Kontemplation besticht; unsere existentialistischen Bummel über uralte Friedhöfe und die Freude daran, wie das Efeu die alten Grabsteine umgarnt; das (meistens) allfreitagliche Einläuten des Wochenendes in einem Cafe unserer Stadt; die von meiner Frau zuerst durchgeschauten und mit einem „dringend lesen“ vermerkten Zeitungsseiten oder die Worte aus unserer ganz eigenen Liebessprache, die immer noch aus der Zeit des Frischverliebtseins stammen. Wie gesagt, ich bin Millionär, vielfacher Millionär und es wird mir bei Lebzeiten nicht gelingen, alle Momente aufzuzählen, geschweige denn, in Worte zu fassen. Und soll ich was verraten? Sie würden ohne diese Liebe vielleicht nicht existieren und es wären keine Momente, sondern Zeitabschnitte. Marc Aurel sagt, man benötigt nur wenig, um ein glückliches Leben zu führen. Von dem wenigen habe ich unglaublich viel. Dank Dir!

DENKBAR

Seit 2010 befindet sich hier an der Herrenstraße die DENKBAR mit Sprüchen, Sätzen oder Zitaten, die wir für überdenkbar halten.

Künstliche Intelligenz wächst proportional zur künstlichen Dummheit.

(Harald Welzer)

FUNDSTÜCK

Nein, früher war der Geschichtsunterricht auch nicht toll, eine platte, ereignisbasierte Chronik der Sieger und Mächtigen. Bürgerliche Verehrung der großen Männer und Taten. Nationale Märchen, Lob des Grauens. Man hatte schon Glück, wenn einen ein linker Lehrer auf Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ hinwies. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass jedes Herrschaftssystem sein selbstlegitimierendes Narrativ überliefert.

Aus: Guillaume Paoli: Die lange Nacht der Metamorphose